Der fabrizierte Jahrhundertverrat

Peter Beutler beschreibt in seinem Kriminalroman «Berner Münstersturz» die Geschehnisse um den Prozess gegen Brigadier Jean-Louis Jeanmaire 1977.

Der «Landesverräter» wird im Juni 1977 zu 18 Jahren verurteilt.

Der «Landesverräter» wird im Juni 1977 zu 18 Jahren verurteilt. Bild: Keystone

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Er habe keinen Grund, schlecht auszusehen, verkündete Brigadier Jean-Louis Jeanmaire, als er im Jahre 1991 seinen alten Bekannten, den Russen Wassili Denissenko, wieder traf. Dabei hätte Jeanmaire allen Grund gehabt zu klagen, hatte er doch gerade 12 Jahre wegen Landesverrats im Gefängnis gesessen – und das höchstwahrscheinlich unschuldig. Wie es dazu gekommen war?

Mitten im Kalten Krieg der 70er-Jahre meldete die CIA dem Schweizer Geheimdienst, dass es im helvetischen Militär einen Maulwurf gebe, der Geheimnisse an die Russen weiterleite. Ins Visier geriet Brigadier Jean-Louis Jeanmaire, der nach einjähriger Beobachtung verhaftet und als Landesverräter vor Gericht gestellt wurde.

Der damalige Bundesrat und EJPD-Vorsteher Kurt Furgler hielt in einer öffentlichen Brandrede fest, Jeanmaire habe dem russischen Attaché Wassili Denissenko «geheimste» Dokumente weitergegeben, und sorgte dafür, dass der Brigadier im Volk als «Jahrhundertverräter» vorverurteilt wurde, bevor überhaupt eine Anklageschrift vorlag.

Wie die Historiker Jürg Schoch und Urs Rauber in Biografie und Dokumentation darlegten, hatte Jeanmaire aber gar nie Zugang zu solchen Dokumenten, sondern lediglich Unterlagen an Denissenko weitergegeben, welche zwar als «geheim» deklariert waren, aber bei über 1000 Truppenkommandanten zu Hause zu finden waren. Von nationaler Bedrohung konnte also keine Rede sein. In einem höchst fragwürdigen Prozess wurde der Brigadier im Juni 1977 trotzdem zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt und degradiert. Wegen guter Führung wurde er nach 12 Jahren entlassen.

Fiktiv ist nicht frei erfunden

Die Geschichte rund um den tragischen Fall von Brigadier Jeanmaire ist fürwahr Thriller-Material. So erstaunt es nicht, dass bereits der englische Schriftsteller John Le Carré 1991 den Jeanmaire-Stoff in der Reportage «Ein guter Soldat» aufgearbeitet hat und Urs Widmer 1992 mit «Jeanmaire. Ein Stück Schweiz» eine mögliche Variante der Geschehnisse in Theaterform lieferte. Mit «Berner Münstersturz» legt der in Beatenberg lebende Schriftsteller Peter Beutler nun eine weitere literarische Bearbeitung dieses Stoffes vor, wobei er im Nachwort festhält: «Vieles in diesem Buch ist fiktiv. Doch das bedeutet nicht, dass es frei erfunden ist.»

Beutler hat zwar die Namen der beteiligten Personen geändert, hält sich aber ansonsten über weite Strecken an historisch verbürgte Fakten, die er im Anhang belegt. Sein packender Krimi ist somit auch Zeugnis eines erschreckenden, weil höchst fragwürdigen Kapitels Schweizer Justizgeschichte.

Die Furcht der Drahtzieher

«Berner Münstersturz» beginnt im Jahr 1992 mit dem titelgebenden Ereignis: Der leblose Körper eines hohen Offiziers wird auf dem Münsterplatz gefunden, anscheinend hat sich der Militär vom Turm gestürzt. In der Folge nimmt Wachtmeister Gottfried Bucher von der Stadtpolizei Bern die Ermittlungen auf, was aber den militärischen Nachrichtendienst auf den Plan ruft. Offenbar stehen nämlich der Münstersturz und eine zweite Leiche, welche kurze Zeit später mit aufgeschnittener Kehle gefunden wird, mit einem ganz anderen Geschehnis im Zusammenhang: der Verurteilung des Brigadiers Jacques Jaccard im Jahre 1977 wegen Landesverrats.

Geschickt verschränkt Beutler in der Folge in seinem Krimi die beiden Handlungsstränge der Jahre 1992 und 1977. Einerseits werden anhand von Tagebucheinträgen die haarsträubenden Geschehnisse rund um den Prozess von ­Jacques Jaccard erzählt, andererseits wird verdeutlicht, wie die Drahtzieher hinter diesem Prozess noch 15 Jahre später eine genaue Durchleuchtung der damaligen Vorfälle fürchten und zu vereiteln suchen. Jaccards Tagebucheinträge machen klar, dass er gar kein Landesverräter sein konnte, sondern als Sündenbock in einem kafkaesk anmutenden Prozess von Beginn weg keine Chance hatte.

Aufrecht, wenn auch etwas naiv

Da keine handfesten Beweise für seinen Verrat vorliegen, werden diese ganz einfach konstruiert, und Geständnisse werden dem Angeklagten auf höchst fragwürdige Art und Weise abgerungen. Jaccard wird konstant gedemütigt, zeitweise gefoltert und muss unter höchst prekären Haftbedingungen seinen Prozess abwarten, der dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Die Fäden dieser hinterhältigen Farce laufen bei einem gewissen Bundesrat Vetsch, Vorsteher des EJPD, zusammen, der wiederum auf Druck der CIA aktiv wird.

Beutler porträtiert Jaccard als aufrechten, wenn auch anfänglich etwas naiven Mann, der bis zu seinem Lebensende an seiner Unschuld festhält und für seine Rehabilitierung kämpft. Vielleicht trägt der Schriftsteller mit «Berner Münstersturz» dazu bei, dass nun auch der Fall des Brigadiers Jean-Lous Jeanmaire endlich die längst fällige Aufarbeitung erfährt. Jeanmaire wird es nichts mehr nützen. Er starb bereits 1992 kurze Zeit nach dem Wiedersehen mit Wassili Denissenko.

Peter Beutler: «Berner Münstersturz», Emons-Verlag, 347 Seiten, Fr. 17.90 (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2015, 15:16 Uhr

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