Der Geist stiehlt, wo er kann

Der Autor Tex Rubinowitz hat in seinem Roman aus Wikipedia kopiert.

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Es war, 2014, eine kleine Sensation. An der Bachmann-Preis-Lesung wurde kein depressiver Text ausgezeichnet. Sondern nur ein melancholischer. Und dann auch noch ein Werk eines krassen Aussenseiters: das des hauptberuflichen Witzezeichners Tex Rubinowitz.

Dieser kaufte sich mit den 25'000 Euro eine neue Brille, legte den Rest aufs Sparbuch und machte aus der Erzählung einen Roman: «Irma». Es ist die Geschichte eines gewissen Tex Rabinowitsch, der durch mehrere Städte und unzählige Nebengedanken gespült wird.

Die Geschichte hat Ähnlichkeiten mit dem echten Tex Rubinowitz, der eigentlich ganz unjüdisch als Dirk Wesenberg in Hannover geboren wurde, mit 17 die Schule und später nach einer Woche die Kunstschule schmiss, in Bands mit Tiernamen spielte, im Militärdienst zum Bremsschirmpacker und vom Leben zum Molkereifacharbeiter ausgebildet wurde, um dann seinen Lebensunterhalt mit krakeligen Witzzeichnungen mit noch krakeligeren Pointen zu verdienen. Auf einer Zeichnung denkt etwa ein ungeschlachter Mann mit Unterhemd und Zigarre: «Wenn ich schon ständig das Bedürfnis habe, Körperflüssigkeit loszuwerden, könnte ich ja auch mal weinen.»

«So what?»: Autor Tex Rubinowitz. Foto: Hertha Hurnaus

Der Roman fühlt sich an wie die erste Stunde an Land nach einer Segeltour: Alles schwankt, weil alles stillsteht. Alles schwankt, die Metaphern, die Wirklichkeit, die Laune, während der Held so gut wie nichts tut, als nichts zusammenzubringen. Es ist die Geschichte eines denkenden Versagers – und es ist eine schöne Pointe, dass sie ihm Ruhm und 25'000 Euro brachte.

Doch nun will die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» den Autor wieder dahin zurückbomben: Unter dem Titel «Plagiarismus als Recherche» wies sie durch akribisches Googeln nach, dass zwei Dutzend im Roman verstreute Sätze direkt aus Wikipedia stammen. Das ist für Rubinowitz nicht ungefährlich, da in einem Feuilleton von ihm schon einmal Zitate aus einer Website sowie ein Absatz aus Wikipedia gefunden wurden.

Die FAZ behauptet, dass «kein deutscher Autor so umstandslos aus Wikipedia kopiert» habe wie dieser hier und taufte ihn «die Copy-and-paste-Maschine Tex Rubinowitz».

Der Angeklagte schwieg bisher. Doch seine Antwort auf die Vorwürfe kann korrekterweise nur wie folgt lauten: So what? Oder noch korrekter: Wer je Wikipedia abschrieb, weiss, wie sperrig diese Sätze sind. Es zeigt Tex Rubinowitz’ Können, dass die kopierten Sätze so unauffällig im Text liegen wie Forellen in der Strömung.

«Natürlich basiert so ziemlich jede Blütezeit der Literatur auf der Kraft und Unschuld ihrer Plagiate», schrieb schon Brecht. Und bemerkte, dass man einen Meister daran erkenne, dass er gut Gemachtes nicht noch einmal mache.

Und sein Kollege Paul Valéry sagte: «Der Geist stiehlt, wo er kann.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2015, 07:07 Uhr

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