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Blick zurück auf die Berner «Künstlerrepublik»

«Bern 70»: Ein opulenter Band weitet sich mit klugen Texten und vielen Bildern zu einem Panoptikum der Berner Kunstszene der 1970er-Jahre.

Vincent O. Carter in Bern, ca. 1970 am Nydeggstalden 8.
Vincent O. Carter in Bern, ca. 1970 am Nydeggstalden 8.
Margrit Baumann/zvg

Er hatte bereits einige Jahre zuvor das Weite gesucht und über die Zwischenstation Zürich später seine Zelte dauerhaft in Paris aufgeschlagen, aber der Schriftsteller Paul Nizon kehrte in den 1970er-Jahren regelmässig in seiner Geburtsstadt Bern zurück. Und was er da sah, begeisterte ihn, wie er im Gespräch bekennt: «Das war wie eine Republik, eine Art Künstlerrepublik, ein Künstlervolk, das oft zusammen in Erscheinung trat.» Zu diesem Künstlervolk gehörte nicht zuletzt der legendäre Harald Szeemann, der in den Sechzigerjahren als Direktor der Kunsthalle massgeblich dazu beigetragen hatte, dass Bern zumindest eine Zeit lang den Anschluss an die internationale Avantgarde schaffte. Und der Kulturtheoretiker Gerhard Johann Lischka, der im Dezember 1970 den Wiener Aktionisten Otto Mühl für ein «chaotisches Fest» aus Blut und Urin in die Aktionsgalerie im Gasserbräu-Areal an der Aare brachte, stellt in seinen Erinnerungen fest: «Es begann in Bern interessant zu werden.»

Als der schwarze Mann kam

Und interessant, ja viel mehr noch: Eine kostbare Fundgrube ist auch das voluminöse, im handlichen Kleinformat gleichzeitig kompakte und wunderbar illustrierte Buch «Bern 70», das der Kunstpublizist Konrad Tobler, der Galerist und Verleger Michael Krethlow sowie der Kunstwissenschaftler Gabriel Flückiger herausgegeben haben. Sie alle sind Nachgeborene, wenn auch unterschiedlichen Alters, die auf den Spuren des 1976 erschienenen Katalogs «Tatort Bern» von Urs Dickerhof und Bernhard Giger den Mythos dieser Zeit nicht nur feiern, sondern auch mit analytischem und historisch geschärftem Blick erfassen wollen. So ist dieses Buch, das eigentlich vom Gravitationszentrum Kunsthalle ausging, zu einer kleinen Enzyklopädie geworden, die auch kenntnisreich andere Kunstsparten berücksichtigt, von der Architektur über Literatur, Theater bis zu Rock, Pop und Neuer Musik. Zum beträchtlichen Reiz des Bandes tragen die persönlichen Erinnerungen an dieses Jahrzehnt bei – etwa von Franz Gertsch, Gerhard Johann Lischka und Andreas Langenbacher. Besonders verdienstvoll ist das in die Mitte des Buchs eingerückte «kleine Nachschlagewerk» zur Berner Kunstszene von 1970–1980 – wo nicht nur die Protagonisten prägnant vorgestellt sind, sondern auch Szenelokale wie der Uhu oder die «Schwarze Tinte», wichtige Galerien und Publikationen, Erwähnung finden.

Eine besondere Entdeckung verdankt der Leser dem Publizisten und «Bund»-Mitarbeiter Martin Bieri. Er erzählt in seinem Beitrag, warum die Berner Literatur seit 1973 nicht mehr ausschliesslich weiss ist. In diesem Jahr veröffentlichte nämlich der amerikanische Dichter und Maler Vincent O. Carter (1924–1983) in einem New Yorker Verlag «The Bern Book». Carter war 1953 auf einer Europa-Reise in Bern hängen geblieben – als Fremder in einer ihre sechshundertjährige Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft feiernden Stadt – und verdiente fortan in der Bundesstadt seinen Lebensunterhalt als Englischlehrer. Für viele Einheimische war Carter der erste Schwarze, den sie in ihrem Leben gesehen hatten – eine Erfahrung, die ein anderer schwarzer Schriftsteller, James Baldwin, in den 1950er-Jahren im Walliser Dorf Leukerbad ebenfalls machte. Das «Bern Book» ist eine Mischung aus Tagebuch, Essay, Roman und Brief und reflektiert Fragen der Herkunft, Identität und Ausgrenzung. Carter hat, auch das eine Erkenntnis aus «Bern 70», Bern zu einem Ort der amerikanischen Literaturgeschichte gemacht.

Gabriel Flückiger, Michael Krethlow, Konrad Tobler (Hg.): Bern 70. Edition Atelier, Bern 2017, 600 Seiten, 38 Fr.

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