Die Berner Verschwörung

2021 ist die Konkordanz in der Schweiz am Ende und die Lage instabil. «Käfigland» von Danielle Baumgartner ist trotz einiger Schwächen ein bemerkenswerter Politthriller.

Ziehen 2021 dunkle Wolken über dem Bundeshaus auf? (Symbolbild)

Ziehen 2021 dunkle Wolken über dem Bundeshaus auf? (Symbolbild)

(Bild: Keystone Peter Klaunzer)

An Mord und Totschlag in der einheimischen Literatur haben wir uns längst gewöhnt – ganz im Gegensatz zum Politthriller, im angelsächsischen Raum ein eigenes Genre mit hohen Ansprüchen. Weil in der Schweiz vordergründig vieles geordnet und in den genormt-staatlichen Bahnen verläuft, wünschen wir uns offene Machtkämpfe, Intrigen oder gar Verschwörungen weit weg und glauben, sie seien unserer helvetischen Demokratie nicht angemessen.

Doch würde gerade die Schweiz ergiebigen Stoff für solche Publikationen liefern. «Und so ist das Gefängnis eine Weltattraktion geworden», stellte Friedrich Dürrenmatt bereits 1990 in seiner berühmten Havel-Rede über die Eidgenossenschaft fest.

Der Politthriller «Käfigland» von Danielle Baumgartner zeigt, dass auch in Bern alles entgleisen könnte, wenn nur zwei, drei Werte leicht verschoben würden. Die Autorin – sie gewann 2013 die 7. Ausgabe des «Bund»-Essay-Wettbewerbs – weiss, wovon sie schreibt, sie ist ausgebildete Staatswissenschaftlerin und arbeitet mittlerweile im Personalmanagement.

Unerhörte Ereignisse

Im Jahr 2021 regiert nicht mehr der Bundesrat, sondern eine bürgerliche Koalition unter Premierminister Sebastian Bracher, der das Land getreu dem Slogan «Die Schweiz für die Schweizer – Schluss mit den Diktaten aus Brüssel und Washington» vor fremden Einflüssen abschirmen will. Seine Gegenspielerin ist die sozialdemokratische Oppositionsführerin Patricia Niederbaum, der allerdings Widerstand aus den eigenen Reihen erwächst.

Ihre parteiinternen Kontrahenten treffen sich kurz vor den anberaumten Neuwahlen heimlich, um den Sturz von Niederbaum zu planen. Parallel dazu wird sie in der Presse gleich aus zwei Richtungen angegriffen. Im «Schweizer Demokrat» wird ihre politische Vergangenheit in Dänemark aufgerollt und im «Express» die Solidität ihrer Ehe infrage gestellt.

Eine tragende Rolle nimmt dabei der Zürcher Industrielle Heinrich Tüllinger ein, der über Jahre hinweg einen schlagkräftigen Geheimbund unter dem Radar des Parlamentes aufgebaut hat und mit zweifelhaften Mitteln operiert, bis ihm schliesslich ein argloser, junger Mathematiker namens Jonas Wegmüller gefährlich zu werden droht.

Die Bevölkerung ist durch die instabile Lage in heller Aufregung. Das Land steht am Abgrund: In den grösseren Städten des Landes kommt es zu Strassenschlachten und gewalttätigen Demonstrationen.

Zugegeben: Der Plot mutet reisserisch an und könnte sehr leicht missglücken oder gar ins Komische abdriften. Danielle Baumgartner gelingt es aber mit ihrem einfühlsamen Duktus, diese unerhörten Ereignisse trotzdem als glaubwürdig erscheinen zu lassen und ihnen das Fantastische zu nehmen. Dazu kommt eine sorgfältige Figurenzeichnung unter Vermeidung von Plattitüden.

Die Bösen sind nicht per se unmoralisch, die Guten leiden unter Widersprüchen und eigenen Verfehlungen. Etwas mehr Raffinesse hätte man sich stellenweise im dramaturgischen Bereich gewünscht, geschieht doch manche Wendung reichlich forciert. Dafür entschädigt der Showdown, der die ursprünglichen Vorstellungen untergräbt. Das ambitionierte Vorhaben, einen Schweizer Politthriller zu verfassen, der sich ohne Tarnumschlag selbst im Bus oder Zug lesen lässt, ist trotz einiger Schwächen geglückt.

Danielle Baumgartner: Käfigland. Ein Schweizer Politthriller. Knapp-Verlag, Olten 2016. 350 S. 31.90 Fr.

Der Bund

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