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Die innere Fremdheit überwinden

Acht Jahre nach «Meine Väter» erscheint vom Schweizer Autor Martin R. Dean der neue Roman «Ein Koffer voller Wünsche».

Wünsche haben kein Gewicht, entsprechend leicht ist der Koffer, der randvoll mit ihnen angefüllt ist. Einen solchen Koffer erhält Filip Shiva Bellinger in London ausgehändigt: ein altes, schäbiges, leeres Ding. Wie gleicht dieser Koffer, eine Hinterlassenschaft seines Vaters, insgeheim ihm selbst. Ein Wust an Wünschen, die sich leicht verflüchtigen.

Ein Gegensatz-Paar

Bereits im doppelten Vornamen steckt das Fremde. Ohne seinen Vater, einen indischen Guru, zu kennen, wächst Filip Shiva mit der Mutter in der Schweizer Provinz auf. Sein fremdländischer Einschlag zieht die Blicke auf sich. Doch Filip ist auch Aussenseiter aus Überzeugung - oder innerer Unrast. Die Liebe zu Maia eröffnet ihm die Chance, sein Leben in ruhigere Bahnen zu lenken.

Filip kennt Maia seit zwei Jahren. Der unentschlossene Weltenbummler und die elegante, stets beherrschte Tochter aus gutem Haus halten sich gegenseitig die eigenen Schwächen vor Augen. Das macht ihre Liebe stark, birgt aber auch Gefahren. Maias dringlicher Wunsch nach einer Heirat versetzt Filip in leise Panik.

In der Klemme

Er bedingt sich eine Auszeit aus, um sich innerlich zu festigen. Dafür fährt er nach London, wo er den Vater wähnt, sei es lebendig, sei es begraben. Die räumliche Distanz bekräftigt seine Liebe, zugleich nährt sie unterschwellig eine leise Verstimmung. Angesichts der sich eng zusammenziehenden Zukunft spürt Filip Unbehagen und Zweifel.

Das metropolitane Treiben in London sowie die Erinnerungen an die Kindheit im Dorfe bringen seine Gedanken zum Kreiseln und schwächen seine Entschlusskraft. Er steckt in der Klemme.

Hier in der Mitte des Romans lassen sich zwei Ausgänge denken: Filip treibt ab und verschwindet im Weltgetriebe, oder er ergibt sich den Schalmeientönen der Ehe. Martin R. Dean begleitet seinen Helden behutsam durch die Untiefen dieses Dilemmas. Filip liebt seine wunderbare Maia und fühlt sich durch ihre Zielstrebigkeit verunsichert.

Sesshaft werden

In London jobbt Filip als Verkäufer in einem Reisebüro, das auf Ferien in der Schweiz spezialisiert ist - ein schöner ironischer Dreh des Autors. Über die Wünsche seiner Kunden lernt Filip die eigene Heimat als Sehnsuchtsdestination kennen. Ihr gleichen in seiner Erinnerung nur die früheren Ausfahrten mit der Mutter.

Die rechtschaffene Schweiz ist Filip zu eng, und der Bergwelt vermag er keinerlei Reize abzugewinnen. Unter der Geringschätzung seiner Umgebung beschlich ihn schon immer das Gefühl, als Aussenseiter klein, ja unsichtbar zu werden. Kann er unter diesen Umständen Aufnahme in einer eingesessenen Familie finden?

Endlich erwachsen

Martin R. Dean fragt in seinem Roman nach einer Schweizer Identität jenseits der helvetischen Klischees. Filip hat die vierzig überschritten und muss sich entscheiden, ob er sein «Leben auf Abruf» weiterleben will. Oder ob er versucht, «erwachsen» zu werden und «einen persönlichen Abdruck» zu hinterlassen, wie sein Jugendfreund Fred sagt.

«Ein Koffer voller Wünsche» beschreibt diesen Zwiespalt glaubhaft präzise und mit feinen Antennen. Am Ende geschieht, was geschehen muss: Es wird Verlobung gefeiert. Trotzdem kommt es anders - auch wenn das Buch gerade darin am Schluss eine kleine Schwäche verrät.

SDA/net

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