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Der reale Schrecken hinter der sozialistischen Fassade

Wie schnell der Traum von einer besseren Welt in totalen Terror umschlagen kann, zeigt der Historiker Karl Schlögel in seinem eindrücklichen Buch über Moskau im Jahr 1937.

Der in Frankfurt an der Oder lehrende Karl Schlögel gehört zu den innovativsten Historikern Deutschlands. Mit seiner These, dass sich Geschichte nicht nur auf der Zeitachse abspiele, sondern auch an ganz bestimmten Orten Gestalt annehme, hat er der Forschung wichtige Impulse verliehen und eine jüngere Generation von Historikern massgeblich geprägt: Zahlreiche Arbeiten zu Landstrichen und Städten, zu Zentren und Grenzregionen sind in den letzten Jahren erschienen. Schlögel selbst hat seine «raumbewusste Historiografie» theoretisch begründet in dem Buch «Im Raume lesen wir die Zeit» und praktisch angewandt in seinen Studien «Berlin. Ostbahnhof Europas» (1998), «Petersburg. Das Laboratorium der Moderne 1909–1921» (2002) und «Marjampole oder Europas Wiederkehr aus dem Geist der Städte» (2005). Diese Arbeiten sind auf dem neuesten Forschungsstand, und sie sind brillant geschrieben.

Rasante Modernisierung

Nun liegt «Terror und Traum. Moskau 1937» vor, ein atemberaubendes Buch, das den Leser in seinen Bann zieht. Es handelt sich um ein Geschichtsbuch, das sich wie ein Thriller liest – mit dem Unterschied, dass sich alles tatsächlich zugetragen hat. Vor der monumentalen Kulisse der sich rasant modernisierenden Hauptstadt an der Moskwa zeichnet Karl Schlögel eine Menschheitstragödie nach, vor deren grausamer Realität auch viele europäische Linke ihre marxistisch verklärten Augen verschlossen: Wurde das Leid nicht als ein Mittel zur Erreichung höherer politisch-gesellschaftlicher Ziele gerechtfertigt, so wurde es schlichtweg totgeschwiegen. Dass man die Opfer Stalins jahrzehntelang ignorierte, hat nach Schlögel auch damit zu tun, dass sie «im Schatten der Jahrhundertverbrechen der Nazis» standen (man las Primo Levi, nicht Warlam Schalamow). Um gegen diese «auffällige Asymmetrie» anzugehen, ist der Professor für Osteuropäische Geschichte in die neu zugänglichen Archive hinabgestiegen.

Obwohl die Geschichte des Grossen Terrors in groben Zügen bekannt ist, leistet Schlögel Pionierarbeit. Er vergleicht die Moskauer Adressbücher von 1936/1937 und zeigt, welch schmerzhafte Lücken gerissen wurden – auch an der Parteispitze (1939 sind 80 Prozent der 1934 gewählten Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees verhaftet). Er schildert, wie Stalin die Veröffentlichung der Ergebnisse der 1937er-Volkszählung zu dem Zeitpunkt verbietet, als sich der «Schock der fehlenden Millionen» abzuzeichnen beginnt (ausser den Säuberungen schlug auch die durch Kollektivierung der Landwirtschaft verursachte Hungersnot zu Buche). Er beschreibt eindringlich das harte Leben im Dmitlag-Lager, in dem die Arbeiter für den Bau des 128 Kilometer langen Moskwa-Wolga-Kanals untergebracht waren und über 20000 Insassen zwischen 1932 und 1938 starben. Er situiert die Kunst- und Kulturschaffenden in einem Milieu, das zwischen technologischem Aufbruchsoptimismus und endzeitlichem Pessimismus zerrissen war. Er betrachtet das Puschkin-Jubiläum, das aus einem russischen Schriftsteller, dem «Aufstand und Revolution niemals gefallen» haben, einen sowjetischen Nationaldichter machen wollte. Und er verfolgt die Moskauer Schauprozesse, die ohne Beweis und Beleg, aber mit viel rhetorischem Geschick gegen die «Schädlinge» und den «menschlichen Abfall der Ausbeuterklassen» gerichtet waren.

Vor allen Dingen aber schafft es Karl Schlögel, die Stimmung zu beschreiben, die hinter den nackten Zahlen und Fakten verborgen liegt: «Innerhalb eines Jahres wurden an die zwei Millionen Menschen verhaftet, an die 700'000 ermordet, fast 1,3 Millionen in Lager und Arbeitskolonien verschickt.» «Traum und Terror» gibt auf 700 Seiten (zusätzliche 100 umfassen die Anmerkungen und Zitatnachweise) dem anonymen Leid einen Namen und macht die Angst der Menschen vor der totalen Willkürherrschaft spürbar.

Das ganze Land ein Lager

Unter Stalins Diktatur verschwanden tagtäglich Menschen, und niemand wusste wieso. Es gab keine rational nachvollziehbaren Gründe dafür, wer weshalb auf der Abschussliste stand und wer nicht: Jeder Versuch, hinter der Auswahl ein System oder eine Ordnung zu erkennen, war zum Scheitern verurteilt. Jeder neue Fall widerlegte die vermeintlich klaren Kriterien. Und wer sich sicher wähnte, wusste womöglich bloss nicht, wie gefährdet er in Tat und Wahrheit war.

Karl Schlögel zitiert Briefe meist unbekannter Bauern und Intellektueller, Wissenschaftler und Kommunisten, aus denen eine existenzielle Verunsicherung spricht, die so weit ging, dass nicht einmal dem Adressaten zu trauen war. Auch der Nachbar in den zwangsverordneten Kollektivwohnungen konnte ein Feind sein: Gerade das Vertrauen, das er den Mitbewohnern entgegenbrachte, machte ihn verdächtig. «Ich habe ein Land gesehen, das sich in ein einziges Lager verwandelt hat», klagte der Dichter und Drehbuchautor Igor Terentjew bei seinem letzten Verhör. Es war ein Land, in dem selbst die Erbauer der Gefangenenlager nicht sicher sein konnten, am nächsten Tag noch am Leben zu sein.

Spionage und Sabotage

Manche Menschen blieben für immer verschollen, andere tauchten wieder auf – in Gefängnissen oder Arbeitslagern, nur wenige jedoch wieder daheim. Mit vielen, deren Namen niemand kennt und denen das Buch nun ein Denkmal setzt, wurde kurzer Prozess gemacht: Kaum verurteilt, wurden sie auf dem nahe Moskau gelegenen Schiessplatz Butowo mit einem Kopfschuss niedergestreckt.

Die regelmässig sich wiederholende Behauptung, antisowjetische Agitation und Propaganda, Spionage und Sabotage betrieben zu haben, konnte jeden jederzeit treffen, die Mächtigen und Ohnmächtigen, die Kolchosearbeiter und Parteibonzen, die sich ihr Leben mit kapitalistischen Privilegien versüssten. Selbst orthodoxe Kommunisten, die ihre Heimat verlassen hatten, um in der Sowjetunion die schöne neue Welt zu erbauen, wurden oft als Staatsfeinde verdächtigt. «Ausländische Spionagedienste wussten, dass es keine bessere Tarnung für ihre Spionage und subversive Operationen gibt als den Parteiausweis», schreibt 1935 Nikolai Jeshow, der als Leiter der Geheimpolizei den Übernamen «Schlächter» trug und den das Schicksal seiner Opfer ereilte – wie schon seinen Vorgänger Genrich Jagoda. Denn Stalin beliess es nicht bei seinen Drohungen: «Wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei er auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten.»

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