Ein Hoch auf die Mainstream-Ökos

In Deutschland wurde ein Roman über Bienen zum «Buch des Jahres» gekürt und verkaufte sich besser als Dan Brown.

Ein Bild, wie es in «Die Geschichte der Bienen» nicht mehr vorkommt: Eine mit Pollen beladene Biene fliegt in ihren Bienenstock.

Ein Bild, wie es in «Die Geschichte der Bienen» nicht mehr vorkommt: Eine mit Pollen beladene Biene fliegt in ihren Bienenstock. Bild: Frank Rumpenhorst/DPA/Keystone

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Als «Überraschungserfolg der Kinderbuchautorin» bewertete das ZDF das, was Media Control am Mittwoch als «Buch des Jahres» verkündete. Mit 350'000 verkauften Exemplaren konnte die aus Oslo stammende Autorin Maja Lunde ihren Romanerstling «Die Geschichte der Bienen» (btb Verlag) in Deutschland tatsächlich vor den sonst üblichen Favoriten wie etwa Dan Brown platzieren. Um das aber überraschend zu finden (abgesehen von der Frage, wie man Kinderbuchautorinnen nach «Harry Potter» noch als erfolgsunverdächtig ansehen kann), muss man die vergangenen Jahrzehnte irgendwo verbracht haben, wo der Klimawandel als Fake-News gilt.

Die Bewertung des Buches, das als Zeitreise die Jahre 1852, 2007 und 2098 verbindet, das von einem Biologen handelt, von einem Imker und von Tao, die in der chinesischen Provinz Sichuan in ferner Zukunft die Bestäubung der Obstbäume von den dann nicht mehr vorhandenen Bienen übernehmen muss, darf man der Kritik überantworten; dass aber das Bienensterben als Sujet verkäuflich ist, gibt auch so zu denken. Zum Beispiel fällt auf, dass das Buch von Euphorie und von knirschender Kritik begleitet wird. Wer auf Amazon den Beifall (überwiegend) und die Ablehnung der Leser studiert, begegnet Denkmustern, die auch abseits des Buchmarktes anzutreffen sind, sobald es um Grün-Themen geht, die unsere Epoche als «Neo Nature» ausweisen.

Für die einen ist der Roman ein Aufschrei, der «Demut vor der Schöpfung» fordert. Dagegen schreibt ein Imker, als Fachmann also, unter dem Titel «Bienensterben light oder Wie man die Welt vom Ikea-Sofa aus rettet», er störe sich an «kalkulierter Sentimentalität». In diesem Sinne sei der Welt, der Natur und auch den Bienen nicht geholfen, wenn man sich Bestseller reinziehe, um sich auf romanhafte und irgendwie modische Weise ein reines Öko-Gewissen zu verschaffen.

«Greenwashing» kann sehr lustvoll sein

Interessanterweise war das so ähnlich auch zu hören, als der Global-warming-Blockbuster «The Day After Tomorrow» 2004 die Kinos mit einem aufregend schlechten Gewissen in Form abgründig schöner Bilder flutete. Man kann auch fragen, was in der Mode die «Eco»-Zertifikate bringen und was im Städtebau die «Öko-Städte» bewirken. Oder was in der Architektur von all den bemoosten Farn-Fassaden zu halten ist, die aktuell für Interesse sorgen.

Muss man noch erwähnen, dass Grün die «Farbe des Jahres 2017» war? Dass sich alternative Burger-Bratereien abgesägte Birkenstämme als Nature-Look in die Lokale stellen. Dass die Kreuzfahrer-Flotten die Wellnessareale ihrer vor sich hin dieselnden Saurierschiffe aussehen lassen wie das Dickicht grüner Regenwälder. Dass sich Bücher gut verkaufen, solange sie etwas mit Baum im Titel haben. Beispiel: «Die geheime Sprache der Bäume», «Das geheime Leben der Bäume» oder «Die Bäume und das Unsichtbare». Und dann gibt es noch dieses Bordell in Berlin, das einem «fünf Prozent Nachlass» gewährt, wenn man mit dem Fahrrad oder öffentlich hinfährt. Greenwashing kann ja auch sehr lustvoll sein.

Ja, es ist modisch geworden, sich grün zu geben. Total naiv. Oft verlogen. Blendwerk. Aber das ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Denn die Ökologie ist ein System, in dem die Masse und nicht die Avantgarde entscheidet, in welche Richtung es geht. Daher kann es gar nicht genug Mainstream-Ökos geben. Die Gefahr besteht zwar darin, dass man sich mit den Natur-Labels des Zeitgeistes zufriedengibt. Aber die ebenfalls berechtigte, bessere Hoffnung besteht darin, dass sich aus dem Modemäntelchen ein Bewusstsein entwickelt. Möglicherweise ist solche Hoffnung kitschig, aber wenn der Kitsch die Welt rettet: Bitte mehr davon, gerne auch vom Sofa aus.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 08.01.2018, 09:52 Uhr

Buchkritik

Bienen sind süss. Bienen sind sozial. Bienen sind nützlich. Und bedroht sind sie auch. Spätestens seit Markus Imhoofs Film «More than Honey» sind Bienen ein Symbol für den Schindluder geworden, den wir Menschen mit der Natur treiben – und wie er bumerangartig auf uns zurückschlagen könnte. Deshalb wundert es auch nicht, dass der Roman einer norwegischen Kinderbuchautorin weltweit gelesen wird. «Die Geschichte der Bienen» von Maja Lunde steht derzeit auf Platz 1 der «Spiegel»-Bestsellerliste und ist für 30 Länder lizenziert. 130 000-mal hat es sich auf Deutsch bereits verkauft, international sind es Millionen. Dabei handelt es weniger von Bienen als von Menschen, die sich ihnen widmen. Es ist geschickt konstruiert, etwas weitschweifig und literarisch nicht von Belang. Aber das Thema! Das fängt die Leser.
Maja Lunde präsentiert es in einem Dreischritt: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Wir springen mit ihr kapitelweise von 1852 nach 2007 und 2098, vor und zurück und kreuz und quer. Die Vergangenheit: Das ist der englische Samenhändler und Bastler William, der seine kinderreiche Familie kaum ernähren kann und sich von der Erfindung des modernen Bienenstocks mit herausnehmbaren Rahmen Ruhm erhofft.
Die Gegenwart: Das ist der Imker George, ein Nachfahre Williams, der seine Bienenvölker in Lastwagen quer durch die USA kutschiert und sie alle in kurzer Zeit verliert: durch Colony Collapse Disorder, ein noch nicht restlos geklärtes Phänomen, bei dem Bienen fast vollständig aus den Stöcken verschwinden. Ein umfassenderer Kollaps prägt die dritte Zeitebene. 2098 gibt es keine Bienen und auch sonst keine Insekten mehr, keine Vögel und viel, viel weniger Nahrung. Amerika und Europa sind elende, hungernde Landstriche, nur das diktatorisch verwaltete China hat die Lage einigermassen im Griff. Hier verliert Hao, eine Arbeitsbiene – im treffend metaphorischen Sinn: Sie bestäubt mit Tausenden anderen Tagelöhnern die Obstbäume –, ihren einzigen Sohn durch einen allergischen Schock.
Ist der Mensch der Schädling?
Der Reiz liegt in der Verbindung von warnender Aufklärung und menschelnden Konflikten. Das Bienensterben ist eine seit einigen Jahren viel beschriebene Tatsache; die Ursachen sind vielfältig: industrielle Landwirtschaft, Monokultur, Vernichtung von Lebensräumen, Pestizide und andere Parasiten. Und der Klimawandel. Man lernt im Roman denn auch durchaus etwas über das Leben der Nützlinge mit ihrer hochkomplexen inneren Organisation, die der Mensch erst nach und nach begriffen hat, um sie sich dann zunutze zu machen.
Ist der Mensch also der Schädling? Wenn ja, dann als «Prinzip» Mensch und nicht als Einzeltäter. Der wird von Maja Lunde aber in seiner Blindheit nicht für die Zusammenhänge der Natur, sondern für seine Allernächsten vorgeführt. William, auf seinen einzigen Sohn Edmund fixiert, einen Trunkenbold, verkennt Ehrgeiz und Interesse seiner Tochter Charlotte. Sein Nachfahre George vermasselt es seinerseits mit seinem Sohn Tom. Und Hao schlägt sich in einem apokalyptischen Szenario durch ein abbruchreifes Peking, wo sie den dreijährigen Wen-Wei zu finden hofft.
Der zeitliche Dreischritt suggeriert so etwas wie logische Unausweichlichkeit: Was die Vorväter erfanden, ruinieren wir gerade, und die Nachkommen müssen es ausbaden. Anders als der viel zitierte Satz Einsteins (der gar nicht von ihm stammt), laut dem vier Jahre nach dem Aussterben der Bienen die Menschheit am Ende sei, schätzen Wissenschaftler den Ernteausfall ohne die nützlichen Bestäuber auf unter 10 Prozent.
Schon das ist eine schlimme Perspektive, sie aufzuhalten, eine politisch komplexe Angelegenheit; denn sie hat auch mit Preisen zu tun, die wir für einen schonenden Umgang mit der Natur zu zahlen haben. Die Autorin arbeitet sich dann doch lieber an klassischen Vater-Sohn-Konflikten ab – so wie die Katastrophenfilme aus Hollywood notorisch zum Familienrettungsdrama schrumpfen. Das ist kreativ leichter zu leisten als die Weltrettung. Die Bienen verschwinden – auch aus dem Fokus der Autorin.

Martin Ebel

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Roman. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb, München 2017. 510 S., ca. 28 Fr.

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