Das letzte Monster der Moderne

Lebenslang hat der Sizilianer Stefano D’Arrigo an seinem 1400-Seiten-Epos «Horcynus Orca» geschrieben. Jetzt ist der mythisch schäumende Roman auf Deutsch erschienen.

Ein Orca vor der Küste Washingtons: In «Horcynus Orca» schäumt ein Mörderwal das Meer zu einer Blutstätte auf. <br>Foto: Alamy

Ein Orca vor der Küste Washingtons: In «Horcynus Orca» schäumt ein Mörderwal das Meer zu einer Blutstätte auf.
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Ach, das Meer! Es zu erzählen mitsamt Getier, Seefahrern, Küstenbewohnern, Sturmgebraus und Stille scheint ein Projekt für Besessene. «Es beginnet nämlich der Reichtum / im Meere», schrieb Hölderlin, und das gilt auch für den Reichtum an Geschichten. Kein Autor wird glauben, in ein paar Monaten damit fertig zu sein. Denn das Ziel ist hier nicht irgendein nasses Abenteuer, sondern Weltliteratur. Wer traut sich das zu? Inselbewohner, wie es aussieht. Die sagenhaften Autoren, die unter «Homer» firmieren, oder James Joyce, der die Odyssee ins 20. Jahrhundert transponierte.

Zu ihnen gesellt sich nun der hierzulande bislang unbekannte Sizilianer Stefano D’Arrigo. Kurz nach Kriegsende entwarf er erste Pläne zu einem Roman, an dem er dann lebenslang arbeitete, den er nicht loslassen konnte, auch als «Horcynus Orca» endlich erschienen war. Sein Schauplatz ist die Strasse von Messina, jene Meerenge zwischen Kalabrien und Sizilien, wo Odysseus einst mit knapper Not den Ungeheuern Skylla und Charybdis entkam.

Epentaugliches Gelände, keine Frage. Und in epischen Zeitmassen gerechnet, sind die vierzig Jahre, die uns von der Veröffentlichung der Originalausgabe 1975 trennen, auch nur ein Wimpernschlag. Der Titel benennt in leicht abgewandelter Schreibweise den Mörderwal (Orcinus orca), einen Fleischfresser und blutrünstigen Riesen, der Grausamkeit, Tod und Verderben symbolisiert. Die Handlung umfasst die ersten Oktobertage des Jahres 1943 nach der Landung der Alliierten in Salerno.

Keineswegs ein Odysseus

Im Chaos der Niederlage verlässt ’Ndrja Cambrìa, «einfacher Oberbootsmann der ehemaligen Königlichen Marine», seine Einheit in Neapel und macht sich zu Fuss auf den Weg nach Hause. Woher er kommt, zeigt schon sein Name: «’Ndrja» ist die sizilianische Form von Andrea, in Italien ein Männername. Am Abend des vierten Tages erreicht er den Landstrich von Skylla und erkennt auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge sein Heimatdorf Charybdis, doch weit und breit gibt es weder Boot noch Fährmann.

Die Reise stockt, das Erzählen beginnt. Begegnungen, Erinnerungen, Ahnungen, Schilderungen der Landschaft, des harten Lebens der Fischer, der tückischen Strudel und tosenden Wellen bilden die Folie, vor der die mythischen, fantastischen, aber auch schlicht-realen Figuren agieren. Sie erzählen ihre Schicksale in Krieg und Frieden, das Unheil, das der Faschismus mit sich brachte, die Nöte des Hungers, sie seufzen über Verlorenes oder deuten die Zukunft. Der junge Protagonist, keineswegs ein Odysseus, wandert durch diese Welt wie einst Hans Castorp über den Zauberberg, ähnlich aufnahmebereit, gutwillig und sensibel. Überall drohen Gewalt und Tod, anfangs nur berichtet, später gegenwärtig.

Sex ist ein durchgängiges Thema; was und wie es Männer und Frauen zueinander treibt, wird ausführlich, oft drastisch abgehandelt, wobei sich die Frauen als das freimütigere und entschlossenere Geschlecht erweisen. Eine starke, zaubrische «Feminotin» namens Ciccina Circé rudert ’Ndrja schliesslich übers Wasser und verlangt einen Liebesdank, der mit Liebe wenig zu tun hat. Im ­z­weiten Teil berichtet ’Ndrjas Vater, wie Krieg und Mangel wüteten, im dritten schäumt dann der Orca das Meer zu ­einer Blutstätte auf.

Der Roman als Schluck für Schluck zu trinkendes Meer

So weit, so wenig. Um komplexe Handlung und Spannungsaufbau im üblichen Sinn schert sich dieser Roman nicht. Erzählt wird mit grosser Geste und in olympischer Ruhe, alle Aufmerksamkeit gilt den Episoden, die zwar piano, piano ein Netz knüpfen, aber doch für sich stehen und einzeln bewundert werden möchten. Odysseus kam schliesslich auch nicht in drei Gesängen nach Ithaka, sondern huldigte der Lust zur Abschweifung und Ausschweifung. Als wäre Geduld unser Lebensmodus, rollt Absatz um Absatz wie Welle auf Welle heran und setzt des Lesers Neugier und Durchhaltevermögen ganz selbstverständlich voraus. Der Roman soll sein, was er erzählt, ein Seite für Seite und Schluck für Schluck zu ­trinkendes Meer.

In der ersten Niederschrift seines ­Romans benutzte der Autor viele sizilianische Wendungen, für die zweite, doppelt so umfangreiche Fassung schuf er in vierzehn Jahren eine eigene Ausdrucksweise, deren Neologismen so dicht in den Zusammenhang eingewebt sind, dass man ihre Bedeutungen leicht erschliesst. «Als ich mit ihr da so rumkörperte», erinnert sich ’Ndrja an Ciccina Circé, die «wie eingemuldet in dem staubfeinen Sand» lag. Sparsam und daher wirkungsvoll sind solche stimulierenden Tupfer über den Text verteilt und nur eines unter den üppig verwendeten Mitteln sprachlicher Orchestrierung.

Immens hartnäckig übersetzt

«Horcynus Orca» ist nicht so sehr ein Buch, das man liest, als ein Buch, in dem man liest, man schlägt es auf um der Sprache willen. Moshe Kahn, der Übersetzer, ist tief in sie eingedrungen, die Lust an den eigenen kreativen Wortschöpfungen ist überall zu spüren. Für seine immense Hartnäckigkeit und Originalität gebührt ihm vielfaches Hut­ziehen. Was fangen wir nun an mit dieser so glanzvoll wie uferlos erzählten Welt aus Himmel und Wasser, Sonne und Tod? Erreicht sie uns? Können wir uns in ihren Personen spiegeln, faszinieren sie? Sind wir imstande, dem herrischen Anspruch des Werks zu genügen, der schon 1975 von vielen Käufern als Zumutung empfunden wurde? Verständnisprobleme gibt es nicht, dies ist nicht «Finnegans Wake» oder «Zettel’s Traum». Aber es ist eine Lektüre gegen heutige Gewohnheiten. Ein Epos verlangt Atem, vom Autor wie vom Leser. Das Buch möchte mehr sein als «just another novel», es will uns in eine vergangene Welt einspinnen und intensiv und nachhaltig bereichern.

In welchen Episoden, auf welchen Seiten dieser Ehrgeiz eingelöst wird, hängt wohl auch von der Italienliebe und -kenntnis des Lesers ab. Wer den Süden kennt (das muss nicht Sizilien sein), wird sich leicht wiederfinden in den Rückblenden auf eine Jugend am Meer, in den Schilderungen der Landschaft, des mittelmeerischen Lichts, den gleichzeitig fernen und nahen, archetypischen Figuren und dem klaren, nichts beschönigenden Blick auf die sozialen Verhältnisse.

Zwischendurch sehr verloren

Noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, schaffte es D’Arrigo, den nackten Realismus armseliger Lebensbedingungen mit der mythologischen Sichtweise zu verknüpfen. Die Menschen des Romans kämpfen nicht stumm gegen die Gefahren des Meeres, für sie sind Erzählen und Deuten notwendig fürs Überleben. Dass es in unerschöpflichen Wiederholungsschleifen geschehen muss, wollen wir nicht immer einsehen. Leichter nachvollziehen können wir die Zerrissenheit des Romans. So, von Episode zu Episode, leben wir ja auch und noch immer: unterwegs von hier nach dort, sozusagen eingeklemmt zwischen Fels und Meer, unklar bedroht.

Mythos ist ein riskantes Gelände: Wird er zur aufgeplusterten Absicht, ist er schon verfehlt. Darunter leidet vor allem der dritte Teil. Die Beschreibung der monströsen Orcas will nicht enden, auch ’Ndrja Cambrìa geht uns zwischendurch verloren und muss sozusagen reinstalliert werden, ehe ihn zum Schluss eine verirrte Kugel trifft. Pathos erzeugt Stirnrunzeln, dahin kann keine Prosa zurück.

Aber sobald «Horcynus Orca» die nüchternen Register zieht und das Meer und die Menschen, die Liebe und den Alltag erzählt, sobald der Text sich ohne Aufdringlichkeit seinem Gesang überlässt, nimmt er den Leser in seinen ­Kosmos auf.

Stefano D’Arrigo: Horcynus Orca. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. S. Fischer, Frankfurt 2015. 1472 S., ca. 78 Fr.

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