Blühender Garten der Erinnerung

«Eine Autobiografie ist es nicht, die wäre viel dicker»: Die 81-jährige Berner Schriftstellerin Katharina Zimmermann erzählt in ihrem neuen Buch «Umbrüche» Miniaturen aus ihrem Leben. Es sei ihr letztes Buch, sagt sie. Vielleicht.

An der Wand ein indonesischer Blick auf den Thunersee: Katharina Zimmermann in ihrer Altstadtwohnung.

An der Wand ein indonesischer Blick auf den Thunersee: Katharina Zimmermann in ihrer Altstadtwohnung.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

«Der Garten ist gut, draussen lauert das Böse.» Das sechsjährige Mädchen glüht vor «Heimatliebe», sie hört erstmals das Wort «Generalmobilmachung» und beobachtet die Soldaten, die «wie ein Zug von Ameisen» die Effingerstrasse heraufmarschieren. «Schade nur», denkt das Mädchen, «dass ich kein Junge bin. Ich hätte später auch gern ein Gewehr gefasst und einen Feind erschossen.» Seit wenigen Monaten lebt es in einem alten Landhaus im Westen Berns, zu dem ein grosser, verwilderter Garten gehört. Eigentlich hätte die Besitzerin das Haus auf Drängen der Stadt verkaufen sollen. Aber dann brach jenseits der Grenzen der Krieg aus, und der wachsenden Musikerfamilie wurden einige Jahre «geschenkt».

Eine aufregende Zeit sei es für ein Kind gewesen damals, sagt Katharina Zimmermann und lächelt. «Man kam sich auch wichtig vor, wenn man etwa für die Rationierungsmarken anstand und den ‹Wochenbatzen› für die deutschen Kriegskinder einzog.» In diese Zeit fällt auch ein Brief an den Vater, der im Aktivdienst ist. Die Neunjährige weiss zuerst gar nicht, was sie denn berichten soll, unvermittelt aber erwacht die Lust des Erzählens, es ist wie ein Dammbruch. «Es ist ein sehr starkes Erlebnis», sagt Katharina Zimmermann, «ich habe es als etwas Befreiendes erlebt. Ich weiss noch genau, wo das passierte und an welchem Tisch ich sass.»

Jetzt sitzt die 81-Jährige in ihrer Berner Altstadtwohnung unweit des Münsters. An den Wänden hängt fast ausschliesslich Kunst aus ihrer zweiten Heimat Indonesien. Im Wohnzimmer zieht ein Bild die Aufmerksamkeit auf sich, das ein befreundeter indonesischer Maler in Sigriswil malte, der Blick geht durch Bäume hinunter zum Thunersee.

Ihr Grab war schon ausgehoben

In Sigriswil wartete die junge Familie Zimmermann 1964 – nicht mehr wirklich zu Hause, aber auch noch nicht abgereist – auf das Visum für die Reise nach Indonesien. Katharina Zimmermanns Mann hatte sich als Pfarrer von der Basler Mission für einen vorerst auf drei Jahre befristeten Einsatz in Kalimantan verpflichten lassen. In Indonesien erlebte Katharina Zimmermann und ihre Familie anfangs das «Völlig-fremd-Sein». Sie sind weit und breit die einzigen «Bleichgesichter», Touristen gibt es noch keine: «Wir sind und bleiben ein Schock, ein Schreck in der Stadt, vor allem für kleine Kinder, die man vor uns warnt.» Kurz nach ihrer Ankunft gab es angeblich einen Putschversuch der Kommunisten gegen Präsident Sukarno. Den Gegenputsch führte General Suharto an, der Tausende von Regimegegnern umbringen liess. Später hätten sie erfahren, sagt Katharina Zimmermann, «dass für uns von den Kommunisten bereits ein Grab neben der Strasse zum Flughafen ausgehoben worden sei».

Auf dem Tisch in der Altstadtwohnung liegt ein druckfrisches Exemplar ihres neuen Buches: «Umbrüche. Aus meinem Leben». Das Umschlagbild zeigt Aarewasser, in dem sich Bäume spiegeln. Diesen persönlichen Fluss des Lebens, der sie weit in die Welt hinaustrug, hat die mit historischen Romanen wie dem Täuferroman «Die Furgge» (1989), der Abschieds­elegie «Und singe dir ein Lied» (2006) auf den verstorbenen Mann oder zuletzt der Familiengeschichte «Der Amisbühl» (2012) bekannt gewordene Bernerin jetzt zu einem Lebenslauf voller funkelnder Miniaturen und prägnanter Erinnerungsstücke verdichtet.

Vier Kinder und fünf Pflegekinder

«Nein, eine Autobiografie ist es nicht», erwidert sie auf die entsprechende Frage dezidiert, «die wäre viel dicker.» Ursprünglich wollte sie etwas schreiben über die vielen Gärten ihres Lebens, vom verwunschenen Kindheitsgarten in Holligen bis zu den Gärten in Kalimantan, wo sie zusammen mit ihrer Familie zwischen 1964 und 1979 lebte. Der Verleger war nicht wirklich zufrieden und bemängelte, dass sie als Person zu sehr im Hintergrund bleibe. «Du musst erzählen, sagte er, «am besten fängst du vorne an.»

So hat sich Katharina Zimmermann erinnert, anfangs auf langen Spaziergängen entlang der Aare. «Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis und kann mich vor allem über Gerüche in die Vergangenheit versetzten.» Und als Kleinkind, als sie noch an der Aare im Altenberg lebte mit den Eltern und jeweils zum Rauschen des Wasser einschlief, kam ihr der Fluss eben düster-bedrohlich vor und sie erlebte ihn auch «ziemlich geruchsintensiv». Dass die heute so klare und saubere Aare einst ziemlich penetrante Ausdünstungen absonderte, «stank» dem Verleger zuerst gewaltig. Aber Katharina Zimmermann setzte sich durch, willigte lediglich ein, diesen Tatbestand sprachlich etwas moderater zu umschreiben.

Von dieser kleinen Episode lässt sich indes über den amüsanten Gehalt hinaus einiges ablesen über die Haltung dieser Autorin. Katharina Zimmermann ist auch in diesem Erinnerungsbuch ihrem lakonisch-präzisen Stil treu geblieben.

Nostalgische Verklärungen jeglicher Art sind ihr fremd, was sich auch daran zeigt, dass hier keine allwissende Erzählerin des eigenen Lebens am Werk ist, sondern stets mit grossem Einfühlungsvermögen versucht wird, die Perspektive des jeweiligen Lebensalters einzunehmen. Wichtig war ihr auch, dass sie für diese Lebensbeschreibung keine älteren Texte von sich rezyklierte, dafür weisen an verschiedenen Stellen Fussnoten auf die entsprechenden Bücher.

Der Weg der jungen Frau aus der vom Krieg verschonten Schweiz führt nach dem Lehrerinnen-Seminar und ersten Anstellungen zum Geigenstudium an die Musikhochschule Detmold am Rande des Teutoburger Waldes. Im provisorischen Schulatlas war Deutschland nach dem Krieg eine weisse Fläche gewesen. Jetzt fragt sie sich oft bei Kontakten mit Deutschen: «Was haben die wohl im Krieg gemacht?» In Detmold besucht sie auch ein Berner Freund. Der Theologiestudent hat ihr zuerst eine selbst gebastelte Geige und viele Briefe geschickt. Jetzt muss er, der per Autostopp gekommen ist, dringend etwas klären. Sie sprechen miteinander – «und versprechen sich etwas, das gilt. Ein Bund wird geschlossen zur Zweisamkeit. Nichts soll uns scheiden als der Tod.»

Mit ihrem Ehemann Christoph geht sie schliesslich nach Indonesien. Zu den vier eigenen Kindern kommen fünf Pflegekinder. «Wir haben sie nicht gesucht», sagt Katharina Zimmermann, «wir hätten noch viel mehr Kinder aufnehmen können.» Eines der Pflegekinder, Markus, ist heute ein hoher Regierungsbeamter. Dollop, ein anderer Pflegesohn, dokumentiert im Auftrag der Regierung das Leben seines Nomadenvolkes, der Punan, zu denen es einst auch Bruno Manser zog. Markus hat seine Pflegemutter im vergangenen Jahr mit seiner ganzen Familie besucht. «Meinen anderen Pflegekindern geht es zwar auch gut, erzählt Katharina Zimmermann, «aber eine solche Reise können sie sich nicht leisten.» Als sie in Indonesien einmal auf ein Schiff wartete, stellte sich ein magerer Bub neben sie und eröffnete ihr, er fahre jetzt mit ihr. Das war Markus. Ein anderes Pflegekind wurde von deren Vater, der sich jahrelang nicht für sie interessiert hatte, für einen hohen Brautpreis an einen reichen Holzhändler verkauft. Kein Abschied habe sie so geschmerzt wie der von Monika. In ihrem Fall habe das alte, patriarchalische Kalimantan unbarmherzig zugeschlagen.

Diese und jene Bedürfnisse

Ihren Freunden und auch den Kindern hat Katharina Zimmermann gesagt, dies sei nun ihr letztes Buch. «Es braucht schon Kraft, über längere Zeit an einem Projekt dran zu sein.» Auf der anderen Seite, sagt sie, habe sie sich gefragt: «Was mache ich dann? Schreiben ist doch ein Grundbedürfnis von mir, es ist mein Leben.» Kurzgeschichten würden sie interessieren, ganz ist die Tür also nicht zu.

Apropos Bedürfnisse: Als Katharina Zimmermann 1979 in die Schweiz zurückkehrte, staunte sie unter anderem auch über den Wandel der Sitten. Die sexuelle Revolution und ihre Folgen hatte sich in die – oft knappe – Kleidung eingeschrieben und auch in der Sprache ihre Spuren hinterlassen. In einem Café belauschte sie zufällig eine Frau, die ihrem Mann ziemlich energisch beschied: «Du musst halt deine Bedürfnisse anmelden.» Ach so, dachte Katharina Zimmermann, das darf man jetzt also hierzulande. Katharina Zimmermann: «Umbrüche. Aus meinem Leben». Zytglogge-Verlag, 2015. 270 Seiten, 37.90 Franken. Vernissage: Mittwoch, 18. März, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher Bern.

Der Bund

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