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Der (z)erlesene Goethe

Spuren einer exzessiven Lektüre: Im Schweizerischen Literaturarchiv befindet sich ein völlig zerlesenes, zerfleddertes Exemplar von Goethes «Faust». Es gehörte einst dem Autor Ludwig Hohl.

Spuren einer exzessiven Lektüre: Ludwig Hohls liebevoll zusammengeflickte Ausgabe von Goethes «Faust».
Spuren einer exzessiven Lektüre: Ludwig Hohls liebevoll zusammengeflickte Ausgabe von Goethes «Faust».
Simon Schmid

Ludwig Hohl pflegte einen intensiven, mitunter sogar destruktiven Umgang mit Büchern. Hohl las mit dem Stift in der Hand und zögerte selten, von diesem auch vehement Gebrauch zu machen. Was ihm nicht zusagte, versah er mit bissigen Randkommentaren, oder er riss ihm missliebige Seiten sogar direkt aus dem Buch. Lesen war für ihn keine kontemplative, mussevolle Tätigkeit, sondern eine physische Auseinandersetzung, die im behandelten Text Spuren hinterliess. Das gilt auch für die hier abgebildete Ausgabe von Goethes «Faust» aus Ludwig Hohls persönlichem Besitz. Das Buch ist schon gar nicht mehr als Ganzes erkennbar, sondern liegt als zerfleddertes Konvolut aus mehreren Einzellagen vor, die Hohl aber wieder liebevoll mit einer Schnur am linken Seitenrand und selbstgebastelten Deckblättern zusammengeflickt hat. Es handelt sich also nicht um eine mutwillige Zerstörung, vielmehr erklärt sich der schlechte Zustand des Buchs durch eine exzessive Lektüre, die schliesslich zum Verfall des Buches führte. Dass Hohl es retten wollte und wie eines seiner selbst geschnürten Zettelkonvolute behandelte, zeugt von der hohen Bedeutung, die er diesem Text beigemessen hat.

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