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Chronik eines angekündigten Ehrenmordes

Ein Land zwischen archaischer Erstarrung und misslingender Modernisierung: Zülfü Livaneli zeichnet in seinem Roman «Glückseligkeit» ein düsteres Porträt der Türkei.

Blick auf den Stadtteil Konak in Izmir, der mit 3 Millionen Einwohnern drittgrössten Stadt der Türkei.
Blick auf den Stadtteil Konak in Izmir, der mit 3 Millionen Einwohnern drittgrössten Stadt der Türkei.

Das Happy End kommt überraschend: Das geschlagene, gedemütigte, vergewaltigte und daraufhin von den Männern der eigenen Familie zum Tode verurteilte Mädchen Meryem befreit sich aus eigener Kraft von den Fesseln seiner Herkunft und geht seinen eigenen Weg.

Bis kurz vor Schluss hat nichts auf dieses märchenhafte und versöhnliche Ende hingedeutet. Der 1946 geborene Zülfü Livaneli, der in der Türkei als Autor, Sänger, Filmemacher und Gelegenheitspolitiker sehr populär ist, hat den Weg von Meryem als einen Passionsweg gezeichnet. Meryem wächst in einem Städtchen in Ostanatolien an der Grenze zum Irak auf. Seit ihren ersten Lebensstunden ist sie gezeichnet, denn ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben. Und so gilt sie in der Familie, die von ihrem Onkel geführt wird, einem bigotten Patriarchen und selbst ernannten Imam, als überflüssig.

Eines Tages wird Meryem von diesem Onkel in einem abgelegenen Häuschen vergewaltigt. Fortan ist sie eine Todeskandidatin, denn nicht der Täter, nach dem niemand zu fragen wagt, hat die Ehre der Familie beschmutzt, sondern, so ist es Sitte, das Opfer. Meryem wird tagelang in einem Keller eingesperrt und schliesslich ihrem Cousin Cemal ausgeliefert, der sich mit ihr auf den Weg nach Istanbul macht, wo er sie töten soll.

Es ist eine lange Reise, auf die sich Meryem und Cemal begeben, ein erstaunliches türkisches Road-Movie, das im staubigen Ostanatolien einsetzt, über die Ebenen und Steppen der Zentraltürkei bis ins chaotische Istanbul und schliesslich an die ägäische Küste führt. Doch Livaneli beschränkt sich nicht nur auf die Geschichte eines geplanten Ehrenmordes, er will ein weit gespanntes Panorama der türkischen Vergangenheit und Gegenwart zeichnen. Und er scheut sich nicht, Verdrängtes und Tabuisiertes in der türkischen Politik und Geschichte zur Sprache zu bringen.

Seelenlose Tötungsmaschine

So zeigt er zunächst, wie Cemal als Soldat im Kampf gegen kurdische Rebellen durch die Berge zieht, wie ihn Todesangst, Wut und Aggression immer mehr brutalisieren und zugleich abstumpfen. Als er mit Meryem nach Istanbul fährt, ist er zu Emotionen, zu Mitleid und Erbarmen gar nicht mehr fähig, ist eine seelenlose Tötungsmaschine. Empathie gibt es auch in seiner Heimatstadt nicht, wohin Cemal zurückgekehrt ist. Die Männer wie auch die Frauen, mit Ausnahme der Hebamme, billigen mit höhnischer Lust den geplanten Ehrenmord an Meryem.

Es ist eine düstere, abgründige Welt der Vormoderne, der Livaneli die moderne Türkei in Gestalt des Professors und Talkmasters Irfan Kurudal gegenüberstellt. Er ist Mitglied der Istanbuler Grossbourgeoisie, ein Mann, der alles hat und nichts fühlt. Und so verlässt er eines Tages die reiche Reederstochter, mit der er verheiratet ist, und begibt sich, gut bestückt mit 72'000 Dollar, auf einen Selbstfindungstrip und segelt mit einem luxuriösen Boot an der ägäischen Küste entlang.

Livaneli führt nun seine Protagonisten, Meryem und Cemal auf der einen Seite und Irfan auf der anderen Seite, langsam aufeinander zu. Kapitelweise wechselnd folgen wir ihren Bewegungen und ihrer Sicht auf die türkische Wirklichkeit. Livaneli lässt kein Reizthema aus und wagt sich für türkische Verhältnisse ziemlich weit vor: Es wird an die ermordeten Armenier erinnert, der Kampf der kurdischen Rebellen wird erstaunlich sachlich geschildert und die unterschwellige Diskriminierung der Aleviten angesprochen.

Gesellschaft ohne Wurzeln

Mag sein, dass Livaneli bei der Darstellung der Reizpunkte der türkischen Gesellschaft ein bisschen zu sehr nach Vollständigkeit strebt, mutig ist es allemal. Wie auch die quälende Selbstanalyse von Irfan, einem überflüssigen Menschen im Sinne Tschechows, der sich selbst und seinem Land eine deprimierende Diagnose stellt: Die Türkei sei eine «Gesellschaft ohne Wurzeln», in der weder die griechisch-römische noch die arabische Kultur angekommen seien. Tiefe Verunsicherung und brennender Selbsthass grundieren Irfans Selbstanalyse und zeigen eindrucksvoll die Isolation, in der ein «westlich» denkender Intellektueller gefangen ist. Es ist kein Wunder, dass sich Meryem, Cemal und Irfan bei ihrem Aufeinandertreffen wenig zu sagen haben.

Zülfü Livaneli hat einen fulminanten gesellschaftskritischen Roman geschrieben, der erstaunlich unverblümt an zentrale Tabus der Türkei rührt. Doch der Glutkern des Buchs ist die Geschichte von der armen Meryem, die in ihren Pluderhosen in die Welt hinausgestossen wird und wider Erwarten nicht darin untergeht: ein Bildungsroman der besonderen Art, an dessen Ende die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Meryem und vielleicht auch für ihr Land aufscheint.

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