Hemingway: «Eben nicht als Schweizer geboren»

Eine Story von Ernest Hemingway wurde entdeckt. Sie spielt im Paris des Zweiten Weltkriegs.

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Ernest Hemingway – 1899 bis 1961, Meister des minimalen Stils und Jäger grosser Tiere – ist ein Liebling der Gender Studies. Kein Wunder: Wer nach «Männlichkeit» fragt, kommt am bärtigen Amerikaner nicht vorbei. Forscherin Verna Kale zum Beispiel ist begeistert von «A Room on the Garden Side». Die Kurzgeschichte biete viel Material für alle, die sich mit Geschlechterfragen beschäftigten, sagt die Autorin von «Teaching Hemingway and Gender».

Erstmals veröffentlicht wurde die Story diesen Monat im «Strand Magazine» – eine Literatur-Sensation. Die Geschichte spielt 1944, Paris ist eben von der Wehrmacht befreit worden. Hauptfigur Robert, wie Hemingway Krieger und Kriegsberichterstatter zugleich, lümmelt im Hotel Ritz. Er redet über den Krieg und staunt, wie das Licht auf die Pilz-ähnlichen Köpfe der Panzerfäuste fällt, er zitiert Baudelaire und verspottet den eitlen Vertreter der Resistance, der ihn am Nachmittag besucht hat. Flinke Dialoge, in wenige Sätze gepackte Biografien, lakonischer Humor. «Die Geschichte hat alle Merkmale, die Leser an Hemingway lieben», sagt Susan Beegel, frühere Herausgeberin der «Hemingway Review», die Studien zum Nobelpreisträger sammelt.

Eine exotische Tänzerin

Die Genderforschung betrachtet Hemingways Leben und Kunst als einen Panzer inszenierter Männlichkeit, darunter entdeckt sie die Verunsicherung und Sensibilität eines subtilen Schreibers. Verna Kale interessiert an «A Room on the Garden Side» das Verhältnis von Robert zum arroganten, höherrangigen Resistance-Mann. Und die Bedeutung der mysteriösen «exotischen Tänzerin», deren Bild Roberts Freund Red über dem Kamin aufgehängt hat («sehr eindrücklicher Torso»), und die ihn, Red, sehr liebe. Doch Red weiss nicht mehr, wo die Tänzerin lebt, er kann sich nicht mal mehr erinnern, wo er sie getroffen hat. «Irgendwo auf einem grossen Hügel.»

Die Genderforschung ist nicht allein mit ihrem Interesse an «A Room on the Garden Side». Für Englischprofessor Kirk Curnutt ist klar, dass sich die Geschichte um die Frage dreht, wie sehr die Nazi-Zeit den Glanz früherer Tage verdunkelt. Tatsächlich endet die Kurzgeschichte mit der merkwürdigen Feststellung: «... die Stadt sieht nie mehr gleich aus, ausser du verlässt sie zur rechten Zeit».

Nicolaus Mills, ein anderer Hemingway-Spezialist, gibt auf der US-Nachrichtenseite «The Daily Beast» eine weitere Deutung. Es gehe um die Rolle der USA in der Welt. Mills bezieht sich auf die Stelle, als Robert über seine Prinzipien nachdenkt und darüber, weshalb er als Amerikaner in Europa kämpft. Deshalb sei die Geschichte aus dem Jahr 1956 heute verblüffend relevant, meint Mills. Heute, da Trumps «America First!»-Administration egoistisch die internationalen Verpflichtungen abstreift.

Die Schweizer Geburt

Und, bisher unbeachtet: Die Kurzgeschichte hat einen Schweizer Bezug. Roberts Kumpane Charley habe sich in die «dreckigen Spiele des Krieges» verstrickt und eben nicht die Räson gehabt, schreibt Hemingway, «als Schweizer geboren worden zu sein».

Dabei ist der Erzähler kein Pazifist, sondern hemingwayesk-martialisch gestimmt; er schildert ein herrliches Gelage und die Zufriedenheit der Soldaten nach geschlagener Schlacht. Man musste seine Schweizer Herkunft vergessen, damit man daran teilhaben konnte. Hier liegt, ex negativo, eine kleine Philosophie der helvetischen Lebensart versteckt. Ein knapper Text, der die Deutungen anzieht wie eine Flasche Champagner die untätigen Soldaten: Deshalb ist «A Room on the Garden Side» eine gelungene Story.

«A Room on the Garden Side» kann online bestellt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 15:48 Uhr

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