Die Liebe in Zeiten der intelligenten Verkehrsampel

Navid Kermani jagt noch einmal das grosse Gefühl. Und findet wenigstens zur grossen Erzählung.

Wir lesen den Roman, den er doch erst gerade schreibt: Navid Kermani. Foto: Gunter Glücklich (Laif)

Wir lesen den Roman, den er doch erst gerade schreibt: Navid Kermani. Foto: Gunter Glücklich (Laif)

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Nach Moskau!, zieht es die drei Schwestern bei Tschechow, die in der Provinz versauern. «Immer dachte sie an Paris», heisst es bei Maupassant, und von der französischen Hauptstadt erhofft sich auch das zerrüttete amerikanische Paar in Richard Yates’ «Revolutionary Road» die Rettung. Sehnsucht, die ohne Erfüllung bleibt.

Wenn nun Navid Kermanis Erzähler, ein deutscher Schriftsteller, der zu einer Lesung in eine Kleinstadt gekommen ist und hier zufällig seine Jugendliebe Jutta trifft, meint, er stelle für sie und das Provinzpublikum «sozusagen Paris» dar, dann unterliegt er einer Illusion, die er bald selbst durchschaut. Denn Jutta, die einstige Schulhofschönheit, ist inzwischen die Bürgermeisterin der Stadt. Und was heisst überhaupt Provinz? Wird hier nicht fortschrittliche Politik im Kleinen betrieben, ist Juttas Bemühen um sensorgesteuerte Ampeln und fair gehandeltes Frühstück im Kindergarten nicht auf der Höhe der Zeit?

In Navid Kermanis neuem Roman geht es hauptsächlich um das gesteigerte Leben, das grosse Gefühl. Er knüpft an den Vorgänger «Grosse Liebe» (2014) an, an die Erinnerung an jenen 15-Jährigen, der in den 80ern für eine Woche von der Abiturientin Jutta in ihr hippiemässiges, räucherstäbchenduftendes WG-Zimmer und auf ihre Matratze gelassen wurde und der die amouröse Verzückung mit Texten islamischer Mystiker grundierte.

Die Routine kommt

Auch jener Roman spiegelte Gesellschaft und Zeitgeist, den Muff, das Spiessertum und die Träume von Aus- und Aufbruch. «Sozusagen Paris» führt nun vor, wie sich Deutschland – und die Schweiz nicht viel anders – gewandelt hat. «Damals, in Brokdorf, kämpfte Jutta gegen den Staat. Jetzt ist sie der Staat»: Und an die Stelle der Utopie sind die vielen kleinen Kompromisse getreten. Ist das die neue, die grüne Spiessigkeit?

Zur Utopie gehört auch die Liebe, sie stellt sozusagen die Revolution im Privaten dar. Sie ist das ganz Andere, absolut, höchste Steigerung und Selbstverlust. Eine romantische Vorstellung, die wir alle in uns tragen. Wir sind illusionssüchtig, aber auch desillusioniert. Muss die absolute Liebe nicht an der Realität scheitern? In der Ekstase, ob mystisch oder sexuell, scheint sich der Augenblick zur Ewigkeit zu dehnen. Aber es gibt unweigerlich ein Erwachen, die reguläre Zeit meldet sich, Wiederholung wird zum Alltag, zur Routine. Aus Liebe wird Gewohnheit, gute, mittelmässige oder schlechte Ehe. Das sagt uns die Erfahrung, aber auch die gute Literatur.

Navid Kermanis Erzähler befindet sich in Juttas Wohnzimmer. Sie hat ihn nach Lesung und Abendessen mit zu sich nach Hause genommen. Die Kinder schlafen, der Mann, ein Arzt, macht oben Abrechnungen. Der Erzähler betrachtet die Bücherwand. Da stehen sie alle, die grossen Franzosen, die Kenner der menschlichen Psyche, die den Gegensatz von romantischer Liebe und bürgerlicher Ehe durchdekliniert haben: Balzac, Stendhal, Flaubert, Maupassant, Julien Green, Marcel Proust vor allem und schliesslich Milan Kundera, der Tscheche, der für Kermani die französische Tradition bis heute fortschreibt.

Ein neues Leben?

Und sie speisen den Roman mit Zitaten, oft über ganze Absätze hinweg, mit einer Weisheit, die die Handlung immer wieder über sich hinaus hebt, so, wie Kunst das eben kann: in sprachlicher Brillanz und gedanklicher Verdichtung. Es geschieht nicht viel: Der Erzähler – wie immer bei Kermani so nahe beim Autor, dass es zur autobiografischen Lektüre verführt – hört sich an, was Jutta über ihr Leben mitteilt, wie sie über ihre Ehe klagt, über ihren Mann schimpft, und macht sich seine Gedanken.

Darüber, was möglich wäre. Wenn er Jutta, die den Kopf erschöpft an ihn ­gelehnt hat, zu streicheln anfinge: Würde daraus eine Wiederaufnahme ihrer Jugendliebe? Ein neues, intensiveres Leben? Aber auch darüber, was die grossen Franzosen Definitives über solche Sehnsüchte aufgeschrieben haben. Und schliesslich über den Roman, den er, wie ihm recht schnell eingefallen ist, über die Begegnung schreiben will – über die Desillusionen des Lebens, über die Bewältigung des Alltags, über das Endliche und das Unendliche. Also über den Roman, den wir gerade lesen.

Das ist kein billiger Trick, sondern die Umsetzung der Erkenntnis, dass moderne Literatur nicht unmittelbar, sondern vermittelt und indirekt arbeitet; dass «pures Erzählen» ohne Reflexion nicht funktioniert. Und so taucht in dem Roman, der hier erst entworfen wird, diesem Roman im Futur, schon der Lektor auf, der an Bildern, Sätzen und Figuren herummäkelt, ebenso die spätere Leserin Jutta. Und wir.

Zurück zur Liebe. Da ist die grosse Leidenschaft, die auf Verschmelzung, auf Auflösung zielt und ins Unglück führt. Die Romantik inszeniert sie als Gegensatz zur Vernunftehe, die auf Dauer, Verankerung in der Gesellschaft und auf Kinder angelegt ist. Ein Realist wie Balzac, in «Unterhaltungen zweier Vermählter», entwickelt diese Dialektik. Unsere Lebenserfahrung, unser Lebensmodell macht aus dem Gegensatz eine Abfolge: Liebe führt zur Liebesehe, die Liebe verblasst, die Ehe bleibt und findet neue Grundlagen in Vertrauen, Verlässlichkeit, Güte.

Tantra als Bettvorleger

Nein, sagt der Lektor: Die Liebe ist nicht etwas Absolutes, das verschwindet, sondern das Zusammensein, das Sich-auf­einander-Verlassen und Sich-Helfen: Genau das ist die Liebe. Und erzählt von seinen Eltern, die sich nie mochten, aber im Alter zu einer Hilfsgemeinschaft wurden. Es ist eine von zwei wunderbaren Binnenerzählungen dieses Romans. Marcel Proust wendet den illusionslos zersetzenden Blick auf die Liebe selbst an. Erfüllung, schreibt er, gibt es nicht; die Liebe erfüllt sich im Vorher oder Nachher, in der Sehnsucht oder der Verlustanzeige. Genuss und Bewusstsein schliessen sich aus.

Wenn man das alles weiss – und Jutta und der Erzähler wissen das so genau wie viele Leserinnen und Leser dieses Romans: Was ist dann Liebe in den 2010er-Jahren, unter aufgeklärten Menschen, die sich im Alltag aufreiben, die alles gut und richtig machen, die ihrem Partner, den Kindern, dem Beruf, der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden wollen? Und die immer noch träumen vom grossen Gefühl, von etwas, das die Brust weitet und sie über sich hinaushebt? Jutta und ihr Mann praktizieren Tantra, eine Technik, die das verspricht; der Erzähler hört sich das etwas mokant an. Tantra ist der Bettvorleger, der aus dem fliegenden Teppich der Romantik geworden ist.

Eine Krücke. Aber ist der Mensch nicht ohnehin das Prothesenwesen? Diese Frage führt über Kermanis Roman hinaus. Es gehört zu seinen Stärken, dass er so viele Ausgänge hat. Dass er unter alltäglichen Figuren spielt, die alltägliches Deutsch reden. Dass er die Frage nach dem «richtigen Leben im falschen» nicht mit philosophischer Unbarmherzigkeit durchpeitscht, sondern nach dem Möglichen fragt. Dem Nächstbesseren. Dem Immerhin. Auch die Ehe Juttas und ihres Arztes, der einst das Elend Boliviens lindern wollte und jetzt gelangweilten Rentnern Medikamente verschreibt: Diese Ehe ist ein Immerhin. Es gibt viele solcher Ehen. Viele Juttas, viele Menschen wie den Erzähler. Aber nur einen, der uns das so erzählt.

Navid Kermani: Sozusagen Paris. Roman. Hanser, München 2016. 284 S., ca. 28 Fr.; Lesung: 24. 1., 20 Uhr, Kaufleuten Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 19:54 Uhr

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