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Das grosse Gesehenwerden

Jules Spinatsch hat seine Überwachungskameras am Opernball in Wien installiert. Ein Fest, natürlich. Aber auch: unwillkürliche Schieflagen, gut dokumentiert.

Vom Boden bis zur Decke und alle drei Sekunden ein Bild: Der Wiener Opernball 2009, aufgenommen zwischen 5.15 und 5.16 Uhr von Jules Spinatschs beweglicher Überwachungskamera.
Vom Boden bis zur Decke und alle drei Sekunden ein Bild: Der Wiener Opernball 2009, aufgenommen zwischen 5.15 und 5.16 Uhr von Jules Spinatschs beweglicher Überwachungskamera.
Jules Spinatsch
Die Digitalkamera des Besuchers ersetzt das Opernglas. Ausgewähltes Einzelbild aus der Sequenz ab 5.15 Uhr.
Die Digitalkamera des Besuchers ersetzt das Opernglas. Ausgewähltes Einzelbild aus der Sequenz ab 5.15 Uhr.
Jules Spinatsch
Das Buch: Jules Spinatsch: Vienna MMIX 10008/7000.Surveillance Panorama Project No. 4, The Vienna Opera Ball.Scheidegger & Spiess, Zürich 2014. 3 Teile im Schuber, 776 Seiten, etwa 150 Franken.
Das Buch: Jules Spinatsch: Vienna MMIX 10008/7000.Surveillance Panorama Project No. 4, The Vienna Opera Ball.Scheidegger & Spiess, Zürich 2014. 3 Teile im Schuber, 776 Seiten, etwa 150 Franken.
zvg
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Helmut Berger, der Schauspieler, kam mit roten Zehennägeln, und das sah man, weil er den Knöchel gebrochen hatte und sich hereintragen liess. Sonst aber: keine besonderen Vorkommnisse vorgestern, am Wiener Opernball 2015.

Wie viel Langeweile dort herrscht, wie viel unerfüllte Erwartung, das hat Jules Spinatsch, Fotograf aus Davos, bei einer früheren Ausgabe dieses Kostümfests bewiesen. Er installierte er zwei drehbare Digitalkameras im Saal und liess sie das ganze Ereignis rundum erfassen: Vom Boden bis zur Decke, vom Einlass der 7000 Gäste um 20.32 Uhr bis zum Ende um 5.10 Uhr machten sie alle drei Sekunden ein Bild.

Ergebnis, erstens: das Panorama eines Raums, der auch ein Zeitraum ist, bestehend aus 10'008 Einzelaufnahmen; eine Dreiviertelminute ist auf dieser Seite zu sehen.

Ergebnis, zweitens: die Poesie des Intimen, die im Raster dieser photographie automatique hängen geblieben ist – Lichtspiele, Staubteilchentänze, unwillkürliche Schieflagen im Gemüt der Besucher.

Sehen und gesehen werden? Spinatsch unterwandert dieses Versprechen: Nur das Gesehenwerden ist übrig. Und das ist total.

Jules Spinatsch: Vienna MMIX 10 008/7000. Scheidegger & Spiess, Zürich 2014. 3 Teile, 776 Seiten, etwa 150 Franken.

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