Als König Ludwig II. das Rütli kaufen wollte

Überraschende Geschichten hinter grossen Ereignissen: «Blaues Blut» handelt von Königen und Kaiserinnen, die in der Schweiz ihre Spuren hinterlassen haben.

Mit allen Ehren empfangen: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. bei seinem Schweiz-Besuch im Jahr 1912. Foto: Archiv ETH Zürich

Mit allen Ehren empfangen: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. bei seinem Schweiz-Besuch im Jahr 1912. Foto: Archiv ETH Zürich

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Bayerns König Ludwig II. (1845–1886) war ein Exzentriker mit einer Leidenschaft für Prachtsbauten. Zeitgenossen nannten ihn einen Traumtänzer oder Spinner. Er selber beschrieb sich als Rätsel. Der Nachwelt hinterliess der eigenwillige Monarch eindrucksvolle Schlösser, von denen das märchenhafte Neuschwanstein am bayrischen Forggensee das bekannteste und schönste ist. Ein Märchenschloss von Ludwig II. stünde heute vielleicht auch in der Schweiz, am Urnersee – und zwar auf dem Rütli, wenn es ihm gelungen wäre, dieses zu kaufen.

Märchenkönig Ludwig II. war ein Bewunderer der Schweiz. Die Eidgenossenschaft verehrte er als «Paradies der Länder, das Gott lieb hat wie den Apfel seines Auges». Seine Begeisterung für Friedrich Schillers «Wilhelm Tell» hatte ihn 1865 erstmals in die «Landschaft des Tell» geführt, wie er die Innerschweiz nannte. Die Geschichte des Rütlischwurs muss Ludwig II. sehr beeindruckt haben. Sein Traum eines Rütli-Schlosses zerplatzte jedoch, weil die Rütliwiese seit 1858 Nationaleigentum der Schweizerischen Eidgenossenschaft war und daher unverkäuflich.

Ludwig II. hatte noch andere spezielle Ideen. So liess er nebenbei wissen, dass ihm die Verleihung des Ehrenbürgerrechts vonseiten der Kantone Schwyz und Uri sehr angenehm wäre. Dafür hätte er aber auf das Bürgerrecht seines Landes verzichten müssen. Ludwig II. blieb auch ohne Ehrenbürgerrecht mit der Innerschweiz verbunden. Sein kurzes Leben endete 1886, fünf Jahre nach seinem letzten Besuch, unter ungeklärten Umständen am Starnberger See.

Die Schweizer Anekdoten aus dem Leben des schillernden Bayernkönigs sind nachzulesen im Buch «Blaues Blut» von Michael van Orsouw, Historiker und Autor aus Zug, der auch für den TA-Blog «History Reloaded» schreibt. Van Orsouw erzählt 13 Geschichten über Könige und Königinnen, Kaiserinnen und Kaiser aus den letzten 250 Jahren, von denen alle einen Bezug zur Schweiz haben. Die gekrönten Häupter kamen als Feriengäste wie Queen Victoria, als Exilanten wie Österreichs Kaiser Karl I. und Kaiserin Zita oder als Staatsgäste wie Haile Selassie, Kaiser von Abessinien. Die Aufenthalte der Monarchen sind detailliert und lebendig beschrieben.

Europäischer Unglücksfall

Van Orsouw erzählt bekannte Episoden, aber zugleich überraschende Geschichten, die hinter grossen Ereignissen stehen. Bekannt ist etwa, dass Königin Astrid von Belgien, die Lady Di der 1930er-Jahre, bei einem Autounfall in Küssnacht am Rigi ums Leben kam. Weniger bekannt ist, wie die Tragödie von 1935 zum europäischen Grossereignis wurde. Daran beteiligt waren ein Student, der zum Paparazzo wurde, sowie ein Pilot, der eine Pionierleistung erbringen musste.

Einer der ersten Schaulustigen an der Unfallstelle war Willy Rogg, ein 25-jähriger Student, der einen Fotoapparat bei sich hatte. Er machte sechs Aufnahmen und fuhr danach nach Weggis, um die Fotos entwickeln zu lassen. Nachdem er seine Exklusivbilder der Nachrichtenagentur AP angeboten hatte, ging es mit dem Taxi nach Dübendorf, dem damals einzigen Flughafen der Deutschschweiz. Denn die Fotos mussten zur AP nach London gebracht werden.

Allerdings war es bereits Nacht, und das war ein Problem. Weil die Piloten der Swissair ihre Flugzeuge zu dieser Zeit auf Sicht flogen, kamen Nachtflüge nicht infrage. Ein Pilot wagte es trotzdem – und er meisterte den ersten Nachtflug in der Geschichte der Swissair. Der Mann am Cockpit war der legendäre Walter Mittelholzer, technischer Direktor der 1931 gegründeten Swissair. Via AP fanden die Paparazzobilder des Studenten Rogg Verbreitung auf der ganzen Welt. In Küssnacht, wo Königin Astrid ums Leben kam, steht seither eine Gedenkkapelle.

Viele Spuren von Queen Victoria

Auch andere Monarchen haben Spuren hinterlassen in der Schweiz – insbesondere Queen Victoria, die vor 151 Jahren von Luzern aus das Land bereiste. Noch heute tragen schweizweit mehr als 20 Hotels ihren Namen. Auch Hotelsuiten und Menüs, Plätze und Restaurants sind nach ihr benannt. Die britische Monarchin war die mächtigste Frau der Welt, aber sie haderte mit ihrem Leben. Nach dem Tod ihres Gatten war sie in Trauer versunken. In der Schweiz fand sie Erholung und Ablenkung. Und hier fand sie neuen Lebensmut. Obwohl sie inkognito unterwegs war, löste sie einen Victoria-Hype aus. Die Schweiz wurde zu einer noch beliebteren Destination für britische Touristen. Mehr noch: Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Schweiz zu einem Hotspot des gehobenen Erlebnistourismus.

Im Laufe der Jahrhunderte zeigten nicht nur viele Monarchen ein Faible für die Schweiz. Auch die Schweizer vermochten sich für Kaiser und Königinnen zu begeistern. Davon zeugen die Menschenaufläufe bei royalen Besuchen. Als zum Beispiel der deutsche Kaiser Wilhelm II. 1912 in die Schweiz kam, wurde er fast wie ein Volksheld gefeiert. Hunderttausende Menschen jubelten ihm zu. Menschenmassen waren auch 1954 auf den Strassen, als Kaiser Haile Selassie, der «Negus Negesti» (König der Könige), in die Schweiz kam. Gerade weil das Land keine royale Tradition hat, scheinen Monarchen eine grosse Faszination auszuüben. Vielleicht mit ein Grund, warum der beste Schwinger Schwingerkönig genannt wird.

Michael van Orsouw: Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz. Hier-und- Jetzt-Verlag, Baden, 2019. 312 Seiten, ca. 39 Franken.

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