Autoren, plötzlich verletzlich

Seit zwanzig Jahren porträtiert die Fotografin Ayse Yavas Schweizer Schriftsteller. Eine Auswahl ist jetzt im Zentrum Karl der Grosse zu sehen.

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Als Kind hat sie einer Malerin in der Nachbarschaft Modell gesessen. Sie kennt es also, genau betrachtet und in einem künstlerischen Medium fixiert zu werden. Heute sind die Rollen vertauscht: Es ist die Fotografin Ayse Yavas, die ihre Modelle fixiert. Mit der Kamera: Das dauert nicht ganz so lange wie mit Stift oder Pinsel, aber Zeit nimmt sie sich auch, oft viele Stunden. Das Ergebnis? «Ich suche nicht nach dem wahren Gesicht», schreibt sie in einem Text zur Ausstellung ihrer Fotos, die im Rahmen des Festivals «Zürich liest» im Zentrum Karl der Grosse zu sehen ist. 

Das wahre Gesicht, was wäre das auch bei einem Schriftsteller, einer Dichterin? Das schreibende Ich sei ein fundamental anderes als das Alltags-Ich, hat Marcel Proust einmal gesagt. Wenn wir also die Galerie der Schweizer Literatur abschreiten, dann suchen wir hinter dem Gesichtsausdruck noch mehr: das, was die Abgebildeten geschrieben haben, oder was wir, in Kenntnis der Lektüre, in sie hineinprojizieren.

In die beinahe schmerzhaft intensiven Augen von Aglaja Veteranyi etwa deren tragischen frühen Tod. In der herausfordernden Haltung der Debütantin und Buchpreis-Finalistin Gianna Molinari das Bewusstsein, gerade einen Lauf zu haben. Bei Lukas Bärfuss, diesmal wieder ohne Bart und Brille, eine ungeahnt verletzliche Seite. Bei Iso Camartin quecksilbrige Freundlichkeit.

Alex Capus, unverschämt jung mit langen wilden Locken, wirkt etwas dandyhaft. Bei Thomas Meyer sind es die Tattoos, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und Thomas Hürlimann sitzt vor weiter Landschaft allein an einem Tisch, mit Hut, das Tischtuch vom Wind geschüttelt: Das Bild stammt von 1998 und suggeriert doch schon den fantastischen Fabulierer des aktuellen Romans. 

Aus Auftrag wurde Passion

1998 war das Jahr, in dem Ayse Yavas den Auftrag erhielt, für den Schweizer Buchmessen-Auftritt die Autoren zu porträtieren. Aus dem Auftrag wurde eine Passion, welche die einstige Keystone-Angestellte jetzt freiberuflich verfolgt. 

Ihre Porträts haben etwas Definitives und etwas Schwebendes zugleich. Sie sind ein Statement: So ist dieser Mensch. Und sie sagen zugleich: Da ist noch viel mehr. Aber das steht in den Büchern. 

In nicht seltenen Fällen wird das Bild zum Epitaph. Die Ausstellung ist auch eine Galerie der Toten, von denen die Texte bleiben, die Erinnerung – und diese Bilder. Gerhard Meier. Urs Widmer. Giovanni Orelli. Und Markus Werner, der so ungemein lebendig schaut, wie leider nur noch seine Romane sind.  

Auf Augenhöhe: Zentrum Karl der Grosse, Zürich, bis Sonntag.   (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2018, 18:25 Uhr

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