Zum Hauptinhalt springen

«Die Muslima will Wahlrecht und Kopftuch»

Die Soziologin Nilüfer Göle über die Veränderungen islamischer Identität in der europäischen Moderne und die Rolle der Türkei dabei.

Die Kirche Mormikail in der türkischen Provinz Mardin mit Blick zur syrischen Grenze.
Die Kirche Mormikail in der türkischen Provinz Mardin mit Blick zur syrischen Grenze.
Keystone

Nilüfer Göle hat wallende, leuchtend rote Haare – und kein Kopftuch. Ihr Vater war Mitglied in Atatürks Republikanischer Volkspartei, und seine 1953 geborene Tochter erzog er nach den laizistischen Grundsätzen des Kemalismus. Sie lehrt heute als Soziologieprofessorin in Paris. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die islamische Identität in der Moderne, etwa die Rückkehr junger, gebildeter Türkinnen zum konservativen Auftritt mit Kopftuch. Was, so fragt sie, löst die neue muslimische Frau in der (alt)europäischen Gesellschaft aus? Der Islam nimmt hier zunehmend öffentlich Konturen an, und die hiesige Bevölkerung reagiert mit Widerstand. Göles Studien wurden vielfach übersetzt, ihre Thesen werden in der Europäischen Kommission diskutiert.

Kemal Atatürk hat die türkische Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert umgekrempelt: Wahlrecht für Frauen, Schweizer Zivilrecht, lateinisches Alphabet. Religion war bloss ein Mittel zum einigenden Zweck. Weht jetzt ein anderer Wind? Wir sind an einem Wendepunkt, in Europa wie in islamischen Gesellschaften. Die Türkei ist das «westlichste» der islamischen Länder. Deshalb ist entscheidend, was dort jetzt im Zuge der neuen Religiosität geschieht. Im Juni wurde das Tragen von Kopftüchern an türkischen Universitäten durch das Verfassungsgericht verboten, nachdem es erst im Februar durch die religiös-konservative Regierung freigegeben worden war. Die Gesellschaft steht vor einer Zerreissprobe: Im europäischen Kontext ist die Türkei quasi der Lackmustest. Sie hätte die Chance, ein Modell für Pluralismus zu entwickeln. Hier die Anpassung an die Standards der EU – Gleichberechtigung der Frauen, der Homosexuellen usw.; da eine islamische Religiosität im öffentlichen Raum. Aber der Staat weiss mit der Situation noch nicht recht umzugehen.

Warum wenden sich gerade gebildete Schichten wieder der Tradition zu? Es handelt sich nicht um eine Antimoderne und nicht um Traditionalismus. Im Gegenteil: Gerade die Globalisierung und Individualisierung sind Grundpfeiler dieser Entwicklung. Die neuen Kopftuchträgerinnen sind nicht vergleichbar mit den Frauen, die das im Dorf immer schon so gehalten haben. Die urbane Muslima will oft das Wahlrecht und das Kopftuch; die Kaderstelle und eine öffentliche Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur. Religion ist eine Frage der Identität geworden, des aus vielen Bereichen zusammengesetzten Ichs. Die Gastarbeiter der ersten Generation wollten nicht auffallen, und die Frauen blieben im Hintergrund. Inzwischen hat eine Verschiebung stattgefunden: vom Nationalen zum Übernationalen, Religiösen; und vom Privaten zum Öffentlichen. Es ist eine Form von antikolonialer Bewegung.

Warum «antikolonial»? Als Atatürk seine Türkei formte, übernahm er viele Massstäbe des Westens. Moderne hiess: weg mit dem Turban, weg mit dem Kopftuch. Laizismus und freie Liebe galten als modern, und auch der Feminismus der Siebziger war säkular und westlich. Kurz: Die Selbstdefinition funktionierte immer als Vergleich mit dem Westen und wurde als Gefälle wahrgenommen. Nun wird gegengesteuert: «Muslim is beautiful.» Die lange aus der modernen Öffentlichkeit ausgeschlossene Religiosität wird hereingehoben, und dies mit den Mitteln der Moderne. Ein Indikator dieses Trends im Alltag in Europa und in der Türkei sind eben diese jungen Frauen, die lautstark Freiheitsrechte für sich in Anspruch nehmen, und seis die Freiheit zum Kopftuch.

Wie sollte sich Europa verhalten? Der erste Schritt wäre Selbsterkenntnis: Warum reagiert man so irritiert auf Kopftücher? Warum fürchtet man sich vor der Türkei? Europa, das als Hort des Säkularen und Liberalen galt, muss seine Werte unter die Lupe nehmen, seine eigenen Ideologien, Ängste und Grenzen freilegen. Ein christlich bestimmtes Polen zum Beispiel verursacht viel weniger Konflikte als eine laizistisch orientierte Türkei: warum? Europa erschien früher nie als eine christliche Einheit; heute schon. Und dann: Immigration verlangt mehr von Europa als früher. Das Stichwort heisst nicht mehr assimilieren, sondern teilen, sich austauschen. Auch der öffentliche Raum sollte pluralistisch verfasst sein: Genau das ist ja das Erbe der europäischen Aufklärung.

Was heisst Aufklärung im Kontext des neuen Islam in Europa? Als Teenager habe ich an Europa immer die Qualität der freiheitlichen Diskussion bewundert. Etwa die deutsche Geschichtsschreibung: diese Selbstkritik, diese offene Auseinandersetzung mit dem Holocaust! In der Türkei kommt der Genozid an den Armeniern im Schulunterricht nicht vor. Doch im Umgang mit dem Islam zeigt man sich in Europa oft undifferenziert. Ein Beispiel: Ich finde es nachvollziehbar, dass der öffentliche Raum eine gewisse Homogenität haben sollte und Kinder eine Distanz zum Elternhaus lernen. Aber einem Schulkind das Kopftuch zu verbieten, wie es in Frankreich geschieht, halte ich für kontraproduktiv. Das ist sogar gefährlich – genauso, wenn die Türkei den Bürgern den Laizismus per Dekret aufzwingt. Ab wann ist der Wille zur Gleichheit ein Instrument einer Diktatur?

Entstammt der Zwang zum Kopftuch nicht selbst einem diktatorischen Geist? Das Kopftuch wird ja nicht selten aus freien Stücken gewählt. Und ja, Muslime müssen lernen, mit der Freiheit der Frau, der Rede, der Presse umzugehen und auch mit scheinbaren Blasphemien: Wir leben in vielen Modernen, und das erfordert Toleranz. Anderseits zeigt der Cartoon-Fall in Dänemark auch, dass der sonst so differenzierte Westen bei Konflikten mit der islamischen Welt seine Subtilität verliert. Die Cartoons waren, künstlerisch gesehen, ein Machwerk. Trotzdem wurden sie aus ideologischen Gründen vielerorts nachgedruckt. Die Qualitätsfrage, die Europa löblicherweise zu stellen pflegt, war hier kein Thema. Es ging um Prinzipienreiterei.

Gehört es nicht zum aufklärerischen Impetus, sich prinzipiell auf die Seite der Freiheit zu stellen? Ich wünschte mir einen Zugang zum Islam, der intellektualisiert, ästhetisiert und, vor allem, entdramatisiert. Wir teilen den gleichen Raum. Das ist keine «cohabitation» ohne Berührungspunkte, sondern ein Austausch in zwei Richtungen, wie ihn Fatih Akin in seinen Filmen zeigt. Eine gegenseitige Anverwandlung des anderen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch