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Bis dass der Tod uns scheidet

Gefeierter Borderline-Journalist, Fälscher von Star-Interviews und nun ein Romancier: Der Berner Autor Tom Kummer hat mit «Nina & Tom» ein Buch geschrieben über den Wahnsinn, den wir Liebe nennen. Eine Begegnung.

«Ich fühle mich als Berner Giel»: Tom Kummer kehrte im März 2016 aus Los Angeles in die alte Heimat zurück.
«Ich fühle mich als Berner Giel»: Tom Kummer kehrte im März 2016 aus Los Angeles in die alte Heimat zurück.
Adrian Moser

«Superman is back.» Die Jeans hat er hochgekrempelt, die Socken mit dem Konterfei des Mannes, dessen biederes Alter Ego als Journalist arbeitet, sind bestens sichtbar. Tom Kummer trägt Kinnbart und ein massives schwarzes Brillengestell, das Haupt ziert ein lockiger Irokesenschnitt light, die senkrechten Falten rahmen den Mund des 56-Jährigen wie Furchen sichelförmig ein.

Es ist das Gesicht eines Indianers, der am Schreibtisch viele eingebildete Schlachten gegen die Bleichgesichter geschlagen hat und nach 30 Jahren in Berlin und in Los Angeles vor einem Jahr in das Reservat zurückgekehrt ist, in die alte Berner Heimat – dorthin, wo er 1961 geboren wurde, als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Schon früh hat sich Kummer ständig neue Lebensgeschichten ausgedacht, sich mit der Aura des Rätselhaften umhüllt und eine besondere Begabung offenbart für das Sammeln, Stehlen und Sampeln.

Dieser junge Mann mit den unscharfen Identitätskonturen war wie geschaffen für den Magazin-Journalismus der 1980er-Jahre, der in der Zeitgeistpostille «Tempo» seine prominenteste Ausprägung fand. Kummer war damals der fröhliche Berserker, der junge Mann für die krassen Experimente, der in seinen Reportagen die Grenzen zur Fiktion kunstvoll elastisch machte.

Er hat aus dem «Nichts» geschossen

Am späteren Nachmittag wird Kummer noch eine Tennislektion geben in der Ballonhalle des Neufeld-Tennisclubs. Das einstige Jungtalent verdient seinen Lebensunterhalt heute als Tennislehrer, «ich mag das Coaching, ich liebe es, Leute zu motivieren». Wer ihn spöttisch-mitleidig mit seinem «Abstieg» zum Tennislehrer konfrontiert, dem antwortet er: «Auch ein Vladimir Nabokov hat einst Tennisstunden gegeben in Berlin.»

Bereits in Los Angeles hatte Kummer jahrelang als Paddle-Tennislehrer gearbeitet, nachdem er im Jahr 2000 wegen seiner erfundenen Interviews mit Hollywood-Stars von seinen Aufraggebern – unter anderen auch vom «Magazin» – fallen gelassen worden war. Er schien einen besonderen Draht zu den Leinwandgöttern zu besitzen, die Wirkung der suggerierten Authentizität berauschte. Dabei war es am Küchentisch in Koreatown entstandene Rollenprosa. Die Umgebung, in der er sich damals bewegte, sagte er später, habe seine Art des Schreibens bestätigt.

Aber heute scheint alles anders. Auf seinem neuen Buch über seine drei Jahrzehnte lange Beziehung zu seiner 2014 an Krebs gestorbenen Partnerin steht «Roman»; das Buch, das von der Gegenwartsebene in Los Angeles immer wieder zurückblendet in die gemeinsame Vergangenheit, schrieb Kummer in einem halben Jahr in Bern. «Das Schöne war, dass ich Nina im Schreibprozess nochmals nahe gekommen bin», sagt er.

Kummers Texte haben ihren Reiz stets aus der Reibung von Wirklichkeit und Fiktion bezogen. Lange hat der Journalist Kummer seine Fiktionen als Realität ausgegeben – und sich bei Comeback-Versuchen etwa im Magazin «Reportagen» als unbelehrbar erwiesen.

Zehn Jahre nach «Blow up», dieser Mischung aus Autobiografie und Rechtfertigungsschrift, schreibt Kummer nun über eine Amour fou, deren männlicher Part er selbst gewesen ist. «Ich habe mit diesem Buch aus dem Nichts geschossen, ohne Strategie, wahrscheinlich hat das niemand erwartet.» Und wahrscheinlich ist er noch nie so nahe an der Wirklichkeit gewesen, an der eigenen Lebensgeschichte.

Er schreibt «Bonnie und Clyde 2.0»

Der Anstoss kam dabei vom Verlag, der mit ihm ein weiteres Buch machen wollte. «Ich habe mich gefragt, was mir am nächsten liegt», erzählt Kummer, «und das war die Verarbeitung dieser Beziehung, aber nicht in einem therapeutischen Sinn.» Dem Verlag kündigte er vollmundig ein «Bonnie und Clyde 2.0» an. Er und seine Partnerin hätten etwas gelebt, das auch eine bestimmte Subkultur in dieser Zeit reflektiere: ein Guerilla-Paar gegen den Rest der Welt, das ein zweiköpfiges «Widerstandsnest» bildete.

Erstmals begegnet ist er Nina Mitte der 1980er-Jahre in Barcelona. Er kam, den Schädel kahl rasiert und in der Pose des «Underdogs», mit einem Freund aus Westberlin, um in Spanien einen Videokunst-Film zu machen – eine Pyroaktion ähnlich wie in Berlin, wo er mit inszenierten Brandanschlägen auf die Berliner Mauer «situationistischen» Kunsthappenings huldigte und davon träumte, Teil von etwas Grösserem zu sein. Im Szenelokal Otto Zutz entflammt er dann für ein sonderbares, androgynes Wesen mit platinblondem Haar hinter der Bar, das mit arrogant zu Schau getragener Gefühlskälte agiert.

Er weiss zunächst nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Kummer beschreibt dies in suggestiven Bildern wie einen Countdown vor einer personifizierten Naturkatastrophe, die sein «altes Leben» schlagartig beendet. Sie schleppt ihn ab, sie haben Sex, den er als «gnadenlosen Ego-Trip» erlebt und doch immer mehr braucht – ständige Begleiter sind Kontrollverlust und sadomasochistische Rollenspiele. «Wir sehen aus wie Geschwister», schreibt Kummer, «man sagt, das sei ein Zeichen wahrer Liebe.»

«Das Schöne war, dass ich Nina im Schreibprozess nochmals nahe gekommen bin.»

Es ist eine Liebe, die auch den Hass einschliesst und einem Hochseilakt gleicht zwischen Selbstzerstörung und Symbiose. Da kollidieren, von einer animalischen Anziehungskraft bewegt, zwei junge Menschen miteinander, die in der Subkultur Westberlins die blasierte Kunst der Selbstdarstellung perfektionieren, in Los Angeles später gegen alle Wahrscheinlichkeit eine Familie gründen und ihre Vergangenheit lange voreinander vernebeln.

Während er ihr zuerst sagt, er sei Amerikaner, hüllt sie sich ganz in Schweigen. Später finden sie heraus, dass sie aus Biel stammt und er aus Bern: «Es ist unfassbar. Wir sind in unmittelbarer Nähe aufgewachsen.»

Er schreibt gegen ein Tabu an

Tom Kummer wirkt drahtig und gut in Form an diesem sonnigen Frühlingstag. Während er mit seinem jüngeren Sohn seit einem Jahr in Bern lebt, ist der ältere in Los Angeles geblieben, lebt weiter in der alten Wohnung in Koreatown und studiert. «Er fährt mein Auto, hat meine Wohnung und braucht mein Bankkonto», sagt Kummer und lacht. In der aktuellen «Weltwoche», die er an diesem Tag gekauft hat – «verschämt», wie er grinsend anfügt –, melden sich die Angehörigen von Nina zu Wort.

Die jüngere Schwester zeigt sich schockiert darüber, wie drastisch das lange Sterben Ninas beschrieben wird, es werden Unstimmigkeiten moniert, erfundene Szenen wie ein Weihnachtsbesuch bei der Mutter, wo Nina die konsternierte Runde mit Details zu ihrer Abtreibung provoziert.

Der Romancier sucht indes legitimerweise starke, symbolisch verdichtete Szenen, welche die Entwicklung der Figuren erlebbar machen. Kummer selber scheint von den Vorwürfen unbeeindruckt: «Ich konnte diesen Leuten, die in einer anderen Welt lebten als wir, nicht den Gefallen tun, unsere Geschichte zu glätten und aus Pietätsgründen gewisse Szenen auszusparen.»

Extremsituationen haben den Schreiber Kummer schon immer angezogen; wie unter der Lupe und mit einem porentiefen Hyperrealismus zeigt er die sterbende Nina, die zu Hause in Koreatown gepflegt wird, umgeben von den halbwüchsigen Söhnen und von Tom Kummer, der ihr Morphiumtropfen verabreicht, wenn die Schmerzen zu stark werden.

«Manchmal fühlt es sich an, als würden wir uns das stille Spektakel ‹Sterben› wie eine Reality-Show reinziehen.» Er lässt sie, die auf 45 Kilogramm Abgemagerte, in High Heels und Plastikminirock in der Wohnung herumstöckeln, bis sie umfällt. Nina, die Maskeraden und Kostümierungen liebte, soll auch im Sterben ihrem Lebensstil treu bleiben können.

Eine blühende Frau mitten im Leben beim Sterben zeigen, das sei immer noch ein «Tabuthema», sagt Kummer. Ihn habe auch die Frage umgetrieben, wie man sich von seiner Frau in einer solchen Situation «sexuell verabschiedet». Das Begehren ist noch da, die Zärtlichkeiten auf dem Bett, die Berührungen mit einer Frau, die oft vor sich hindämmert oder röchelnd atmet.

Aber allein der präzise Gebrauch des Worts «Nachwindel» bewirkt, dass dieses zart-verzweifelte Bemühen um körperliche Nähe nicht abstossend oder gar obszön wirkt. Er habe sicher kein Sterbehilfebuch schreiben wollen, sagt Kummer, aber in Kalifornien habe er ein progressives Gesundheitssystem kennen gelernt, «das uns unterstützte und unseren Weg gehen liess».

Er ist ein «Verräter» aus Liebe

Was würde seine Frau zu einem Buch sagen, das der Autor mit den Worten beschliesst, es sei «sein persönlicher Bericht auf Ninas Kosten»? Kummer schweigt. Nina sei immer wahrhaftiger und moralischer gewesen als er, auch wenn es oft nicht den Anschein gemacht hätte. «Ich glaube, sie wäre auf die Ästhetik des Buches stolz, auf das Coverbild mit unserem Hochzeitsfoto, vielleicht auch darauf, wie gewisse Reisen und die Geburten unserer Söhne beschrieben werden.»

Er macht eine Pause. «Und doch ist klar, dass sie das Buch als Verrat an unserer geheimbündlerischen Idee werten würde, das war das erste Grundgesetz unserer Beziehung.» Aber wie schreibt er einmal im Buch: Der Unterschied zwischen ihm und seiner Frau sei gewesen, dass sie nicht mit einem schlechten Gewissen habe leben können, er dagegen schon.

«Es ist ein Buch, das man erst ab 18 lesen sollte», sagt Kummer ungewohnt ernst. Seinem älteren Sohn habe er noch kein Exemplar geben können, «aber er weiss Bescheid und findet es gut». Der Jüngere sei noch nicht wahnsinnig interessiert daran, «ich werde ihm ausgewählte Stellen vorlesen».

Tom Kummer: Nina & Tom. Roman. Verlag Blumenbar, Berlin 2017. 254 Seiten, etwa 29 Franken. – Lesung: am Mittwoch, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern.

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