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Der Ferrante-Effekt

In Italien ist die Stunde der Frauen in der Literatur längst angebrochen. Das merken ausländische Märkte erst mit Verspätung.

Francesca Melandri arbeitet in ihrer Trilogie heikle Themen der italienischen Vergangenheit auf. «Alle, ausser mir» ist ein Teil davon. Foto: Elisabetta Claudio
Francesca Melandri arbeitet in ihrer Trilogie heikle Themen der italienischen Vergangenheit auf. «Alle, ausser mir» ist ein Teil davon. Foto: Elisabetta Claudio

Im vergangenen Sommer landete der Berliner Wagenbach-Verlag einen Coup: Die Aufregung um die Bestsellerautorin Elena Ferrante und ihre vierbändige Reihe über das neapolitanische Freundinnenpaar war noch nicht abgeklungen, da erschien bei dem traditionell mit Italien verbundenen Haus ein Roman, der es in sich hatte: «Alle, ausser mir» von der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri. Auch wenn Melandri eine scharfzüngige, unterhaltsame Milieustudie der römischen Bourgeoisie lieferte, stand doch ein ungleich schwierigeres Thema im Zentrum: die italienische Kolonialzeit und der grausame Eroberungskrieg in Abessinien unter Mussolini.

Ihr Roman umfasst drei Generationen und zeichnet die Folgen der verdrängten Vergangenheit bis in die Ära Berlusconi nach. «Alle, ausser mir» wurde im deutschsprachigen Raum ein Erfolg, er verkaufte sich über 90'000 Mal; Veranstaltungen mit der sympathischen Autorin sind hierzulande immer noch überfüllt.

Elena Ferrante war zum Türöffner geworden: Auf einmal interessierte man sich wieder für das, was aus Italien kam. Dass Melandri in Deutschland ihr Publikum fand, lag aber vor allem an Wagenbach und dem Umfeld des Verlages, der für ein bestimmtes literarisches und politisches Profil steht. In Italien erhielt «Alle, ausser mir» zwar positive Kritiken und war in der vorletzten Runde für den wichtigen Premio Strega im Rennen, aber in den Debatten über zeitgenössische Literatur spielte es keine grössere Rolle, und die Verkaufszahlen lagen unter 10'000 Exemplaren. Die «Geniale Freundin» hatte Melandri also nur in Deutschland geholfen, nicht aber in Italien.

Natalia Ginzburg und Elsa Morante entdecken die USA erst jetzt

Gibt es einen Ferrante-Effekt, wie die New York Times kürzlich vermutete, der es italienischen Schriftstellerinnen in einem traditionell männlich dominierten Gewerbe neuerdings leichter macht? Das gilt sicher für den amerikanischen Markt. Die USA haben aber ohnehin einen enormen Nachholbedarf, was italienische und europäische Literatur angeht, und tatsächlich sind dort in diesem Jahr bei prestigereichen Verlagen wie New Directions und Liveright Neu- und Erstübersetzungen von Natalia Ginzburg und Elsa Morante erschienen, letztere in der Version der Ferrante-Übersetzerin Anne Goldstein, die inzwischen selbst zum Qualitätssiegel geworden ist.

Genau wie ihre Neuübersetzungen von Primo Levi 2016 stiessen Ginzburg und Morante auf Interesse und wurden mit ausführlichen Essays in der New York Review of Books gewürdigt. Dass sich amerikanische Verlage nach dem grossen Verkaufserfolg von Elena Ferrante und der von HBO koproduzierten Verfilmung nach anderen italienischen Autorinnen umschauen, liegt nahe. Einige werden demnächst erscheinen. Ob sich die Bücher dann aber durchsetzen lassen, hat mit einer Vielzahl von Faktoren zu tun.

Der Ferrante-Effekt stellt sich in Italien also anders dar. Immerhin verhilft er Autorinnen insgesamt zu mehr Sichtbarkeit und verbessert ihre Arbeitsbedingungen. Präsent waren sie schon immer, aber jetzt nimmt man ihre Erfolge ernster. Eine Schriftstellerin wie Helena Janeczek, 2018 mit dem Premio Strega ausgezeichnet, verkaufte von ihrem fein gesponnenen Roman über die Fotografin Gerda Taro «La ragazza con la Leica» 200'000 Exemplare – ein enormer Erfolg auf einem Buchmarkt, der um ein Drittel kleiner ist als der deutschsprachige. Die Veröffentlichung in Deutschland ist für das Frühjahr im Berlin-Verlag geplant, und dass die Verfasserin dieses literarischen Bestsellers aus einer jüdisch-polnischen Familie kommt, in München aufwuchs und Italienisch erst im Studium lernte, ist eine schöne Pointe.

Lektorinnen, Zeitungsgründerinnen, Verlegerinnen

Eher ins leichte Fach gehört der Wälzer über die sizilianische Unternehmerdynastie Florio «I leoni di Sicilia» von Stefania Auci, der noch vor Erscheinen nach Amerika, Deutschland, Frankreich, Spanien und Holland verkauft wurde und seit vielen Monaten weit vorne auf den Bestsellerlisten steht, was der touristisch grundierten Lust an leichtgängigen süditalienischen Familiensagas, verknüpft mit Sozialgeschichte, geschuldet ist.

Als Vorläuferin wäre Simonetta Agnello Hornby zu nennen, deren süffige Sizilien-Panoramen in Italien, Deutschland, Frankreich und England gut ankommen. Schon 1994 war Susanna Tamaros Schmonzette «Geh, wohin dein Herz dich trägt» um die Welt gegangen, das mit 16 Millionen verkauften Exemplaren die bisher elf Millionen Ferrante-Leser noch überflügelt.

Grosse weibliche Stimmen gab es in Italien schon immer. Die Turinerin Natalia Ginzburg gehört dazu, die als Lektorin des Einaudi-Verlages prägend war und mit ihren spröden, lakonischen Romanen bis heute ein Fixpunkt ist. Dasselbe gilt für die Lyrikerin Amelia Rosselli und die Romanautorin Elsa Morante, die mit «La Storia» (1974) über den Zweiten Weltkrieg ein zeitgenössisches Epos für das grosse Publikum schaffen wollte, was ihr auch gelang. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen verlor sie sich nicht in den Formexperimenten der Avantgarde.

Patriarchale Kultur – widerständige Frauen

Seit den Achtzigerjahren erlebte die Neapolitanerin Anna Maria Ortese mit ihrer fantastisch-surrealen Ästhetik, auf die sich auch Ferrante beruft, eine anhaltende Renaissance. Goliarda Sapienza wurde mit ihren autobiografischen Romanen zu einem literarischen Ereignis. In Deutschland erfolgreich waren zwei Vertreterinnen der Folgegeneration: Fabrizia Ramondino und Rosetta Loy.

Die patriarchale Kultur scheint besonders widerständige Frauen auf den Plan gerufen zu haben: Schon im 19. Jahrhundert gründete die Feuilletonistin Matilde Serao in Neapel die Tageszeitung Il Mattino. Rossana Rossanda hob mit Lucio Magri 1969 das linke Blatt Il Manifesto aus der Taufe. Eine streitbare Figur wie Oriana Fallaci machte in den Siebzigerjahren international von sich reden, und Heerscharen von Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Essayistinnen und Philosophinnen gehen seit Jahrzehnten tagaus, tagein ihrer Arbeit nach: Dacia Maraini, Patrizia Cavalli, Antonella Anedda, Melania Mazzucco, Michela Murgia, Benedetta Craveri, Elisabetta Rasy, Concita De Gregorio, Donatella Di Cesare. Im Übrigen wird einer der erfolgreichsten unabhängigen Verlage von einer Frau geleitet: Elisabetta Sgarbi steht dem von Umberto Eco 2015 begründeten Haus La Nave di Teseo vor. Die Zeit der Frauen ist in Italien also schon lange angebrochen.

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