Der digitale Salinger

J. D. Salinger wetterte zu Lebzeiten gegen das Internet. Sein Sohn will die späten Schriften seines Vaters nun trotzdem als E-Books herausbringen.

Verlogen: Salingers Schriften gibts in Bälde auch digital. Foto: Keystone

Verlogen: Salingers Schriften gibts in Bälde auch digital. Foto: Keystone

Das Warten, das ist die gute Nachricht, ist noch nicht zu Ende. Die weniger gute: Als einer der letzten Titanen in der Literatur des 20. Jahrhunderts ist jetzt auch J. D. Salinger gefallen; seine Bücher werden demnächst wie die Bücher aller anderen Autoren totaldigitalisiert und als E-Book zu haben sein. Sie werden nichts Neues bieten, denn der Autor hatte seit 1965 nichts mehr veröffentlicht. Allerdings scheint sich das lange genährte Gerücht zu bestätigen, dass Salinger auch noch weiter geschrieben habe, nachdem er sich in ein festungsartiges Haus in New Hampshire zurückgezogen hatte und vom Literaturbetrieb nichts mehr wissen wollte.

Die Handschrift Salingers verweigert sich der Erfassung durch ein Lesegerät. Der Sohn und Nachlassverwalter Matt Salinger ist deshalb dabei, die hinterbliebenen Manuskripte seines Vaters langsam zu transkribieren. Stück für unbekanntes Stück soll dieser Nachlass veröffentlicht werden.

Salinger, der im Januar 2010 mit 91 Jahren starb, hasste Computer und wetterte mit Ingrimm gegen alle technologischen Erfindungen der Neuzeit, insbesondere gegen das Internet. Sein Sohn erzählt, wie er den Vater behutsam an Facebook heranzuführen versucht habe, der aber schlicht «entsetzt» gewesen sei bei der Aussicht, damit seine so ängstlich gehütete Privatsphäre beeinträchtigt zu sehen. Es sei «sonnenklar», gibt Matt Salinger im Gespräch mit der «New York Times» zu, dass sein Vater E-Books und Hörbücher nicht haben wollte. Trotzdem setzt sich er darüber hinweg. Warum?

So schwer es fällt, sich das einzugestehen, Salinger ist zwar nach 65 Millionen verkauften Exemplaren seines berühmtesten Buches immer noch ein weltbekannter Autor, aber insbesondere «Der Fänger im Roggen», 1951 erschienen, hat mit den Jahren stark gelitten. Wen interessieren noch die Probleme eines reichen Jünglings, der aus seinem teuren Internat nach New York ausreisst, auf die Enten im Central Park starrt und seine ferne Schwester anschwärmt? Es kommen keine Drogen vor, keine grossmannssüchtigen Sprüche, keine Markenklamotten, keine Sexpartys, es ist nur reiner existenzialistischer Pubertätshorror. Und der Autor, er ist auch in Misskredit geraten, sein Faible für junge Mädchen, diese Übergriffigkeit, von der inzwischen berichtet wird, sein Menschenhass.

Hat Salinger der Me-Too-Gesellschaft überhaupt noch was zu sagen? Der Sohn und Erbe ist davon überzeugt und verweist auf eine über achtzigjährige Leserin, die ihn regelrecht angefleht habe. Sie wolle vor ihrem Tod noch etwas aus dem Nachlass zu lesen bekommen. Seinen Vater hätten solche Briefe bestimmt gerührt, meint der Sohn. Vielleicht. Holden Caulfield jedenfalls wäre dazu nur eingefallen: «phoney», verlogen.

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