Der erste Nihilist der Weltliteratur tritt auf

Iwan Turgenjews «Väter und Söhne» führt ins alte Russland, wo das Kommende heftig gärt. Die Hauptfigur polarisiert stark. Wer genau liest, erkennt die Vorboten der Attentate gegen den Zaren.

Da hört man den Samowar summen: Turgenjews Gutshof bei Mzensk auf einem Gemälde von 1881. Foto: akg-images/Keystone

Da hört man den Samowar summen: Turgenjews Gutshof bei Mzensk auf einem Gemälde von 1881. Foto: akg-images/Keystone

Martin Ebel@tagesanzeiger

Ach, das alte Russland! Gelebt haben möchte man dort nicht, aber lesend lässt man sich immer wieder gern dorthin versetzen. Da klingeln die Glöckchen, wenn die Troika über den Schnee dahinbraust. Da summt der Samowar im einsam gelegenen Gutshof. Da trifft sich die gelangweilte Gesellschaft zum Kartenspiel oder der Betrachtung der neuesten Modejournale. Da lädt der Gouverneur zum Ball, eine Affäre entspinnt sich, es folgt das Duell im Morgengrauen, zehn Schritte und – peng! All das bietet auch, behaglich und grosszügig erzählt, von Ganna-Maria Braungardt schlank und elegant neu übersetzt, «Väter und Söhne», ein Klassiker der russischen Literatur und der beste Roman von Iwan Turgenjew (1818 bis 1883).

Vordigitaler «Shitstorm»

Der war unter den Autoren seines Landes ein «Westler», der an den Fortschritt glaubte (im Gegensatz zu den «Slawophilen», nach denen Mütterchen Russland sich nicht verändern sollte). Er lebte auch ab 1863 in Westeuropa, in Baden-Baden und später in der Nähe von Paris, wo er mit Flaubert und Maupassant verkehrte. Seine Heimat hatte er nach einem «Shitstorm» verlassen, den der Roman «Väter und Söhne» ausgelöst hatte. Der Sturm blies – im gemächlichen vordigitalen Tempo – aus zwei entgegengesetzten Richtungen: Das eine Lager warf ihm vor, seinen Helden Basarow idealisiert zu haben, das andere eine zu negative Darstellung desselben.

Dieser Jewgeni Basarow ist tatsächlich eine Gestalt, an der sich die Geister scheiden – im Roman und ausserhalb. Es ist der erste Nihilist der Weltliteratur. Arztsohn und selbst angehender Arzt, betrachtet Basarow die Welt einzig unter dem Kriterium der Nützlichkeit. «Ein anständiger Chemiker ist zwanzigmal nützlicher als jeder Dichter», lautet einer seiner (viel und mit Empörung zitierten) Leitsätze. Kunst, landschaftliche Schönheit, Liebe: alles unwichtig, hat man den Fortschritt der Menschheit zum Ziel.

Gespräche und Kutschfahrten

Und den hat Russland nötig: Turgenjews Roman erschien 1861, in jenem Jahr, da Zar Alexander II. die Leibeigenschaft der Bauern aufhob. Womit noch nicht viel gewonnen war. Die zaghaften Reformen nach seinem Amtsantritt (etwa, dass Frauen studieren durften) wurden bald wieder zurückgenommen, die Zensur packte schärfer zu. Nun, die Ideen waren in der Welt, der Liberalismus beschäftigte die Salons, entsprechende Literatur gelangte bis in die entlegene Provinz (jedenfalls zu denen, die überhaupt lesen konnten).

Der Nihilist ist die radikale Zuspitzung des Liberalen. Basarow glaubt an nichts und lehnt alle Autoritäten ab. Im Zarenreich, das ausschliesslich auf dem Herrschaftsprinzip gründete, eine besondere Provokation. «In dieser Zeit ist Ablehnung das Nützlichste – also lehnen wir ab», so Basarow in einem Streitgespräch. «Man muss doch aufbauen», hält man ihm entgegen: «Nicht unsere Sache. Erst muss aufgeräumt werden.»

Die Figur des Nihilisten macht Karriere, in der Literatur – etwa in Dostojewskis «Dämonen» – und in der Realität. Sie radikalisiert sich weiter. Und sie schreitet zur Tat. 1866 findet das erste Attentat auf den Zaren statt, einem weiteren fällt er 1881 zum Opfer. Die sozialen Gegensätze verschärfen sich, es kommt vermehrt zu Unruhen. Terrorismus und Reaktion schaukeln sich hoch. 1905 bricht die erste Revolution aus, 1917 putschen sich die Bolschewiki an die Macht und «räumen auf».

Sex haben solle sein wie ein Glas Wasser trinken

Bei Lenin & Co. findet man manchen Keim, den Turgenjew seinem Basarow eingepflanzt hat, zu schrecklicher Blüte gelangt. Dass alle Menschen letztlich gleich sind, ihr Wert allein in der Arbeit liegt, die sie tun. Dass Liebe nicht viel bedeutet; man denke an den berühmten, der Bolschewistin Alexandra Kollontai zugeschriebenen Satz, Sex haben solle sein wie ein Glas Wasser trinken.

Von dieser Welt ahnt Turgenjew natürlich nichts, aber er stattet Basarow mit genügend Ideen und Eigenschaften aus, um ihn seinem Schöpfer selbst unheimlich zu machen. So unheimlich, dass er ihn an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen lässt.

Der Roman besteht – wie eigentlich alle russischen Romane des 19. Jahrhunderts – aus Gesprächen, unterbrochen von Kutschfahrten von einem Gutshof zum nächsten. Manche suchen Abwechslung in St. Petersburger Salons oder gar im Ausland, bei Turgenjew reicht es hier nur zu einem Ausflug in die Provinzhauptstadt, wo ein Gouverneur die neuen Ideen propagiert, aber nicht anwendet, und die «Frauenfrage» (so nannte man das) in Gestalt eines Blaustrumpfs lächerlich gemacht wird. An «Action» bieten «Väter und Söhne» noch zwei Liebeserklärungen, ein Duell und Basarows Tod, die stärkste und bewegendste Szene des Buches.

Im Grunde testet Turgenjew, vom Kopf her ein Neuerer, im Herzen aber ein Romantiker – sein Leben lang schwärmte er vergeblich die französische Sängerin Pauline Viardot an –, mit seiner Figur die Philosophie des Nihilismus, indem er Basarow in verschiedene Debatten schickt. In der Dramaturgie des Romans ordnen sich alle anderen Figuren auf ihn zu: Bewunderer wie sein Freund Arkadi, Gegner wie Arkadis Onkel Pawel, ein aggressiver Vertreter des Überkommenen, Verunsicherte wie Arkadis Vater Nikolai, der seine Bauern schon selbst freigegeben hat, mit ihnen nun aber erst recht nicht fertigwird.

Gehörige Portion Grössenwahn

In einer Gestalt findet Basarow seinen Meister, vielmehr: seine Meisterin. Es ist Anna Odinzowa, eine junge Witwe, wohlhabend, attraktiv und klug. «Ihr Verstand war wissbegierig und gleichgültig zugleich», schreibt Turgenjew. Sie ist das, was Flaubert «impassible» genannt hat: Nichts berührt sie wirklich. Basarow ist eine willkommene Abwechslung in ihrem Provinzalltag; als Ideenträger und als Mann. Als er ihr aber eine Liebeserklärung macht, weist sie ihn ab. Ja, Basarow hat sich verliebt, «dumm und irrsinnig», wie er selbst es nennt, schockiert, sich als Romantiker zu erkennen. Liebe – die unter allen Menschen einen einzigen heraushebt – ist das Letzte, was in seine Philosophie der kruden Nützlichkeit und der Austauschbarkeit aller Menschen passt.

Es geht dann auch schnell zu Ende mit dem der Romantik überführten Nihilisten; Basarow infiziert sich bei der Sektion eines Cholera-Toten und stirbt. Ungläubig, dass ihm das passieren kann: «Ich bin doch ein Gigant», lautet einer seiner letzten Sätze. Hier hat Iwan Turgenjew noch einen zweiten, subtileren Widerspruch platziert: Hinter Basarows Nihilismus versteckte sich eine gehörige Portion Grössenwahn, man könnte es, wenn es nicht anachronistisch wäre, Nietzscheanismus nennen.

«Väter und Söhne», der Titel sagt es, ist ein Generationenroman. Dabei sind nicht Generatiönchen gemeint wie die von der Werbewirtschaft erfundenen, mit X, Y usw. etikettierten Scheinphänomene unserer Tage. Bei Turgenjew treffen Weltbilder und Lebensformen hart aufeinander. Zu den unvergänglichen Qualitäten des Romans gehört, dass sich der Autor in beide Generationen hineinversetzen konnte, beiden Gerechtigkeit widerfahren lässt, für beide kraftvolle Exponenten schafft – und seine eigene Ambivalenz in eine wunderbar schwebende Balance gebracht hat.

Iwan Turgenjew: Väter und Söhne. Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. DTV, München 2017. 336 S., ca. 35 Fr.

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