Der verfluchte Widerspruch zwischen mir und dem Spiegel

Die «Magazin»-Redaktorin Anuschka Roshani hat im Roman «Komplizen» ihre Familiengeschichte aufgeschrieben.

Die Autorin Anuschka Roshani arbeitet seit 2002 für «Das Magazin», das jeweils am Samstag dem «Tages-Anzeiger», «Bund» oder der «Berner Zeitung» beiliegt.

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Es fiele ihr, der Autorin, in ihren Fünfzigern jetzt jedes Fältchen im Gesicht auf, heisst es in Anuschka Roshanis «Komplizen». Man versteht: Mit den Fältchen fallen die Zumutungen des Alterns auf und die Endlichkeit des Lebens und, um im Bild zu bleiben, das Fältchennetzwerk des auch nicht jünger werdenden Gedächtnisses. Also: die ganze auffällige Erschlaffung des vom baldigen Entschwinden bedrohten Seins, obwohl man doch grad noch so jung war, wie man sich fühlte.

Plötzlich, man weiss vielleicht gar nicht, wann es begann, ist man so alt, wie man eben ist, selbst wenn man noch Eltern hat und also noch Kind ist (das bleibt man ja, solange Eltern da sind). Und Erinnerungen werden wichtig und die Nostalgie nach unverwechselbarer Abkunft und die ererbten Lasten der Herkunft und die Bewahrung dessen, was einem bald wegsterben wird in der äusseren Wirklichkeit und später womöglich auch in der inneren.

Recht glücklich geschieden

Das ist, könnte man sagen, Motivation und zureichender Grund von Anuschka Roshanis Buch: das Nicht-Vergessen-Wollen. Der Untertitel lautet: «Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern». Er füllt sich beim Lesen mit zärtlichem Klang. Mit Heiterkeit und Trauer im Angesicht des elterlichen Verfalls. Mit Kindesliebe, Mutterliebe, Vaterliebe.

Mit den harmonischen Tönen kindlich gebliebener Bewunderung und den dissonanteren einer scharfsichtigen Erbarmungslosigkeit, wenn der Tochterblick – beispielsweise – jene väterliche Flamboyanz beschwört, die fast schon grenzwertig schillerte in ihrem rücksichtslosen Hedonismus. Oder – beispielsweise – diese Vitalität der Mutter, die elfisch schön war und gleichzeitig praktisch und bodenständig, freiheitsdurstig und bedingungslos liebend.

Die Sorge, Kopie zu sein

«Komplizen» ist Elterngeschichte (und Grosseltern- und Urgrosseltern­geschichte), sprunghaft erzählt, aber konzis in der Sprunghaftigkeit: vom persischen Studenten, der in den 50er-Jahren nach Deutschland kam, erst nach Freiburg, dann nach Berlin, und ein geradezu preussisch disziplinierter Arzt wurde, jedoch immer «der Perser» blieb auf eine exaltierte, exzentrische und im Lieben, Hassen und Essen unmässige Art und Weise.

Wie er mit diesem deutschen Fotomodell aus gutem Haus zusammenkam, wie sie in Berlin heirateten just am Tag, als Kennedy sagte, er sei ein Berliner; dass sie Kinder hatten und dass der Vater die Mutter betrog und davonlief mit einer anderen und doch blieb, in ­Gedanken und im Leben und in der Komplizenschaft einer recht glücklich geschiedenen Ehe.

Und weil es Elterngeschichte ist, ist es natürlich Kindergeschichte und Tochtergeschichte und handelt auch vom Prozess des Erinnerns. Vom verfluchten Widerspruch zwischen Selbstbildern und Spiegelbildern. Vom Gefühl, dies vom Vater zu haben und jenes von der Mutter, von der Sorge, Kopie zu sein, und vom Selbstbewusstsein, es nicht zu sein. Und handelt auf entspannte, sympathische, sachliche Weise von Anusch­ka Roshani, einer eigenen Mischung aus Genom und Milieu, und davon, dass dann, wenn man einmal stirbt, wirklich nicht mehr die Hebamme schuld ist.

Vergängliche Enttäuschung

Die Sprache: nicht schnörkellos, aber schnörkelarm, manchmal gefeilt zur liebevollen, lakonischen Brutalität: «Es tut mir so leid, dass er mir leidtut. Um seinetwillen entlasse ich ihn allein in einen langen Abend, an dem ihm die Worte verrecken.» Kann man berührender die Hinfälligkeit eines Vaters beklagen und sein Abhandenkommen?

Ist es deshalb, dass es einen wie mit Nadeln sticht, wenn der Autorin die Sprache entgleitet und ihr die Bilder schräg werden? So: «Als Teenager machte mein Vater mit meiner Schwester und mir eine Reise in die USA.» Oder so: «Wie ein Troubadour bläst er lauter als nötig ins Horn» (nie war das Horn das Instrument eines Minnesängers, ausser vielleicht bei der Hirschjagd). Aber so viel Beckmesserei erlauben wir uns jetzt nur aus vergänglicher Enttäuschung. Weil «Komplizen» sonst ein wirklich gutes, gescheites Buch ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2018, 11:11 Uhr

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Komplizen. Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern.
Anuschka Roshani

Kein & Aber, Zürich 2018. 256 S., ca. 30 Fr.

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