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Der Mond ist untergegangen

Nicht erst der «kleine Schritt» des Astronauten Neil Armstrong hat dem Mond die Poesie ausgetrieben. Das haben die Dichter nach jahrhundertelanger lyrischer Verehrung selbst besorgt.

Nach der Romantik musste der Mond unten durch. «Sturmnacht an der Westküste Norwegens» (1856). Foto: Knud Andreassen Baade, Kunsthaus Zürich
Nach der Romantik musste der Mond unten durch. «Sturmnacht an der Westküste Norwegens» (1856). Foto: Knud Andreassen Baade, Kunsthaus Zürich

«Der Mond ist aufgegangen»: Matthias Claudius’ «Abendlied» kennen, auch wenn sie sonst mit Gedichten nichts am Hut haben, fast alle. Vielleicht als Einschlaflied, einst von Mutter oder Vater halblaut gesungen. Ein Text, der Urvertrauen herstellt: Die Welt erscheint als stille Kammer, als Schutzraum vor allen Gefahren. Und «des Tages Jammer» geht vergessen, sobald der Mond sein so ganz anderes Licht auf die Erde wirft.

Claudius schrieb sein Gedicht 1779, am Ende eines von seinem Zeitgenossen Jean Paul so genannten «Seleniten-Jahrzehnts» (ein Selenit ist ein Mondbewohner). In dieser Zeit entdeckten die Dichter der Empfindsamkeit das Mondlicht als poetische Quelle. «Willkommen, o silberner Mond, / Schöner, stiller Gefährte der Nacht!», spricht Friedrich Gottlieb Klopstock ihn direkt an. Im Mondlicht verwandelt sich die Landschaft, die grellen Farben des Tages treten zurück, ein milder Glanz liegt über der Natur. Stille herrscht, die Geschäftigkeit der Menschen hat ein Ende. Der Mond ist das Gestirn der Seele, nicht der Vernunft.

Gestirn des Friedens

Ein ganzes Bedeutungsfeld entwickelt sich unter dem nächtlichen Licht, in den folgenden Jahrzehnten weiter beackert und unter den Romantikern zu reichster Blüte gebracht. Der Mond ist das Gestirn des Friedens, weil der Alltagsstreit ruht. Er ist das Gestirn der Dauer, weil er jede Nacht derselbe ist, dem Menschen dasselbe Gesicht zuwendet und schon immer da war. Er ist der verschwiegene Zeuge und Vertraute heimlicher Liebe und spendet Trost den Ungeliebten, den Unglücklichen, den Einsamen – natürlich in erster Linie den Dichtern selbst.

«Alles Leiden weiss er zu erquicken», dichtet Clemens Brentano, in dessen Strophen unter dem Mondlicht Mensch und Welt eins werden. Dieses Lich hat für die romantischen Dichter etwas Magisches. «Mondbeglänzte Zaubernacht» heisst die Formel bei Ludwig Tieck, die seine Kollegen unendlich oft ausgeführt und variiert haben. Der Mond und sein Schein sind das lyrische Sujet par excellence. Denn tut das Mondlicht nicht dasselbe wie der Dichter – das Gewohnte verwandeln, veredeln, verzaubern?

Ganze Anthologien kann man mit lunarer Lyrik füllen. Joseph von Eichendorffs Gedichte stellen vielleicht den Höhepunkt der Monddichtung dar, weil auch das Ambivalente, latent Bedrohliche des Magischen durchscheint. «Wie liegt im Mondenlichte / Begraben nun die Welt / Wie selig ist der Friede / Die sie umfangen hält», heisst es noch um die Jahrhundertmitte bei Theodor Storm.

«Es war eine Zeit, wo man den Mond nur empfinden wollte, jetzt will man ihn sehen.»

Brief von Goethe an Schiller

Es hat aber nicht erst der Mondlandung amerikanischer Astronauten bedurft, also des ­direkten physischen Kontakts, damit der Erdtrabant den poetischen Schleier verlor. Wusste man nicht seit Galilei, dass das vermeintliche Gesicht, das tiecksche «rund freundlich ­Angesicht» aus Kratern zusammengesetzt war? Goethe, der den Mond nicht nur in herrlichen ­Gedichten ­besungen hat, sondern auch ein Naturwissenschaftler war, schrieb 1800 an seinen Freund Schiller bei der Übersendung eines Fernrohres: «Es war eine Zeit, wo man den Mond nur empfinden wollte, jetzt will man ihn sehen.» Und Jean Paul, der die Mondmetaphorik ins Äusserste und Exzentrischste getrieben hatte («Schwan des Himmels»), musste zugleich feststellen (im «Titan», auch bei einer Fernrohrszene): «Wie vergeht sein schönes blasses Licht und seine ganze Magie in der Nähe!»

Spätestens mit Auslaufen der Romantik war das Sujet ausgelaugt, ausgelutscht. «Mondmüde» erklärte sich Otto Julius Bierbaum im gleichnamigen Gedicht, wo er lauter neue Attribute findet wie «die grosse grelle Diebslaterne» oder «Ohrfeigengesicht des Himmels» und ihn zum «lächerlichstes aller Requisiten/im lyrischen Kasperle­theater» erklärt.

Den Expressionisten kam er dann wieder gerade recht, aber ganz anders: als bleiche, leblose Steinmasse, die auf eine gottlose, heillose Welt hinunterschaut. Bei Georg Heym ist der Mond «ein ungeheurer Schädel, weiss und rot», bei Alfred Lichtenstein «tritt er wütend hervor», und Johannes R. Becher schreibt gar: «Da kotzt auf Dächer Mondes schiefer Mund / Gallgrünen Schleim». Was Friedrich Torberg 1938 in seinem Gedicht «Grossstadtlyrik» selbst wieder parodierte: «Eitrig der Mond vom Himmel trotzt. / Ein Dichter schreibt. Ein Leser kotzt.»

Abschied vom Mond

Bei Brecht ist der lyrische Mond ein Klischee, ein Indiz falscher Romantik, falschen Bewusstseins. In der «Dreigroschenoper» schimpft Frau Peachum über den «Mond über Soho»: «Das ist der verdammte ‹Fühlst-du-mein-Herz- schlagen›-Text. Das ist das ‹Wenn du wohin gehst, geh auch ich wohin, Jonny!›» Bei Günter Eich mündet die jahrhundertelange Verehrung und Verklärung 1948 in einen aggressiven «Abschied vom Mond»: «Im Fensterfrost, im weissen Farn / steigt auf der Mond, so gelb wie Harn. / Ich hasse ihn. Er wandelt still, / verschönt, was nicht verschönt sein will, / verfälscht mit seinem sanften Licht / den Kot der Erde zum Gedicht, / zur schwärmerischen Poesie / Blut, Eiter, Typhus, Agonie.»

Damit war der Mond als Sujet ernsthaften poetischen Schreibens erledigt. Was bleibt, ist der Schlager, das Medium der schönen Lebenslüge. «Guter Mond, du ge-hest so sti-hille», sangen die Comedian Harmonists und zitierten damit nostalgische Gefühle. Was ausserdem bleibt, ist die Parodie: Peter Rühmkorf lieferte eine zum claudiusschen «Abendlied», Dieter Höss eine andere, das «Lied des Astronauten»: «Der Mond ist eingefangen, / von Sonden schon begangen, / von Fotos wohlvertraut. / Das All steht schwarz und schweiget, / doch aus Raketen steiget / schon hie und da ein Astronaut.»

Das war 1967, zwei Jahre bevor Neil Armstrong die Mondoberfläche betrat und den «gewaltigen Sprung für die Menschheit» tat. Es ist nicht die Nasa, die den Mond entzaubert hat. Das haben die Dichter selbst erledigt, durch Übernutzung des Sujets und Übersättigung des Publikums.

Zukunft und Touristenziel

In der zeitgenössischen Lyrik kann man den Mond lange suchen. Ausnahme: Ein Dichter, sogar ein Büchnerpreisträger, hat einen ganzen Gedichtzyklus verfasst. Durs Grünbeins «Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond» ist eine gelehrte Reflexion über die Projektionen der Menschheit auf die Nicht-Erde. Die einzelnen Gedichte sind nach Mondkratern benannt, und im Nachwort spekuliert Grünbein über die Zukunft als Touristenziel oder Rohstoffquelle (Helium 13132213).

Den definitiven Grabspruch für den Mond als lyrisches Sujets lieferte Rolf Dieter Brinkmann. «Mondlicht in einem Baugerüst», erschienen 1975, in seinem Todesjahr, reitet den Begriff Mondlicht ganz bewusst zu Tode, bis zur Absage an jede Metaphorik, jede bildhafte Verwandlung: «Es macht gar keinen Sinn, das Mondlicht / anders zu beschreiben als mit Mondlicht».

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