Durch den Staub zu den Sternen

Er ist stolzes Mitglied in der «Körperschaft der Asphaltbrahmanen» und Vater von sieben Kindern. Jetzt ist das Buch «Mit Rose und Besen» des Freiburger Strassenwischers Michel Simonet auf Deutsch erschienen.

Seit 30 Jahren ist er Strassenwischer in Freiburg: Michel Simonet versteht sich als «ewiger Student ohne Pult und Dach».

Seit 30 Jahren ist er Strassenwischer in Freiburg: Michel Simonet versteht sich als «ewiger Student ohne Pult und Dach». Bild: Charly Rappo/zvg

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Die Aura des Mönchischen umweht ihn. Seine Haut ist gegerbt von der Arbeit unter freiem Himmel in jeder Jahreszeit. Gut 15 Kilometer legt Michel Simonet täglich zu Fuss zurück. Der Mann mit dem Besen ist auch ein sehr belesener Mensch, der aus den klassischen Quellen des Abendlandes schöpft und in seiner Freizeit am liebsten historische und philosophische Wälzer liest. Die beissende Kälte im Winter werde zuweilen «ontologisch», sagt er, und verwandle einen in eine «eisige Mandarine».

Seit 30 Jahren ist er mit Karren, Besen und mehr Werkzeugen in der Stadt unterwegs, sein Revier ist das Dreieck zwischen Place Python, Saint-Léonard und Pont du Gottéron. Wenn er seine Tour morgens um halb sechs beginnt, dann schläft Freiburg noch. Fast allein sei er dann und habe mitunter das Gefühl: «Ich bin der König der Stadt!»

Sein Revier, hat er einmal notiert, könne wie jeder Ort der Welt, den man voll und ganz bewohne, «zum unaufhörlich sich ausdehnenden Universum werden». Unterwegs ist er stets in seiner orangen Unform, dazu trägt er schwere Sicherheitsschuhe. Er strahlt Gelassenheit aus und verliert nur selten die Ruhe. Aber wenn man ihm seine Rose stiehlt und er sie später einige Hundert Meter weiter aus einem Mülleimer fischen muss, ja, dann kann er wütend werden für einen Moment. Für seine rote Rose ist er bekannt, der 55-jährige Freiburger Strassenwischer. Jeden Tag steckt er ein frisches Exemplar – eine Spende lokaler Floristen – in ein grosses Reagenzglas mit Wasser, das an seinem Karren befestigt ist. Und fertig ist das «duftende Rosarium».

Glücklicher Sisyphus

Diese Rose zieht die Menschen offenbar magisch an, immer wieder wird er auf die Blume angesprochen. Einmal zeigte ein Passant auf die Rose und meinte, man müsste die Menschen lieben können wie diese Rose. Diese Blume neben dem eingesammelten Unrat und dem zusammengekehrten Dreck bringt für Simonet die «condition humaine» auf den Punkt.

Zwischen der Reinheit der Rose und den Abfallbergen müsse sich der Mensch irgendwo ansiedeln – meistens mitten drin, denn jedes Individuum sei eine Mischung von beidem, von Licht und von Schatten. So spricht der Strassenkehrer.

Im vergangenen Jahr hat dieser Michel Simonet, der das College St. Michel mit einem Handelsdiplom abschloss und einige Semester Theologie studierte, ein Buch veröffentlicht: «Une rose et un balai» – eine Rose und ein Besen. Über 11 000 Exemplare wurden in der Romandie verkauft von diesen «Gedanken eines Strassenwischers», er kam zu Auftritten am Fernsehen und konnte sein Werk am Salon du livre in Genf vorstellen. Über den gläubigen Katholik und Vater von sieben Kindern kursieren viele Geschichten und Mythen; er sei ursprünglich Ingenieur gewesen, heisst es, ein Priester oder ein hoher Beamter mit Burn-out.

Die Wahrheit ist: Der junge Theologiestudent arbeitete während der Sommerferien als Aushilfskraft bei den Strassenwischern – und beschloss eines Tages, sich für eine Dauerstelle zu bewerben. Er wurde, obwohl «überqualifiziert», angenommen und bestand die Probezeit. Sein Ehrgeiz sei es immer gewesen, einen einfachen Beruf zu ergreifen: «Eine Arbeit, die einen nicht verschlingt und den Geist frei lässt.» In seinem Buch erzählt er mit vitalem Wortwitz und einer alles andere als angelesenen Weisheit von seinem Berufsalltag. Er berichtet vom imaginären «Museum der wundersamen Strasse», das alle von ihm gefundenen Gegenstände aufbewahrt – von Münzen und toter Katze über die Canabiswaage bis zum Knüppel mit der Aufschrift «Drischt die Wichser!».

Er verrät auch den übelsten Geruch, mit dem er es zu tun hat. Wenn Nacktschnecken in weggeworfenen, halb leeren Bierflaschen ertrinken und sich auflösen, dann übertrifft diese «Mischung Bier-Schnecke» jeden ihm bekannten «penetranten Gestank». Und das Glück? Das ist neben seiner Familie ein von ihm selbst sauber gefegtes Quartier, ein «kleines Nirwana auf Erden für einen freiwilligen Paria». Man muss sich diesen Sisyphus des Staubs und Drecks als glücklichen Menschen vorstellen.

Michel Simonet: Mit Rose und Besen. Nydegg-Verlag, Bern, 2016. 160 Seiten. 26.90 Fr. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.11.2016, 10:43 Uhr

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