Die Zukunft sitzt im Zellkern

Paul Wittwers neuer Krimi dreht sich um Machenschaften in der Anti-Aging-Forschung – und um das Potenzial des Nacktmulls.

Halb Bern ist in «Bestzeller» im Visier des Fahnders, und auch im Käfiggässchen passiert einiges – selbst in der Kanalisation.

Halb Bern ist in «Bestzeller» im Visier des Fahnders, und auch im Käfiggässchen passiert einiges – selbst in der Kanalisation. Bild: Franziska Rothenbühler

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Ist der Burgdorfer Arzt Paul Wittwer hellseherisch begabt oder einfach vom Zufall begünstigt? Denn im Prolog zu seinem neuen Krimi spricht er vom sommerlichen Jahrhunderthoch, das Bern einheizt. Doch wer glaubt, sein Buch «Bestzeller» eigne sich für den dösenden Badegast, irrt sich. Der halb schläfrige Zustand ist eine schlechte Voraussetzung für die Lektüre dieser verzwickten Geschichte; vielmehr ist hellwache Aufmerksamkeit gefragt, um all den Windungen zu folgen. Aber Lesestunden voller Spannung für Wittwers Fan­gemeinde sind garantiert.

Auf sie darf der 1959 im Emmental geborene Mediziner und Autor zählen, seit er mit Titeln wie «Eiger, Mord & Jungfrau», «Giftnapf» und «Widerwasser» an die Öffentlichkeit getreten ist. Auch im neuen Werk stützt er sich auf sorgfältige Recherchen und setzt sein medizinisches Wissen sowie seine ärztlichen Erfahrungen ein. Halb Bern gerät diesmal ins Visier: das Inselspital, die Universität, das Stadtbauamt, das Bundeshaus, das Hotel Schweizerhof, eine Anwaltskanzlei, eine Arztpraxis, eine Bar, ein nobles Domizil an der Junkerngasse, eine Kunstgalerie und und und.

Am Käfiggässchen passiert ebenfalls einiges, denn dort wird ein Einbruch in die Büros der Laborservice AG verübt, aber beileibe nicht via Fenster oder Eingang. Nein, die Diebe nähern sich dem Tatort aus dem Untergrund, sprich: aus der Kanalisation der Stadt Bern. Dort stinkt es fürchterlich, und ohnehin reichert Paul Wittwer seinen Roman in olfaktorischer Hinsicht ausgiebig an: eine stete Herausforderung für die Nase seines Fahnders Limacher.

Kostbares Tier

Natürlich wird die Geschichte, die mit lebendigen Milieuschilderungen, treffenden Personenzeichnungen und prägnanten Dialogen aufwartet, hier nicht verraten, denn das ist angesichts eines Krimis verpönt. Nur dies: Es geht um viel Geld und die ungezügelte Gier danach, um Prestige und Schönheit, um den Kampf gegen den Alterungsprozess und um einen Nacktmull, ein abscheuliches Tier, das jeden empfindsamen Betrachter in die Flucht schlägt.

Wem ist noch zu trauen? Wer ist Drahtzieher, wer williger Gehilfe Paul Wittwer desillusioniert die Lesenden gründlich.

Aber diese Kreatur ist so kostbar wie hässlich – Letzteres für die Anti-Aging-Forschung. Unabsehbare gentechnische Möglichkeiten eröffnen sich, denn der Nacktmull bildet Antikörper, die den Alterungsprozess des Menschen aufzuhalten vermögen. «Gentechnologie­basiertes Anti-Aging setzt nicht mehr bei der Kosmetik, sondern im Zellkern an», doziert ein Experte in Wittwers Roman. Ein Reichtum winkt, für dessen Erwerb man sich über ethische Erwägungen hinwegsetzt, denn im lancierten Produkt «Ambrosia» steckt ein ungeahntes Marktpotenzial.

Paul Wittwer dürfte mit seinen kritischen Erwägungen auch auf erbitterte Gegner stossen, legt er doch den Finger auf wunde Stellen: etwa auf die Verbandelungen zwischen Forschung und Wirtschaft, welche die Unabhängigkeit eines Lehrstuhlinhabers beeinträchtigen. So wird der Autor zum Aufklärer, der Verschleierungstaktiken und für Patienten bedrohliche Schummeleien offenlegt. Wem ist in seiner Story noch zu trauen? Wer ist der wahre Drahtzieher, wer nur williger Gehilfe?

Gründlich desillusioniert Wittwer die Lesenden, vor allem die treuherzigen. Selbst Tierschützer sind vor seinem scharfen Blick nicht sicher. Héctor etwa treibt seinen Fanatismus so weit, dass er auch vor einer kriminellen Tat nicht zurückschreckt, während seine Schwester Valérie, die einstige Komplizin, ins gegnerische Lager hinübergewechselt ist und nun höchst gefährdet zwischen den Fronten steht.

Und dies im soliden Bern!

So wuchert die Geschichte mehr und mehr, bezieht immer neue Schauplätze und Personen (zum Teil auch Figuren aus früheren Romanen Wittwers) ein, bis man sich lesend in einem Dickicht fühlt – gefangen und behext von so vielen Offenbarungen aus dem Untergrund des Menschseins. Und dies alles im soliden Bern! Der Erzählökonomie sind die (zu) vielen Episoden und Beteiligten zweifellos abträglich. Trotzdem dürfte Wittwers «Bestzeller» auch diesmal zum Bestseller mutieren.

Übrigens soll, hält man sich an Wittwer, ein kräftiges Tief über dem Nordatlantik den Sommer buchstäblich wegspülen.

Paul Wittwer: Bestzeller. Kriminalroman. Nydegg-Verlag, Bern 2018. 430 Seiten, ca. 26 Fr.(Der Bund)

Erstellt: 07.08.2018, 06:39 Uhr

Paul Wittwer ist Arzt und Krimiautor. (Bild: Franziska Scheidegger)

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