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Die beste Botschafterin der Türkei ist die Literatur

Das Gastland der Frankfurter Buchmesse verfügt über eine Fülle lesenswerter Autoren. Ihre Werke reflektieren den tiefgreifenden Wandel der türkischen Gesellschaft.

Ein Wohnviertel in der Nähe des Industriequartiers Cigli in Izmir an der türkischen Ägäisküste.
Ein Wohnviertel in der Nähe des Industriequartiers Cigli in Izmir an der türkischen Ägäisküste.

Die Literatur erweist sich in diesen turbulenten Zeiten als beste aller nur denkbaren Botschafterinnen der Türkei. Kraftvoll, mit unverbrauchten Bildern und feinem Gespür für brisante Stoffe, oft ohne Furcht vor Tabus und Zwängen erzählen die Schriftsteller vom Umbruch ihres Landes. Sie lenken den Blick auf sein grosses Potenzial. Sie nutzen ihre Freiheit, denn sie haben sich längst von den Vorgaben des nationalen Erziehungsauftrags nach atatürkscher Lesart gelöst. So reflektieren viele Bücher den tief greifenden Wandel, der die Gesellschaft von innen heraus erfasst hat – und der leicht übersehen wird angesichts des dramatischen Schauspiels in der Politik.

Nun aber wehen die «winds of change» bis nach Frankfurt. Die Türkei ist das Gastland der Buchmesse. Über zweihundert Autoren werden dort erwartet, allen voran der erste Literaturnobelpreisträger des Landes, Orhan Pamuk. Europäische, insbesondere deutschsprachige Verlage entdecken die weithin unbekannte türkische Literatur. Jahrelang hatten die meisten allenfalls einen türkischen Verfasser im Programm. Nun aber werden so viele Übersetzungen wie noch nie erscheinen: Romane, Erzählbände, Sachbücher. Das Schwergewicht liegt bei den Autoren unserer Zeit. Sie melden sich heute im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu Wort, nicht aus dem Gefängnis heraus, wie früher so oft in der Geschichte der türkischen Literatur.

Keiner hat so viel Öffentlichkeit wie Orhan Pamuk. Aber diese Aufmerksamkeit erzählt nicht nur von Anerkennung, sondern auch von Anfeindung und Ausgrenzung. All die Preise und der Prozess, all die Beleidigungen und Drohungen – wie fand Orhan Pamuk Ruhe zum Schreiben? Seine Antwort lautet: «Ich konnte all diese Dinge nur aushalten, weil ich das Buch «Das Museum der Unschuld» geschrieben habe. Gerade weil es so viel Druck gegeben hat, hat es 600 Seiten.»

Es ist eine schöne Gewissheit, dass Romane helfen, schwierige Lebenslagen zu ertragen. Auch die türkische Literatur ist voller solcher Geschichten. So wie sich die Gesellschaft öffnet und individualisiert, werden diese Geschichten immer freier und individueller erzählt. Längst gibt es nicht nur klassische Genres wie den Familien- und Gesellschaftsroman, Krimis, Fantasy- und Unterhaltungsliteratur, Autobiografisches. Es gibt auch spezifische Spielarten – osmanisierend Poetisches, frauenbewegte Literatur, islamische Erbauungslektüre, nationalistisch eingefärbte Sachbücher. In der Literatur entsteht so etwas wie das unübersichtliche, durchaus realistische Abbild einer sich längst ausdifferenzierenden Gesellschaft.

Verlage in der Türkei im Aufwind

Die Zeiten, da die Buchläden in der Türkei trostlose Orte waren, sind vorbei. Man hat sich vom Militärputsch 1980 erholt, der das geistige Leben über Jahre hinweg lähmte. Was einst verboten war, stapelt sich wieder in den Regalen, nicht nur die Lyrik des wichtigsten modernen Literaten des Landes, Nâzim Hikmet. Es wird wieder geschrieben, gedruckt, veröffentlicht – und gelesen.

Die Verlagsbranche ist im Aufwind: Die 1700 Verlage machen nach offiziellen Angaben einen Umsatz von umgerechnet 950 Mio. Franken (Schweiz: rund 800 Mio. Franken). Meist sind die Auflagen niedrig. Und doch lassen sich nicht nur mit Pamuk, dessen neuer Roman mit sensationellen 100'000 Exemplaren an den Start ging, Erfolge erzielen. Auch Elif Shafak, Ahmet Ümit, Mura-than Mungan, Buket Uzuner, Ahmet Altan, Zülfü Livaneli und andere erreichen hohe Auflagen. Nicht zu vergessen: Yasar Kemal, der Grandseigneur der Literatur und der erste Türke, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt – und der nach wie vor dagegen ist, dass die Türkei der EU beitritt.

Ungelöste Identitätsfrage

Die vielfältige türkische Literatur ist von bestimmten Mustern geprägt. Erstens arbeiten sich die Autoren an den zentralen Themen ihrer Gesellschaft ab, an den ungelösten Identitätsfragen, Modernisierungskonflikten und Widersprüchen: Tradition und Fortschritt, Armut und Reichtum, Religiosität und Laizismus – die Kontraste sind so krass wie im Alltag. Im Roman freilich können die Gegensätze aufeinanderprallen, ohne dass dies Schmerz auslösen würde, allenfalls Erkenntnis: Das vom Ehrenmord bedrohte Mädchen, der vom Kampf in den Bergen verrohte Soldat, die erschöpfte Städterin, die modern und traditionell zugleich sein soll – solche Charaktere rücken dem Leser nahe, werden ihm vertraut.

Zweitens haben die Schriftsteller begonnen, Verdrängtes und Vergessenes ans Licht zu holen. Nicht nur Pamuk, auch andere Autoren bis hin zu den Meistern der Unterhaltungsliteratur greifen auf Stoffe vergangener Zeiten zurück. Die Literatur erzählt anders vom Osmanischen Reich oder von der Umbruchszeit nach dem Ersten Weltkrieg als die Geschichtsbücher: komplexer, individueller und widersprüchlicher. Sie analysiert das Erbe der dahingegangenen Grossmacht. Der Trend setzt sich fort. Es ist kein Zufall, dass viele Erinnerungsbücher erscheinen. Sie berichten über das Leben von Unternehmensgründern, Politikern, Künstlern, über Einwanderer und Minderheiten, über Menschen, nicht über grosse Politik.

Und drittens schöpft auch die Literatur aus diesem einzigartigen Reich der Schnittmengen, das Westliches wie Östliches umfasst. In der Musik lässt sich dies deutlich heraushören: Da experimentieren die Fusionsexperten, und da wird zur geglückten Synthese, was in der Politik oder in der Gesellschaft zu Spannungen führen kann. Clash of cultures? Die Kultur will frei von solchen polarisierenden, einengenden Zuschreibungen sein. Und so finden sich im Roman, der Schicksale im Sinne der Aufklärung individualisiert, orientalisch-epische Stoffe. Oder das Epos wird wie bei Murathan Mungan radikal modernisiert – mit Helden, die urplötzlich individuelle Gedanken formen, die an sich selbst scheitern oder an den überlieferten, längst archaischen Normen.

Die vielen Farben der Türkei: So lautet das Motto des türkischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Messe. Das klingt stolz und selbstbewusst – und vor allem klingt das nicht danach, als liessen sich unerwünschte Farbtöne von der Palette verbannen. Auch der berüchtigte Paragraf 301 aus dem Strafgesetzbuch, der erst im Frühjahr halbherzig reformiert worden ist, all die Kampagnen, Anklagen und Prozesse gegen Autoren haben dies nicht bewirken können. Davon wiederum berichten die düsteren Farben. Die Schriftstellerin Asli Erdogan beispielsweise sagt: «Ich versuche, daran zu glauben, dass man als Schriftsteller lernt, Kunst aus dem Chaos und der Tragödie zu schaffen. Man wirft mir vor, meine Literatur sei so düster. Aber das liegt daran, dass sie in diesem Land gewachsen ist und ihre Wurzeln in diesem düstern Boden hat.»

Die Geschichte der modernen türkischen Literatur reicht gute hundert Jahre zurück. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Osmanischen Reich die ersten Romane nach westlichem Vorbild. Zuvor hatte man am Hof die Diwan-Literatur gepflegt, eine arabisch und persisch beeinflusste Poesie; das Volk in Anatolien hatte seine eigenen Epen und Lieder. Später, in den Anfangsjahren der Republik unter Atatürk, wurde der Roman zum Transmissionsriemen der neuen Politik umfunktioniert. Doch Imitation und Instrumentalisierung behindern die Imagination. Die Romancière Elif Shafak warnt vor jeder Art von Verpflichtung, auch vor jener auf die Republik: «Die Autoren, die diese Verpflichtung verinnerlicht hatten, schrieben nicht frei, aus dem Chaos heraus, sie liessen sich nicht von der Gefühlswelt inspirieren, sondern folgten einer ideologisch untermauerten, vermeintlichen Vernunft.»

Und so erzählt die Literatur dieses Landes von Öffnung und Wandel einer komplexen Gesellschaft. Die «Türkische Bibliothek» des Zürcher Unionsverlags gibt mit ihren zwanzig Bänden über diese Entwicklung einen guten Überblick. Die vielen anderen Neuerscheinungen, die jetzt zur Buchmesse auf den Markt kommen, ergänzen und vertiefen das Bild.

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