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«Dann darf ich aber nicht mehr tanzen»

Greti Caprez-Roffler musste lang kämpfen, um als Pfarrerin arbeiten zu dürfen. Jetzt legt ihre Enkelin die Biografie dieser unkonventionellen Frau vor.

Ausgewandert in jungen Ehejahren: Greti Caprez-Roffler 1933 in São Paulo. Foto: Nachlass Greti Caprez-Roffler
Ausgewandert in jungen Ehejahren: Greti Caprez-Roffler 1933 in São Paulo. Foto: Nachlass Greti Caprez-Roffler

Traditionen mit besseren Argumenten entkräften, Zivilcourage wagen, Fakten schaffen – so geht Emanzipation. Greti Caprez-Roffler (1906–1994) lebte sie ihr reformiertes Theologinnenleben lang vor – bis zur Erschöpfung und Resignation, aber auch bis heute vorbildlich für alle Frauen, die in anderen Kirchen von Ordination und Pfarramt ausgeschlossen sind.

Die 25-jährige, frischgebackene Theologin wurde am 13. September 1931 über die Schweizer Grenzen hinaus berühmt. Im Bündner Bergdorf Furna wählten sie 18 Männer zur europaweit ersten vollamtlichen Pfarrerin, und zwar gegen alle Widerstände und gegen die Bündner ­Kirchenverfassung – also illegal. Der Bündner Kirchenrat reagierte umgehend auf die störrische Berggemeinde und konfiszierte das Kirchenvermögen.

Vergeblicher Kampf

1932 lehnten die evangelischen Bündner das Frauenpfarramt wuchtig ab. Greti Caprez hatte mit Artikeln in der Bündner ­Presse vergeblich für die Zulassung der Frauen zum Pfarramt gekämpft. Zu den Befürwortern gehörte auch ihr Vater Joos Roffler, der reformierte Pfarrer im bündnerischen Igis. Die Frauenwahl fand Verteidiger selbst unter berühmten Intellektuellen im Ausland: bei Karl Barth, damals Theologieprofessor in Bonn, oder Marianne Beth, Österreichs erster Rechtsanwältin.

Als ob die Wahl der jungen Theologin nicht schon Provokation genug gewesen wäre, zog sie mit ihrem Söhnchen und einer Haushälterin, aber ohne Ehemann ins Pfarrhaus ein. Dieser arbeitete in Zürich als Ingenieur und ­besuchte seine Familie nur jedes zweite Wochenende. Zu Seelsorge­gesprächen nahm die Pfarrerin das Baby einfach mit.

Drei Jahre als illegale Pfarrerin waren genug. Sie litt unter der geografischen Trennung vom geliebten «Ehekameraden», wie sie ihn nannte. Sie überzeugte ihn, in Zürich Theologie zu studieren, während sie in der Region Gastpredigten hielt.

Die Enkelin zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit Männer in Autoritätspositionen damals die sexuelle Verfügbarkeit junger, abhängiger Frauen einforderten.

Die Journalistin und Soziologin Christina Caprez zeichnet das exemplarische Leben der Theologin, die ihre Grossmutter war, akribisch nach. Als gute Protestantin legte diese vor Gott und der Nachwelt über ihre Lebensführung ausführlich Rechenschaft ab. So konnte sich die Enkelin auf einen umfangreichen Nachlass stützen, auf Briefe und Tagebücher. Die Pflicht, der Grossmutter gerecht zu werden, und die Freude am Erzählen führen allerdings dazu, dass das Buch zu ausführlich und detailgetreu geraten ist. Die Biografie wird somit teils zur Chronik.

Greti Caprez war zweifellos eine eigenständige Frau, die dank ihres Lebenshungers Konventionen sprengte. In einem Bündner Pfarrhaus aufgewachsen, wanderte sie in jungen Ehejahren mit ihrem Mann, dem ­Ingenieur Gian Caprez, nach São Paolo aus. Aufgrund der Wirtschaftskrise kehrte die schwangere Frau in die Schweiz zurück. Sie, die in Furna für Mädchen Skihosen einführte und an Mütterabenden unbefangen über Sexualität und Verhütung sprach, musste sich paternalistische Übergriffe gefallen lassen.

Die Enkelin zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit Männer in Autoritätspositionen damals die sexuelle Verfügbarkeit junger, abhängiger Frauen einforderten. Als Greti Caprez 1930 kurz vor dem Schlussexamen an der Universität Zürich den liberalen Theologieprofessor und Rektor Ludwig Köhler im Büro aufsuchte, küsste er die schwangere Frau auf den Mund – «was für mich so komisch war, dass ich das Lachen kaum verbergen konnte», schreibt die angehende Theologin in ihr Tagebuch.

Spannendes Stück Geschichte

Das Theologische bleibt eher im Hintergrund. So auch die Freundschaft mit dem damals tonangebenden Zürcher Theologen Emil Brunner, der Caprez mit dem Erweckungsglauben der Oxfordbewegung bekannt gemacht hatte. Dennoch schreibt die Enkelin ein spannendes Stück reformierte Kirchen­geschichte – und zugleich eine unglaublich mühevolle Emanzipationsgeschichte.

So lässt sie etwa die Grossmutter zu Wort kommen über die Zweifel, ob sie überhaupt Theologie studieren sollte: «Dann darf ich aber nicht mehr tanzen, auch nicht mehr lieben, und werde zu einer versauerten alten Jungfer oder bringe es höchstens noch zu einer Pfarrfrau.» Jungfrau blieb die spätere sechsfache Mutter nicht, wurde aber tatsächlich Pfarrfrau, als ihr Mann ab 1938 in verschiedenen Gemeinden als Pfarrer wirkte. Ihr selber blieb die Kanzel verwehrt.

Noch eine Kröte schlucken

Als sich die theologischen Fakultäten Anfang des 20. Jahrhunderts für Studentinnen öffneten, durften sie nicht Pfarrerinnen werden, mussten vielmehr als Pfarrhelferinnen unter der Autorität ihrer männlichen Kollegen arbeiten. Erst seit 1956 konnten (zunächst nur) unverheiratete Frauen in einzelnen Kantonen ein Pfarramt übernehmen. Ab 1965 im Kanton Graubünden. 1966 wurden Greti Caprez und ihr Mann legal Pfarrerin und Pfarrer im Rheinwald.

Zuvor, 1963 nämlich, wurde Greti Caprez zusammen mit elf Theologinnen im Zürcher Grossmünster ordiniert und ­offiziell als Pfarrerin anerkannt – 32 Jahre nach ihrer illegalen Wahl zur Pfarrerin in Furna. Bei der Ordination war sie 57-jährig und Grossmutter – und musste auch dann noch eine Kröte schlucken: Frauen mussten mit einem Pfarrer zusammenarbeiten und durften darum nur in Kirchgemeinden mit mindestens zwei Pfarrstellen gewählt werden.

Das Leben von Greti Caprez-Roffler (1906 bis 1994). Limmat-Verlag, Zürich. 386 S., ca. 44 Fr.

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