«Die Erinnerungen haben sich verschoben»

Johanna Canetti, *1972, ist die einzige Tochter Elias Canettis. Sie lebt in Zürich.

Foto und Schriftstück des Schriftstellers Elias Canetti an der Literaturausstellung im Strauhof 2005.

Foto und Schriftstück des Schriftstellers Elias Canetti an der Literaturausstellung im Strauhof 2005.

(Bild: Keystone Steffen Schmidt)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Woraus besteht der Nachlass genau, wie umfangreich ist er?
Das einzige längere in sich abgeschlossene unpublizierte Werk des Nachlasses ist ein Opernlibretto («Affenoper»), das in den 50er-Jahren entstand. Ansonsten enthält der Nachlass grösstenteils Aphorismen, die mein Vater unter der Bezeichnung «Aufzeichnungen» während mehr als 50 Jahren regelmässig niedergeschrieben hat. Hier hat mein Vater für die publizierten Bände nur einen sehr kleinen Teil des Vorhandenen ausgewählt (circa 10 bis 15 Prozent). Weiter ­Tagebücher und Briefe. Daneben ziemlich viele Entwürfe aus jungen Jahren, einige essayistische Texte und Text­fassungen zu sämtlichen publizierten Werken. Der Umfang des Nachlasses liegt bei etwa 30 000 handschriftlichen Manuskriptseiten, was rund 15 000 Buchseiten entspricht.

Wie sollen die «Aufzeichnungen» in der Gesamtausgabe Platz finden?
Wenn sie für Entstehung und Inhalt der publizierten Bände relevant sind, werden sie jeweils im Anhang berücksichtigt. Daneben sind thematische Einzelbände geplant. Nach dem bereits publizierten «Buch gegen den Tod» soll als nächstes 2019 ein Buch mit Aufzeichnungen über Religionen erscheinen.

Ist die Ausgabe finanziell gesichert?
Die Arbeiten für die ersten Jahre sind zwar gesichert, doch um das gesamte, auf rund 20 Jahre hin angelegte Projekt realisieren zu können, sind wir auf Zustiftungen angewiesen.

Welche Rollen spielen Sie selbst bei der Betreuung des Nachlasses?
Ich habe während rund zehn Jahren die allermeisten Texte des Nachlasses teils eigenhändig transkribiert, teils zum Transkribieren in Auftrag gegeben.

Elias Canetti war sehr heikel, was die Veröffentlichung seiner Werke angeht. Was heisst das für künftige Publikationen? Glauben Sie zu wissen, was Ihr Vater gewollt hätte?
Natürlich kann ich nicht immer mit Sicherheit wissen, was mein Vater gewollt hätte. «Party im Blitz» hätte er vielleicht nicht genau in der Form veröffentlicht. In Bezug auf den gesamten Nachlass lässt sich mit einiger Sicherheit sagen, dass er sich spätere Publikationen aus dem Nachlass oder zumindest irgendeine Form von öffentlicher Kenntnisnahme gewünscht haben muss, sonst hätte er seine Manuskripte vernichtet, anstatt sie der Zentralbibliothek Zürich als Schenkung zu vermachen.

Der Tod Ihres Vaters liegt über 20 Jahre zurück. Wie präsent ist er Ihnen, woran erinnern Sie sich?
Ich möchte hier nicht auf einzelne persönliche Erinnerungen zu sprechen kommen. Ganz allgemein kann ich sagen, dass sich meine Erinnerungen durch die Transkriptionsarbeit am Nachlass «verschoben» haben und dass ich nicht immer mit Sicherheit sagen kann, ob ich mich an etwas wirklich ­erinnere oder ob ich eine Notiz dazu ­irgendwo im Nachlass gelesen habe.

Auf Wunsch von Frau Canetti wurde schriftlich kommuniziert.

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