Der Schweizer Buchpreis ist kein Debütantenball

Der Schweizer Buchpreis ist auf einem gefährlichen Weg und Originalität kein Wert an sich.

Martin Ebel@tagesanzeiger

Preisjurys sind unabhängig, ihr Urteil darf von keinen ausserliterarischen Erwägungen beeinflusst sein, erst recht nicht von den Interessen von Trägern oder Stiftern. Diese Unabhängigkeit gilt es zu verteidigen, gegen Übergriffe wie gegen Unterstellungen. Unabhängigkeit schützt aber vor Kritik nicht. Und Kritik muss sich die Jury des Schweizer Buchpreises gefallen lassen, die auf ihre Nominierungsliste drei Debütanten gesetzt (wenn man den bisher italienisch schreibenden Vincenzo Todisco hinzuzählt) und dafür die grossartigen oder wenigstens bemerkenswerten Romane von Adolf Muschg, Thomas Hürlimann und Christina Viragh verschmäht hat. Kollege Bucheli von der NZZ nennt das Fehlen Hürlimanns auf der Liste gar einen Skandal.

Laut Satzung soll der Schweizer Buchpreis «das beste erzählerische oder essayistische Werk» eines Schweizers oder hier wohnenden Autors auszeichnen. Von Nachwuchsförderung steht da nichts, auch nichts davon, dass die Jury sich in der Disziplin der Originalitätshascherei auszeichnen soll. Der Schweizer Buchpreis ist kein Debütantenball.

Peter Stamm ist Übles widerfahren

Eine Jury-Entscheidung ist immer subjektiv, wie es auch jede Kritik an ihr ist: Die Geschmäcker sind verschieden, Kompetenz und Lesepensum auch. Aber wenn man die letzten Jahre betrachtet, drängt sich der Eindruck auf, die Jurys wollten unbedingt das Bekannte vermeiden, weil es bekannt ist, lieber an den Rändern herumstöbern und sich selbst Trüffelschwein-Auszeichnungen verleihen. Hürlimann und Muschg bekämen ihre Leser sowieso, werden sie sich diesmal gedacht haben.

Der Name Peter Stamm passt nicht zu dieser Vermutung. Aber gerade Stamm ist Übles widerfahren beim Schweizer Buchpreis. Zweimal nominiert und nicht zum Sieger gekürt: kann passieren. Aber schlimmer noch: mit zwei grossartigen Romanen, «Sieben Jahre» und «Weit über das Land», vor der Shortlist aussortiert. Es wäre ihm nicht zu verdenken, wenn er sich den anstehenden Gruppenlesungen und dem Preisverleihungsprozedere entzöge. Fazit: Dem Schweizer Buchpreis tut diese Shortlist nicht gut.

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