Der Schweif der Freiheit

Die tolle Story eines Raketenfans: Der US-Romancier Michael Chabon fabuliert in «Moonglow» das fantastische Leben seines Grossvaters aus. Am Montag liest er in Zürich.

Das US-Raumfahrtprogramm machte ihn zum Weltstar: Kriegsgewinnler Wernher von Braun am 16. Februar 1965 im Kennedy Space Center in Florida. Foto: Nasa-KSC, Sipa, ddp

Das US-Raumfahrtprogramm machte ihn zum Weltstar: Kriegsgewinnler Wernher von Braun am 16. Februar 1965 im Kennedy Space Center in Florida. Foto: Nasa-KSC, Sipa, ddp

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Ein solcher Grossvater ist schon der halbe Roman. Ein Tüftler und Erfinder am Rande der Genialität, der in seiner Militärausbildung den Vorgesetzten demonstriert, wie man eine Brücke in der Hauptstadt Washington sprengen könnte. Zum Geheimdienst versetzt, spürt er als Mitglied der «Operation Paperclip» die Unterlagen des V2-Konstrukteurs Wernher von Braun auf und zeigt, unter welch mörderischen Umständen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge die Vergeltungsraketen in Mittelbau-Dora zusammensetzen mussten.

Nach dem Krieg heiratet er eine traumatisierte französische KZ-Überlebende, die immer wieder in die Psychiatrie kommt. Er selbst landet im Gefängnis, weil er seinen Chef fast erwürgt hat. Zum Glück ist es ein Reform-Knast, in dem er Radios reparieren und sogar eine kleine Rakete bauen kann. Ein Geschäftsmann sieht sein Potenzial, sorgt für seine vorzeitige Entlassung und baut mit ihm eine Firma für Modellraketen auf. Den Lebensabend verbringt der Grossvater in Florida, wo er seine Modelle hütet, sich neu verliebt und auf Schlangenjagd geht.

Vor dem Tod löst sich die Zunge

All das erzählt er, kurz vor seinem Tod – die Schmerzmittel lösen ihm die verschwiegene Zunge – seinem Enkel, einem Schriftsteller namens Mike Chabon, bei dem man an den Autor dieses Romans denken darf. In der englischen Ausgabe fehlt die Gattungsangabe gar, in einer Anmerkung nennt Chabon selbst «Memoiren», was natürlich doch ganz und gar ist: Literatur, Erfindung und Gestaltung. Denn, klar, so ein Grossvater ist gut, aber entscheidend ist, was man aus seiner tollen Story macht.

«Schreib sie auf», gibt ihm der Grossvater auf, «erkläre alles. Sorg dafür, dass sie etwas bedeutet. Bau deine ganzen ausgefallenen Metaphern ein. Bring alles in die richtige zeitliche Reihenfolge, nicht dieses Durcheinander, das ich dir erzähle.» Michael Chabon, der mit seinem ersten Roman als 25-Jähriger einen Bestseller landete und mit dem dritten den Pulitzerpreis gewann, hat diese Anweisung befolgt und sich ihr zugleich entzogen. Denn «Moonglow» ist ein wilder Rösselsprung über ein halbes Jahrhundert und kreuz und quer über die Landkarte: Wir sind in Kalifornien und in Baltimore, in den letzten Tagen des Tausendjährigen Reichs, in der Psychiatrie, im Mustergefängnis Wallkill und im Rentnerparadies Florida.

Der Grossvater springt, weil Erinnerung so funktioniert, und der Enkel, Erzähler und Autor, springt mit. Und tut das seine dazu: Er habe sich an die Fakten gehalten, schreibt er im Vorwort, «es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gern verstehe, beugen».

Denn klar, so ein Grossvater ist gut, aber entscheidend ist, was man mit seiner tollen Story macht.

Der Grossvater, vom Enkel immer wieder gefragt, was von all dem stimme, bekommt zu hören: «Ist alles so, wie ich mich erinnern kann. Darüber hinaus kann ich für nichts garantieren.» Vor allem für die Geschichte seiner Frau kann er nicht garantieren; ihm schwant, dass hinter ihren Wahnanfällen, hinter dem «gehäuteten Pferd», das sie verfolgt, etwas anderes stecken muss als das Kriegstrauma, das sie mitschleppt. Er wird es, anders als der Enkel und die Leser, nie erfahren, weil er es auch nicht so genau wissen will. Wichtig für ihn allein: Er liebt sie, und sie zu beschützen ist seine Aufgabe, vielleicht sogar der Sinn seines Lebens. Was zählt da eine Lebenslüge?

Diesem Ziel hat er viel geopfert, unter anderem beruflichen Erfolg, sogar eine Erfindung, die gewissermassen den Algorithmus vorweggenommen hätte: «Fast wäre ich meiner Zeit voraus gewesen», sagt er einmal selbstironisch. «Moonglow» ist eine rührende, aber von jeder Sentimentalität freie Liebesgeschichte und zugleich ein an kuriosen und grotesken Details reicher Parforceritt durch die jüngere Zeitgeschichte der USA, mit dem thematischen Schwerpunkt «Raketen und Raumfahrt».

Die Ingenieursseele des Grossvaters kann sich begeistern an der Schönheit eines Raketenkörpers, an dem Schweif von Freiheit, der an ihrem Aufstieg und Ausstieg aus der Erdenschwere hängt, aber auf dieser Seele lastet der Missbrauch des Wunderwerks als Waffe.

Die Blase schwächelt

Chabon hat seinen Roman auch als Doppelbiografie angelegt: Dem Grossvater, der sich mit so viel biografisch Halbfertigem und Misslungenen abfinden muss, steht der Opportunist und Kriegsgewinnler von Braun gegenüber, der darüber informiert war, dass bei der Produktion der V2 Tausende Zwangsarbeiter zu Tode kamen. Das Raumfahrtprogramm der USA verdrängte die Schuld und machte ihn zum Weltstar. «In jeder Hinsicht war er das Nazischwein mit dem grössten Glück, das je gelebt hatte», urteilt der Grossvater.

Der wollte seinen Antipoden ursprünglich umbringen; sein Hass zerbröselt aber, als er den gealterten Raketenpionier bei einer Tagung beobachtet, wie er in einen Topfficus pinkelt. Auch von Brauns Stern verblasst schliesslich. Die Blase schwächelt, die Nasa kürzt Gelder (und, das weiss Michael Chabon nicht, in Deutschland werden von-Braun-Strassen umbenannt).

Ein sympathisches Einverständnis mit allem Ungenügenden und Vergänglichen liegt über diesem Roman, in dem, frei nach Rilke, Siegen nichts, Überstehen (mit Anstand) alles ist. Literarisch siegt der Autor auf ganzer Linie: «Moon­glow» ist in seiner Erzählfülle einem John Irving und in der Detailfreude einem John Updike ebenbürtig.

Vergnügliche Metaphern

Als sich etwa Mikes Mutter (sie war, das zum Irving-Touch, von ihrem Onkel missbraucht worden und hatte ihm dafür mit einem Pfeil ein Auge ausgeschossen) einmal neben den Erzähler setzt und nach Prell-Shampoo riecht, kommt in ihm Madeleine-artig die Erinnerung an die alte Fernsehwerbung hoch mit «der Perle, die träge und unergründlich durch die grünen Tiefen der Shampooflasche nach unten sinkt».

Chabons Eigenes sind die schon vom Grossvater angesprochenen «ausgefallenen Metaphern», die die Lektüre zum poetischen Vergnügen machen. So ­räkelt sich der Grossvater «auf seiner palliativen Wolke», oder «ein Bund Bananen erscheint wie die Hand eines goldenen Buddhas, die im grauen Morgen leuchtete». Wenn der Grossvater einen wissenschaftlichen Aufsatz liest, dann war «jeder der mit Formeln gespickten Sätze eine Meile, die er über Glasscherben robben musste».

Am Ende zieht die Tochter, Chabons Mutter, ein Resümee der Ehe ihrer Eltern. «Sie war geisteskrank. Seine Firma scheiterte. Sie konnten keine gemeinsamen Kinder bekommen. Er musste ins Gefängnis. Sie bekam Krebs von ihrer Therapie. Wann waren sie glücklich?» Und der Sohn antwortet: «Dazwischen.»

Michael Chabon: Moonglow. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 494 S., ca. 35 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2018, 18:20 Uhr

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Der amerikanische Schriftsteller (54) liest am Montag, 12. 3., 20 Uhr im Kaufleuten Zürich.

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