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Der (z)erlesene Goethe

Spuren einer exzessiven Lektüre: Im Schweizerischen Literaturarchiv befindet sich ein völlig zerlesenes, zerfleddertes Exemplar von Goethes «Faust». Es gehörte einst dem Autor Ludwig Hohl.

Spuren einer exzessiven Lektüre: Ludwig Hohls liebevoll zusammengeflickte Ausgabe von Goethes «Faust».
Spuren einer exzessiven Lektüre: Ludwig Hohls liebevoll zusammengeflickte Ausgabe von Goethes «Faust».
Simon Schmid

Ludwig Hohl pflegte einen intensiven, mitunter sogar destruktiven Umgang mit Büchern. Hohl las mit dem Stift in der Hand und zögerte selten, von diesem auch vehement Gebrauch zu machen. Was ihm nicht zusagte, versah er mit bissigen Randkommentaren, oder er riss ihm missliebige Seiten sogar direkt aus dem Buch. Lesen war für ihn keine kontemplative, mussevolle Tätigkeit, sondern eine physische Auseinandersetzung, die im behandelten Text Spuren hinterliess. Das gilt auch für die hier abgebildete Ausgabe von Goethes «Faust» aus Ludwig Hohls persönlichem Besitz. Das Buch ist schon gar nicht mehr als Ganzes erkennbar, sondern liegt als zerfleddertes Konvolut aus mehreren Einzellagen vor, die Hohl aber wieder liebevoll mit einer Schnur am linken Seitenrand und selbstgebastelten Deckblättern zusammengeflickt hat. Es handelt sich also nicht um eine mutwillige Zerstörung, vielmehr erklärt sich der schlechte Zustand des Buchs durch eine exzessive Lektüre, die schliesslich zum Verfall des Buches führte. Dass Hohl es retten wollte und wie eines seiner selbst geschnürten Zettelkonvolute behandelte, zeugt von der hohen Bedeutung, die er diesem Text beigemessen hat.

Goethe zählt in Hohls persönlichem Kanon zu den wichtigsten Autoren. In seinem Hauptwerk «Die Notizen» (1944 und 1954 erstmals erschienen) gehört Goethe mit Abstand zu den meistzitierten Autoren. Er nennt ihn den «Gipfel des Geistes aller Zeiten» und zählt ihn zu den «Männer[n] aller Zeiten, denen ich am dankbarsten sein muss». Neben den «Maximen und Reflexionen» ist es insbesondere der «Faust», den er immer wieder erwähnt und eine Szene daraus sogar als seine ganz persönliche Szene und «als das eigentliche Vorwort zu den ‹Notizen›» bezeichnet. Es handelt sich um die Stelle aus der «Finsteren Galerie», als Faust «zu den Müttern» hinuntersteigt. Hohl streicht dort in seinem Exemplar randseitig mit Bleistift die Verse an, die er auch in seinen Notizen auszugsweise wieder zitiert:

Hast du Begriff von Öd’ und Einsamkeit? […] Entfliehe aus dem Entstandenen In der Gebilde losgebundne Reiche! […] Bist du beschränkt, dass neues Wort dich stört? Willst du nur hören, was du schon gehört?

Hohl spielt hier zunächst auf seine Lebenssituation während seines Aufenthalts in Holland an, wo er nach eigenen Angaben «in grösster geistiger Einöde lebte». In dieser Zeit von 1934 bis 1936 entstanden die Aufzeichnungen seiner «Notizen». Aus dem Zitat geht auch hervor, wie sehr Hohl darum kämpfte, sich sein Werk abzuringen und in freie Sphären des Denkens und Schreibens vorzustossen. Wie Gert Mattenklott in seinem Aufsatz über Ludwig Hohl als Goethe-Leser ausführt, lässt sich diesem Zitat aber auch Hohls Ringen um dichterische Innovation entnehmen, sogar eine gewisse «Irritation über den Mangel eigener Originalität» scheint in dem Zitat mitzuschwingen.

Tatsächlich hat sich Hohl mit der Frage von Eigenem und Fremden im kreativen Prozess häufig beschäftigt und war davon überzeugt, dass auch dem ‹Un­originellen› ein literarisches Daseinsrecht gebührt. In dieser Frage findet Hohl erneut Bestätigung bei Goethe: «Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.» Diese Maxime kommentiert Hohl in den Notizen wie folgt: «Und dieser Satz ist vielleicht Goethes zentralster Satz!» Für Hohl wenigstens besitzt er zweifelsohne essenzielle Bedeutung. Und was es für Hohl konkret bedeutet haben mag, etwas noch einmal zu denken, lässt sich mit Blick auf die zerlesene Goethe-Ausgabe ermessen. Er hat sich das Buch bis auf seine Fasern hin angeeignet, hat es sich buchstäblich erlesen. Schwerlich nur lässt sich darin noch die ursprüngliche Ausgabe erkennen, vielmehr ist diese zu einem höchst eigenwilligen Gebilde, man möchte fast sagen, zu einem Artefakt aus der Hand des Autors Hohl geworden. Hohl liest mitunter, wie er es selbst von Lichtenberg behauptet, «dass er nicht mehr weiss, ob der Text von ihm ist oder von jenem andern».

Das Schweizerische Literaturarchiv präsentiert einmal im Monat Trouvaillen aus den Beständen. www.nb.admin.ch/sla

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