«Die Sprache steht an erster Stelle»

Flurin Jecker gehört zu den diesjährigen Absolventen des Literaturinstituts in Biel. Ist er nun ein eidgenössisch diplomierter Schriftsteller?

Flurin Jecker fühlt sich nach dem Studium in Biel «viel stärker auf der Brust, nicht nur in literarischer Hinsicht».

Flurin Jecker fühlt sich nach dem Studium in Biel «viel stärker auf der Brust, nicht nur in literarischer Hinsicht». Bild: Adrian Moser

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Marie Caffari, die Leiterin des Literaturinstituts, sagt, am Ende des Studiums könne jeder für sich entscheiden, ob er literarisches Schreiben professionell betreiben wolle. Haben Sie sich entschieden?
Alle fragen mich, was machst du jetzt nach dem Abschluss. Ich antworte dann meist, dass ich so weiter mache wie bisher. Ich will weiter schreiben. So viel wird sich nicht ändern. Gut, es war schon praktisch, in den vergangenen drei Jahren sagen zu können, ich studiere Literarisches Schreiben. Vorher hatte ich den Leuten immer erklären müssen, was ich mache. Und die Reaktion war oft: Aha, der ist wohl auf Sinnsuche. In Biel habe ich Leute kennen gelernt, die das Gleiche machen. Da fiel ein Legitimationsdruck weg, was viel Energie freisetzte und mir Freiheit gab, noch mehr zu schreiben.

Dieser Bachelor in Literarischem Schreiben ist ein akademischer Grad. Verstehen Sie sich als eidgenössisch diplomierter Schriftsteller?
Nein, sicher nicht. Jetzt habe ich ja zwei Bachelors, einen in Biologie und einen in Literarischem Schreiben. Das ist nicht sehr viel (lacht). Wenn man unter Schriftsteller jemand versteht, der hauptsächlich literarisch schreibt, dann kann ich die Frage bejahen. Aber ich fühle mich sicher nicht deswegen als Schriftsteller, weil ich das Literaturinstitut in Biel besucht habe. Meine Tätigkeit besteht ja seit fünf Jahren zum grossen Teil aus Schreiben, das war schon vor dem Literaturinstitut so. Und es tönt vielleicht paradox: Je länger ich intensiv schreibe, desto weniger wichtig wird mir die Frage nach dem Schriftstellerstatus.

Sie haben sich früh mit Worten an die Öffentlichkeit gewandt: als Blogger bei der «Tanz dich frei»-Bewegung, als Journalist. Sie haben auch einen autobiografischen Roman geschrieben. Was gab den Ausschlag, sich für einen Platz am Literaturinstitut zu bewerben?
Während ich an diesem Roman arbeitete, war ich die ganze Zeit überzeugt, dass ich nie im Leben nach Biel gehen werde. Den Roman habe ich übrigens später verworfen, weil er formal zu heterogen war. Ich wollte damals alles andere als Werkzeuge in die Hand bekommen für mein Schreiben. Wenn ich in eine Schule gehe, die mir Tipps zum Schreiben gibt, dann kann das nichts werden mit der Kunst. Das war meine Haltung.

Sie waren also ein Gegner dieses Ausbildungsgangs?
Ja, bevor ich mich näher damit auseinandergesetzt habe, lehnte ich das Literaturinstitut ab. Natürlich waren das Vorurteile. Ich habe das Lernen zu eng mit festen Leitplanken assoziiert, die einen zu einem Ziel führen. Wenn man nach einem Bauplan schreibt, dann kann dabei kein literarischer Text herauskommen. Ich will mit Schreiben etwas herausfinden, und das ist ein Prozess des Lernens. Überzeugt hat mich dann vor allem die Einrichtung eines Mentorats, und dass man zwei Drittel der Zeit zu Hause am Schreiben und Arbeiten ist.

Die Mentoren sind meist Schriftsteller, die als Coach eine intensive Arbeitsbeziehung mit einem Studenten eingehen.
Das Schreiben ist eine intensive, einsame Arbeit mit sich selber. Der Mentor begleitet einen dabei. Es ist, zumindest in meinem Fall, eine freundschaftliche Beziehung. Mein Mentor war der Berner Schriftsteller Francesco Micieli. Es kam mir oft so vor, als ob er wie ein zweites Ich kritische Fragen stellte, die sich mehr auf den Schreibprozess als auf den Text bezogen. Er konnte mit zwei, drei Fragen alles auf den Kopf stellen. Er fragte zum Beispiel: Macht der Protagonist wirklich, was da geschrieben steht? Dann trug man diese Frage zwei Tage lang mit sich herum (lacht).

Ist das Studium eine Art Schutzraum, in dem man sich voll auf das Schreiben konzentrieren kann?
Das Studium ist so aufgebaut, dass man zuerst etwas Schule hat, meist Workshops, die etwa drei Halbtage pro Woche einnehmen. Im Laufe des Studiums werden diese aber immer weniger. Ich erachte es als sehr sinnvoll, dass man lernen muss, seinen Tag zu strukturieren, und nur sich hat als Instrument. Auch wenn nach dem Abschluss diese Struktur wegfällt, spüre ich, dass ich weiter bin. Den Rahmen schaffe ich mir inzwischen selber, ich bin viel stärker auf der Brust, nicht nur in literarischer Hinsicht.

Sie befürchten also nicht, in ein Loch zu fallen?
Nein, wobei ich gerade einen kleinen Roman beendet habe. Das ist eine Zäsur, die natürlich immer die Gefahr beinhaltet, in ein Loch zu fallen. Dieser Roman ist mehr oder weniger zufällig auch meine Abschlussarbeit geworden. Ich konnte ihn rechtzeitig abschliessen.

Am Freitag lesen Sie zusammen mit den anderen Absolventen aus dieser Abschlussarbeit. Worum geht es?
Es ist ein Entwicklungsroman. Im Zentrum steht ein 14-jähriger Junge, der gleichzeitig der Erzähler ist. Er pendelt zwischen den geschiedenen Eltern und befindet sich in dieser schwierigen Phase zwischen Noch-Kindsein und Erwachsenwerden, zwischen Abnabelung und der Anbahnung neuer Freundschaften. Das ist die Ausgangslage von Hunderttausenden Jugendlichen in der Schweiz. Auch die Frage: Was soll das alles, wozu werde ich überhaupt gebraucht? In einer Projektwoche in der Schule beginnt er einen Blog. Dort fängt der Roman an, der formal ein Blog ist, also eigentlich ein Tagebuch, das sich an imaginäre Freunde richtet.

Wie haben Sie den Tonfall für diese jugendliche Stimme gefunden?
Die Sprache steht natürlich an erster Stelle. Aus der Sprache entstehen Figuren und nicht umgekehrt. Aus der Sprache entstand auch die ganze Geschichte. Ich habe zuerst ein Jahr lang geschrieben ohne Handlungsgerüst oder Bauplan. Ich habe mich nicht an bestimmten Jugendlichen orientiert. Es ist eine schweizerische Jugendsprache, gleichzeitig auch eine Kunstsprache, die gerade deswegen authentisch wirkt. Der Text ist jetzt auf dem Weg zu Verlagen. Ich mache das mithilfe einer Literaturagentin, die den Roman gezielt Verlagen anbietet.

Angehende Schauspieler sprechen für ein Engagement vor. Haben Sie ihm Rahmen des Studiums bei Verlagen vorgesprochen?
Nein. Verlagswesen und Literaturbetrieb werden vollkommen ausgeklammert, in dieser Beziehung wird man ein wenig im Stich gelassen, was aber durchaus seine Vorteile hat. Die Ausbildung ist explizit ein Studium in Schreiben; und dieser Anspruch wird auch eingelöst. Auf der anderen Seite lernt man in Biel auch viele wichtige Leute des Literaturbetriebs kennen. Man kann sich da ein Netzwerk aufbauen, muss das aber aus eigener Initiative angehen.

Das Literaturinstitut hat bereits etliche prominente Abgänger wie Arno Camenisch, Michael Fehr oder Meral Kureyshi. Verspürt man da als Student einen gewissen Druck?
Für das Renommee des Instituts sind diese erfolgreichen Abgänger natürlich nicht schlecht. Es klingt vielleicht unglaubwürdig: Aber Druck habe ich in dieser Beziehung in meinem Jahrgang nie verspürt. Die Konkurrenzsituation wäre sicher grösser, wenn ich ein Buch veröffentlichen würde.

Sie haben während des Studiums als Lokaljournalist gearbeitet. Empfanden Sie das als befruchtend für das literarische Schreiben?
Spannend finde ich die Gegensätze, wenn ich etwa an einem Tag für die Zeitung arbeitete und an eine Pressekonferenz ging und am anderen Tag für mich an einem Text schrieb. Aber am besten fahre ich, wenn ich beides möglichst trenne. Wenn ich jedoch eine Geschichte schreibe über den letzten Waschsalon Berns, dann betone ich den literarischen Aspekt gerne. In der Regel sind es aber News-Artikel, die anderen Gesetzen gehorchen.

Verstehen Sie sich auf dem Feld der Literatur vor allem als Prosaautor?
Ja, eindeutig. Gedichte schreibe ich eher als Hobby (lacht). (Der Bund)

Erstellt: 24.06.2016, 07:31 Uhr

Flurin Jecker

Schweizerisches Literaturinstitut

Flurin Jecker, Jahrgang 1990, hat ein Bachelorstudium in Biologie in Bern abgeschlossen. Als Blogger war er einer der Köpfe der «Tanz dich frei»-Bewegung 2012. Politische Statements auf Youtube, etwa ein offener Brief an SVP-Politiker Erich Hess, wurden zu einem seiner Markenzeichen. Er ist regelmässiger Mitarbeiter der «Bund»-Lokalredaktion und hat 2013–2016 Literarisches Schreiben in Biel studiert. Am Freitag werden Jecker und sieben weitere Absolventen des Studiengangs ab 19.30 Uhr im Schweizerischen Literaturinstitut in Biel (Villa Rockhall IV, Seevorstadt 99) Auszüge aus ihren Abschlussarbeiten präsentieren.

Dazu erscheint auch ein Buch; die Dokumentation ermöglicht einen Einblick in die Texte, Arbeiten und Positionen am 2006 eröffneten zweisprachigen Literaturinstitut. Der Eintritt zu den Lesungen ist frei. (lex)

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