Die Kraft der politischen Nostalgie

Ideengeschichtler Mark Lilla typisiert die Figur des Reaktionärs, der das goldene Zeitalter zurücksehnt und politische wie gesellschaftliche Apokalypsen in Kauf nimmt.

Reaktionäre sind Kulturpessimisten auf der Suche nach der heilen Welt: Albert Anker, «Die Badenden» (1865). Foto: Art Collection/Alamy

Reaktionäre sind Kulturpessimisten auf der Suche nach der heilen Welt: Albert Anker, «Die Badenden» (1865). Foto: Art Collection/Alamy

Michael Meier@tagesanzeiger

Auf der Klaviatur der Reaktion spielen Politiker wie Donald Trump, Wladimir Putin oder ­Recep Tayyip Erdogan. Dies tun auch viele religiöse Akteure: die Islamisten, die zurück ins 7. Jahrhundert wollen, oder die christlichen Integristen, die sich nach dem Ancien Régime sehnen. Sie alle versuchen, gegen den Strom der Zeit in ein vergangenes goldenes Zeitalter zu schwimmen, das für sie je nachdem das Kalifat ist, der katholische Staat oder die geschlossene Gesellschaft.

Für Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte an der Columbia University in New York, gehören Nationalisten, Islamisten und Populisten ebenso zur Reaktion wie apokalyptische Tiefenökologen, Antiglobalisierer und Anti-Wachstums-Aktivisten. Reaktionäre sind Kulturpessimisten, die das Heil in einer idealisierten und mythisierten Vergangenheit suchen. Diese ist in der Regel ein wohlgeordneter Staat, in dem die Menschen treu zu Gott und der Tradition glücklich zusammenleben. Die Gegenwart indessen ist von einem Bruch versehrt, der sie von den goldenen Ursprüngen trennt.

Paradiese können immer neu entstehen

Für Martin Heidegger begann dieser Bruch mit Sokrates, für den Front National mit der Massenimmigration. Für andere war es die Eroberung Roms, das Ende des Kalifats, die Reformation, die Aufklärung oder schlicht die ­Moderne. «Jede grössere soziale Wandlung hinterlässt ein neues Eden, das dann wieder zum Objekt historischer Nostalgie werden kann», so Lilla.

Die politische Nostalgie sei die Grundbefindlichkeit des Reaktionärs und zugleich eine mächtige politische Motivationskraft. Der reaktionäre Geist ist für den Ideengeschichtler ein schiffbrüchiger Geist: «Wo andere den Strom der Zeit fliessen sehen wie eh und je, meint der Reaktionär die Bruchstücke des Paradieses zu erkennen, die an ihm vorbeischwimmen. Er ist ein Flüchtling der Geschichte.»

Im Vorwort zu Lillas Essaysammlung schreibt NZZ-Feuilletonchef René Scheu, der Revolutionär sei eine faszinierende und viel beschriebene Figur der Moderne, eine Figur mit ­Sex-Appeal, selbst wenn an ihr Blut klebe. Der Reaktionär indes sei eine finstere Gestalt, mit der sich bis zu «diesem Buch der Stunde» niemand angemessen intellektuell auseinandergesetzt habe.

Der Bruch, der die gegenwärtige Zeit vom goldenen Zeitalter trenne, solle durch einen Bruch des Bruchs aufgehoben werden. Dieser manifestiert sich apokalyptisch. Weil es die morsche ­Zivilisation in der Apokalypse zusammenbrechen sehen will, ist das reaktionäre Denken so ungemein gefährlich.

Zur Zeit des Terroranschlags auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar 2015 arbeitete Mark Lilla in Paris an seinem Buch über die Reaktion. Für ihn offenbart das Massaker zwei Seiten des Phänomens. Einerseits die nostalgische Sehnsucht der Terroristen nach dem vermeintlich glorreichen Zeitalter des Propheten im 7. Jahrhundert.

Andererseits die Nostalgie französischer Intellektueller, die in den Anschlägen ihre eigene kulturpessimistische Diagnose von der Dekadenz Europas ­bestätigt sehen. Lilla zeigt das an Eric Zemmours apokalyp­tischem Essay «Le suicide français» und am viel sanfteren ­Roman «Unterwerfung» von ­Michel Houellebecq.

Leo Strauss prägte dieNeokonservativen der USA

Schade, dass Mark Lilla es verpasst, ein eigenes Kapitel über den Salafismus einzuschieben, der doch exemplarisch reaktionär bei den Gefährten des Propheten und den ersten Kalifen die Reinheit der göttlich gestifteten Gesellschaft sieht. Vielleicht glaubt er, der Philosoph, dass seine französischen Kollegen Gilles Kepel oder Olivier Roy das besser können als er. Auch für Lilla kommt der Glaube an ein verlorenes Zeitalter am stärksten in der muslimischen Welt zum Ausdruck. Dennoch wendet er sich lieber (vergangenen) Philosophen zu, deren Denken nicht so politisch und explosiv ist wie jenes der Islamisten.

Ihn interessieren drei an Hegel und Heidegger geschulte ­reaktionäre Denker aus dem ­jüdisch-christlichen Umfeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Derjenige mit dem grössten politischen Einfluss war Leo Strauss (1899–1973). Obwohl sein gol­denes Zeitalter jenes der grie­chischen Philosophie war, ­formte er sehr praktisch die Mei­nungen der amerikanischen Neokon­servativen. Franz Rosenzweig (1886–1929) schildert Lilla als Denker, der die mythisierte ­jüdische Vergangenheit zum Ideal nahm, und Eric Voegelin (1901–1985) als Reaktionär, der im göttlich gelenkten Staat des frühen Ägyptens und Mesopotamiens eine transzendente Weltordnung sah.

Lilla beschreibt auch die Strömung des Theokonservativismus innerhalb der amerikanischen Rechten, die traditionalistische Katholiken, Evangelikale und neoorthodoxe Juden verbindet, oder die politische Theologie der europäischen und ameri­kanischen Linken, die seit den 1990er-Jahren den Völkerapostel Paulus zum Vorbild nimmt. Fazit: In der Politik und in dem sie nährenden Denken weht der Geist der Reaktion ungehemmt.

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