«Das Mundartghetto ist gesprengt»

Warum stehen wir nicht zu unserer Muttersprache? Beat Sterchi plädiert in seinem neuen Buch mit Nachdruck für ein anderes sprachliches Selbstbewusstsein.

«Die Persönlichkeit schmilzt bei gewissen Leuten wie ein Schneemann an der Sonne, wenn sie Hochsprache sprechen»: Beat Sterchi auf der Münsterplattform.

«Die Persönlichkeit schmilzt bei gewissen Leuten wie ein Schneemann an der Sonne, wenn sie Hochsprache sprechen»: Beat Sterchi auf der Münsterplattform. Bild: Franziska Rothenbühler

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Wann haben Sie die sprachliche «Zwangsjacke» zum letzten Mal beobachtet, die wir Deutsch­schweizer uns angeblich anziehen?
Neulich an der Kasse in einem Laden. Weil sie auf Hochdeutsch angesprochen wurde, war die Verkäuferin von einer ­Sekunde zur andern verunsichert.

Soll die Kassiererin sich nicht be­mühen, Hochdeutsch zu sprechen?
Selbstverständlich gebietet die Höflichkeit, dass man in einer solchen Situation Standardsprache spricht. Aber es ist ­traurig zu sehen, wie sich jemand klein macht, ein «Drückebergerdeutsch» hervorwürgt und nicht mehr viel sagt, weil ihm oder ihr ja eingebläut wurde, dass ihr Hochdeutsch mangelhaft sei. Mit einem gesunden sprachlichen Selbstbewusstsein ist einem beim Sprechen nicht unwohl. Das ist ja der Hauptgrund, warum ich das Buch geschrieben habe. Es ist ein Plädoyer für ein anderes sprachliches Selbst­bewusstsein diesseits der Saane.

Hat Sie diese, wie Sie sagen, gestörte Sprachsituation lange begleitet?
Ja, seit ich als 20-Jähriger auswanderte und während zweier Jahrzehnte nur ­selten in der Schweiz war. Als Autor habe ich darauf reagiert, indem ich mich weder vor Helvetismen noch vor Mundartwörtern fürchtete.

Warum haben Sie Ihr Buch nicht auf Berndeutsch geschrieben? Wäre das nicht konsequent gewesen?
Sicher, aber ich könnte das nicht, weil ich es nie gelernt habe. Wie für so viele, ist für mich meine Umgangssprache keine Schriftsprache. Schreiben lernen war mit Schriftdeutsch verbunden. Für meine Kollegen und Kolleginnen war das auch so, deshalb sind so viele mundartliche Prosatexte durchsetzt von hochdeutschen Strukturen. Es fehlt uns schlicht die Kultur, das heisst die Vorbilder und das Können. Aber dass ich es nicht kann, heisst nicht, dass es nicht möglich wäre.

Unsere «Bund»-Mundartkolumnisten sehen sich immer wieder Kritik aus der Leserschaft ausgesetzt: Entweder ist die Verschriftlichung zu lautmalerisch, oder dann sind die Redewendungen zu sehr Standarddeutsch...
...ja, die Sprachpolizei, die gibt es. Richtig oder falsch interessiert mich aber nur am Rand. Sicher ist, die Leute, die meinen zu wissen, was Berndeutsch ist oder wie man es schreibt, haben bestimmte Vorstellungen. Es gibt jedoch kein festgeschriebenes Berndeutsch. Sprache entwickelt sich permanent, und es ist absurd, diesen Sprachfluss an einem bestimmten Punkt festzuhalten und auf Jahre hinaus als verbindlich erklären zu wollen.

Ihre zentrale Aussage ist: Die ­Mundart ist unsere Muttersprache. Das Schriftdeutsch, das wir lernen, ist unsere erste Fremdsprache. Die von der Sprachwissenschaft ­benutzte Formel von der Muttersprache in zwei Ausformungen lehnen Sie ab. Warum?
Weil man nur fünf Schritte vor die Universität hinaus gehen muss, um zu hören, dass diese These von der Muttersprache in zwei Ausformungen nicht stimmen kann. Wenn man zuhört, wie ungern und unbeholfen die meisten Standarddeutsch sprechen, ist es absurd, ihnen zu unterstellen, das sei ihre Muttersprache.

Sie stören sich an Bundespräsidenten und deren bemühten Neujahrs­ansprachen in Standarddeutsch oder an Doppelkommentaren in Mundart und Standardsprache im Fernsehen bei Fussballspielen und fragen sich: «Warum tun wir uns das an?» Sollen alle Mundart sprechen?
Sie sollen einfach so sprechen, dass ­ihnen wohl ist dabei. Für den Rest gibt es heute hochprofessionelle Simultanübersetzungen und allerlei elektronische Hilfsmittel. Wir leben nicht mehr in den Zeiten der eidgenössischen Tag­satzungen, wo die Vertreter verschiedener Kantone sich Mühe geben mussten, dass alle einander verstanden. Heute kann man das alles richten. Es ist auch peinlich, wenn ein Schweizer Würdenträger in Berlin an der Pressekonferenz radebrechend hochdeutsch spricht. Die Persönlichkeit schmilzt bei gewissen Leuten wie ein Schneemann an der Sonne, wenn sie Hochsprache sprechen. Und dann wundert man sich, wenn dort der Eindruck entsteht, wir lebten hinter den sieben Bergen.

Hätten sie nicht vielmehr den ­Eindruck, wir lebten hinter den Bergen, wenn ein Bundesrat in Berlin Mundart gesprochen hätte?
Nein, dann würden sie eben kapieren, dass er eine andere Sprache spricht und es Dolmetscher braucht. Viele Deutsche glauben ja irrtümlich, dass das helvetisch eingefärbte Hochdeutsch unsere Mundart ist. Es ist normal, dass Menschen authentischer wirken, wenn sie ihre eigentliche Sprache sprechen, und die ist für viele nun mal ihre Mundart.

Was Sie auch stört: Der Irrglauben, eine Veranstaltung gewinne automatisch an Seriosität und Niveau, wenn man sie in Standardsprache abhalte. Verallgemeinern Sie da nicht?
Auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme. Aber wir alle wissen, dass der Gebrauch der Standardsprache zu Einschränkungen führen kann. In der wirklich eigenen Sprache lässt es sich leichter diskutieren.

Stichwort eigene Sprache: Auf den Deutschschweizer Bühnen werden selten zeitgenössische Stücke in Mundart gespielt. Ist das wirklich ein Manko, wie Sie behaupten? Es gibt dafür immerhin zahlreiche Laientheaterbühnen.
Wenn Gegenwartstheater mit dem Hier und dem Jetzt zu tun haben soll, ist es grotesk, wenn ein Stück, das auch sprachlich aus dem Hier und dem Jetzt entsteht, beim Theater von niemandem gelesen werden kann, weil dort niemand die eigentliche Sprache der Zuschauer spricht. Wenn Theater ein ­Spiegel der Gesellschaft sein soll, dann gehört die Sprache dazu. Das Fehlen ­dieser Stücke erspart uns den direkten Blick in den Spiegel. Es ist kein Wunder, dass das Publikum bei Inszenierungen von Christoph Marthaler, der viel Mundart verwendet, ganz anders und intensiver reagiert. Die wahrscheinlich rekordverdächtige Laientheater-Dichte im Land kann man auch als Kompensation dafür interpretieren, dass an den grossen Bühnen das Sprechtheater vor allem in einer Fremdsprache stattfindet.

Die Literaturfähigkeit der Mundart hat in den letzten Jahren in der Deutschschweiz allerdings massiv zugenommen. Da sind auch Sie eine treibende Kraft, allein oder ­zusammen mit «Bern ist überall». Glauben Sie, dass diese ­Mundartwelle von Dauer sein wird?
Ja, davon bin ich überzeugt. Es sind so viele Pflöcke eingeschlagen worden, da gibt es kein Zurück mehr. Es ist unübersehbar, dass die hiesige Textproduktion aus ihrer sprachpolitischen Erstarrung erwacht ist. Die Trennung zwischen Mundart und Standardsprache wird immer öfter gelöchert und durchbrochen. Es braucht eben Modelle und Vorbilder. Die Erfolge von Pedro Lenz oder Guy Krneta haben das Mundartghetto gesprengt und führen dazu, dass auch andere Autorinnen und Autoren versuchen, in ihrer Muttersprache zu schreiben. Dieser Trend ist aber nicht nur in der Schweiz zu beobachten, sondern im Spannungsfeld von Globalisierung und Regionalisierung auch in vielen anderen Ländern.

Sie haben sich, so schreiben Sie, emanzipiert von der sprachlichen Selbstbeschränkung, Mundart nur als Vorstufe einer Sprache zu sehen. 1983 erschien Ihr Roman «Blösch» mit vielen Helvetismen, aber doch in Standardsprache ­geschrieben. ­Würden Sie das Buch heute ­nochmals so schreiben? Ich würde beim Schreiben der Dialoge heute noch selbstbewusster auf berndeutsche Wendungen zurückgreifen. Es war 1983 bei der Veröffentlichung des ­Romans für mich eine etwas eigenartige Situation. Ich habe das Buch in Kanada geschrieben und hatte mir die üblichen Zwangsjacken, in welchen man in der Schweiz damals schrieb, nicht übergezogen. Ich hatte auch gelernt, diese anerzogenen Minderwertigkeitsgefühle punkto Sprache zu überwinden. Und bei Besuchen hier in der Schweiz habe ich gestaunt, dass man sich in Diskussionen auf Hochdeutsch noch immer so verhielt wie im Schulunterricht. Als würde eine Gruppe von Sprachmärtyrern darauf warten, dass der Lehrer das Gesagte benotet. So gab es keine lebendigen Debatten, ich aber war damals streitlustig.

Fürchten Sie mit Ihren Positionen und Forderungen nicht den Beifall von der falschen politischen Seite und den Vorwurf, Sie würden ­Abschottung und Isolation im «Mundartgärtli» befürworten?
Ja, Missverständnisse sind nicht zu vermeiden. Ich werde damit leben können. Ganz anders als gewisse Parteien sehe ich die Aufwertung der Muttersprache als ­Basis im selbstbewussten Umgang mit ­allen weiteren Sprachen. Zu wissen, meine Sprache ist auch eine Sprache, das hilft. Und nie im Leben würde ich von einer Kindergärtnerin aus Deutschland verlangen, dass sie mit den Kindern ­Zürichdeutsch spricht. Alle Sprachen sind gleichwertig, und deshalb gilt es die vorhandenen Ressourcen sinnvoll zu ­bewirtschaften.

Aber die Standardsprache als Schriftsprache stellen Sie nicht infrage?
Im Gegenteil. Die Aufwertung der eigenen Sprache führt auch dazu, dass man lustvoller oder wenigstens ungehemmter mit der Schrift- oder Hochsprache umgehen kann, weil man weiss, eine Sprache kann ich ja schon. Beharren würde ich lediglich darauf, dass man auch lernt, seine eigene Erstsprache zu lesen. Mit der Zunahme von alltagssprachlichen Texten ist das angebracht.

Sie konstatieren in Ihrem Buch auch eine diffuse Sehnsucht nach einer schweizerdeutschen Schriftsprache. Würden Sie solche Bestrebungen begrüssen?
Ich finde es spannend, die Entwicklungen zu verfolgen, einfordern oder per Gesetz einführen kann man das nicht – siehe Romantsch Grischun. Aber dass das Sprachverhalten der Smartphone-Generation mit ihren alltagssprachlichen SMS Konsequenzen haben wird, scheint mir klar.

Sie regen sogar an, dass die Zweisprachigkeit in der Bundesverfassung verankert werde. Ihr Ernst?
Ich sage nur, dass die Zweisprachigkeit nicht drin steht. Unsere Sprache existiert offiziell nicht. Das ist dem Selbstbewusstsein nicht förderlich. Mit einer Erwähnung in der Bundesverfassung würde die Einschätzung meiner Sprachkompetenz aufgewertet werden. Ich liebe die deutsche Sprache, aber ich liebe auch mein Berndeutsch, weil ich weiss, dass das meine eigentliche Sprache ist. (Der Bund)

Erstellt: 20.10.2016, 08:19 Uhr

Mut zur Mündigkeit

Der Berner Schriftsteller Beat Sterchi, ?Jahrgang 1949, machte eine Lehre als ?Metzger und wanderte 1970 nach Kanada?aus, wo er ein Englischstudium abschloss. Später arbeitete er als Englischlehrer in Honduras und am Goethe-Institut in Montreal. Bekannt wurde er mit dem 1983 veröffentlichten Roman «Blösch».

Er ist Mitglied der Spoken-Word-Formation Bern ist überall und Autor zahlreicher Theaterstücke («Dr Sudu») und Hörspiele in Mundart und in Hochdeutsch. Diesen Frühling erschien eine neue Sammlung seiner «Sprechtexte» unter dem Titel «U no einisch». Die Vernissage von «Mut zur Mündigkeit. Vom Reden und Schreiben in der Schweiz» (Edition Adhoc) findet heute, 20 Uhr, in der Aula des Progr Bern statt. Beat Sterchi unterhält sich mit Pedro Lenz, der das Vorwort schrieb, über seine Beobachtungen und Forderungen.

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