Der «diffuse Hass» wird unter Erdogan total

In einem Zeitungsbeitrag hat Elfriede Jelinek die Situation in der Türkei verurteilt. Das überrascht.

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Andreas Tobler@tobler_andreas

Deutlich sind die Worte, die Elfriede Jelinek gewählt hat. Und sie müssen es wohl auch sein angesichts der Zustände in der Türkei, wo die Menschenrechte seit dem gescheiterten Putsch vor drei Wochen mit Füssen getreten werden. «Ich fordere die Freilassung aller offensichtlich willkürlich Zusammengefangenen in der Türkei», schreibt Jelinek in einem Gastbeitrag für den Wiener «Standard». Namentlich geht es der Nobelpreisträgerin um zwei Intellektuelle, die seit dem 15. Juli inhaftiert sind: Sahin Alpay, 72, Politikwissenschaftler und Journalist, sowie Hilmi Yavuz, 80, Schriftsteller. «Sie sind alt, und sie bekommen nicht einmal ihre Medikamente.»

Jelineks Beitrag geht weit über die blosse Forderung hinaus: Kalauer und Kippfiguren verdichten sich zu einem schlingernden Sog, aus dem Forderungen und Analysen hervorragen: Mit Hannah Arendt analysiert Jelinek den «diffusen Hass», der sich unter Recep Tayyip Erdogan gerade ins Totale steigere. «In der Türkei findet derzeit offenbar ein umfassendes Wissen statt, wer weg soll, wer gefoltert wird, wer ein Geständnis macht und wer nicht.»

Wer sich rar macht, fällt auf

Jelineks Türkeitext ist ein starkes Zeugnis ihres politischen Schreibens, das sich seit je an dem entzündet, was Vernunft und Gewissen empört. Der Text hat aber auch etwas Überraschendes: Seit der Vergabe des Nobelpreises im Jahr 2004 sind Jelineks Beiträge für Zeitungen selten geworden – gemessen an der Zeit davor, in der sie in beeindruckender Unermüdlichkeit gegen Haider und seine Buberln anschrieb. Seither verlagerte sich Jelinek fast ganz auf ihre Stücke, mit denen sie sich in hoher Frequenz in die Tagesaktualität einmischt, zuletzt mit den «Schutzbefohlenen», einem mehrfach ergänzten Kommentar zur Flüchtlingsfrage (was ja eigentlich genug ist). Ausserdem gibt es Jelineks Website, auf der sie Beiträge publiziert, die «ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form zitiert werden dürfen». Und die dank einer cleveren Codierung auch nicht sinnvoll verlinkt werden können, was im Zeitalter der sozialen Medien eigentlich ein kapriziöses Unding ist.

Wer sich rar macht, fällt auf: Entsprechend gross ist die Aufmerksamkeit für Jelineks Türkeitext. Nicht zuletzt, weil sich die 69-Jährige darin gegen den PEN wendet – eine Autorenvereinigung, die sich seit ihrer Gründung vor gut hundert Jahren für Schreibende in Gefangenschaft starkmacht. «Ich höre nichts vom Internationalen PEN, ich muss mir wohl selber zuhören, was langweilig ist, weil ich ja weiss, was ich denke», heisst es gleich zu Beginn – ergänzt um die harte Spitze, dass die PEN-Verantwortlichen «vielleicht im Gefängnis ihrer Badehosen oder Bikinis an irgendeinem Strand feststecken».

Tun sie nicht. Das hat Josef Haslinger, Präsident des deutschen PEN-Zentrums, nun in einem Interview deutlich gemacht: «Seit drei Wochen sind wir mit nichts anderem beschäftigt als mit der Türkei.» Jeden zweiten Tag würde der PEN ein Update veröffentlichen. Über die inhaftierten Journalisten und Autoren, über die man nichts Genaueres sagen kann, ohne sie zu gefährden. Ausserdem über die 132 Medienunternehmen, die von Erdogan geschlossen wurden. «Hier sind die Menschenrechte umfassend bedroht», sagt Haslinger – nicht ohne zu bedauern, dass sich Elfriede Jelinek nicht genügend informierte, bevor sie gegen den PEN schoss. Denn in der Sache sind sie sich einig.

DerBund.ch/Newsnet

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