Der Spion in meinem Mund

Der Berner Autor Lukas Hartmann hat «Die magische Zahnspange» veröffentlicht: einen spannenden Krimi voller überraschender Wendungen.

Ein seltsamer Vogel, dem nicht zu trauen ist: Was führt Tobis Kieferorthopäde Dr. Letrou im Schilde?

Ein seltsamer Vogel, dem nicht zu trauen ist: Was führt Tobis Kieferorthopäde Dr. Letrou im Schilde? Bild: Reto Oeschger

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Nein, das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Wenn der 12-jährige Tobi den Mund weit aufsperrt, leuchtet seine Zahnspange wie eine Taschenlampe. Damit nicht genug: In seinem Mund summt und piepst es, dann erklingt die Stimme seines Kieferorthopäden. Als er nachts im Bett angestrengt horcht, hört er ihn sagen: «Ich kann dir bei vielem helfen.» Der Mann, mit dem sprechenden Namen Dr. Letrou, hat ihm diese Zahnspange verpasst, eine «Sonderanfertigung», wie er ausdrücklich betonte.

Dieser Kieferorthopäde ist ein seltsamer Vogel, der irgendetwas im Schilde führt. Aber was? Und wieso hat Tobi den zwergwüchsigen Computerprogrammierer, den sein Vater eingestellt hat, auch in den Räumlichkeiten des Zahnarztes gesehen? Seinen beiden Schwestern kann und will er sich nicht anvertrauen – die nerven sowieso und sind zu neugierig –, und auch die viel beschäftigte Mutter würde ihn wohl auslachen. Sein Vater zeigt sich eh nur wenig am Familientisch, obwohl er fast immer zu Hause ist. Im ausgebauten Keller arbeitet er an einem «Geheimauftrag» und programmiert hochkomplizierte Sicherheitssysteme.

Zunächst entpuppt sich die magische Spange des «Zahnzauberers» als ein schier unglaubliches Geschenk: In der Schule wird Tobi dank des Souffleurs zum Fachmann für fast alles, und auf dem Fussballplatz avanciert er mithilfe des Denkers und Lenkers in seiner Mundhöhle vom tolpatschigen Aussenseiter zum gefeierten Torschützen. Und auch Klassenkollegin Viola, die ihn vorher kaum beachtete, ist plötzlich sehr nett zu ihm.

Der Kreis schliesst sich

Lukas Hartmann hat die Geschichte «auf dringenden Wunsch meines zahnspangengeplagten Enkels» mit ihm erfunden und aufgeschrieben. Für den Berner Autor, der Anfang Jahr im Erwachsenensegment den historischen Roman «Ein Bild für Lydia» veröffentlichte, hat sich mit «Die magische Zahnspange» ein Kreis geschlossen: Sein erstes Kinderbuch «Anna annA» schrieb er 1985 für seine Tochter Anna – und sein vorerst letztes für ihren Sohn Robin. Entstanden ist ein rasanter Krimi mit Intrigen, Suspensemomenten und überraschenden Wendungen.

Ohne Verbündete geht es nicht

In seinem neuen Kinderbuch gelingt es Hartmann auch zu zeigen, dass der jugendliche Protagonist kein Superheld ist, der den fiesen Bösewicht im Alleingang überführt. Irgendwann wird Tobi klar, dass die Spange seinen Vater ausspionieren soll, um an Informationen über ein Sicherheitssystem einer Bank zu kommen. Er braucht also Verbündete und Komplizen – von Viola über die Eltern bis zur Klassenlehrerin Frau Bodenheimer, die geradezu hypnotische Qualitäten offenbart.

Lukas Hartmann strotzt vor Fabulierlust und bleibt immer nahe bei seinen jugendlichen Protagonisten; ja, er vermag sogar ein gewisses Mitleid für den kriminellen Kieferorthopäden und seinen von ihm abhängigen Gehilfen zu wecken. Letrou wollte die Beute für die Massenanfertigung von Zahnspangen verwenden, auf dass alle Kinder ungeachtet ihrer Herkunft ein ebenmässiges Einheitsgebiss bekommen. Dazu erhält der schräge Wohltäter, so viel sei verraten, am Ende sogar die Gelegenheit. Und Tobi? Der ist sich sicher, dass er auch ohne magische Zahnspange weiter mit Viola befreundet bleiben wird.

Lukas Hartmann: Die magische Zahnspange. Mit Illustrationen von Julia Dürr. Diogenes-Verlag, Zürich 2018. 232 Seiten, 24.90 Fr.

(Der Bund)

Erstellt: 05.12.2018, 06:42 Uhr

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