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«Besessener Chronist meiner Wirklichkeit»

Vom Berner Autor Tom Kummer gibt es jetzt eine Werkausgabe seines journalistischen Schaffens aus 30 Jahren.

Alexander Sury
Hat zweifellos eine Spur hinterlassen im Journalismus: Tom Kummer.
Hat zweifellos eine Spur hinterlassen im Journalismus: Tom Kummer.
Adrian Moser

Heute ist der Roman von Tom Kummer Spielwiese für experimentelles Schreiben: Im März erscheint «Von schlechten Eltern», sein neues Buch.

Der 59-jährige Berner wurde als «Borderline-Journalist» Anfang der 2000er-Jahre für seine gefälschten Star-Interviews aus Hollywood von der Branche jahrelang geächtet. Lange hat der Journalist Kummer seine Fiktionen als Realität ausgegeben - und sich bei Comebackversuchen etwa im Magazin «Reportagen» als unbelehrbar erwiesen.

Von seinen damaligen Arbeitskollegen für seine Kühnheit entweder bewundert oder als Blender mit hochstaplerischen Zügen scharf kritisiert, wird der noch nicht 30-jährige Tom Kummer in seinen Jahren bei der Zeitgeistpostille «Tempo» zu einem, wie er es nennt, «fröhlichen Berserker».

Und der Zeitgeist findet seinen Zauberlehrling: Kummer ist der Mann für die krassen Experimente. Für seine erste Geschichte, ein Porträt von Pirmin Zurbriggen, rast er mit 100 Stundenkilometern die Rennstrecke in Val d’Isère hinunter; einmal lässt er sich anlässlich der Kontroversen über die Haftbedingungen von RAF-Terroristen eine Woche im Keller des Redaktionsgebäudes einschliessen, um die Auswirkungen der Isolation zu protokollieren.

Nachdem er vor einigen Jahren als Journalist abgedankt hat, versucht er, im Literaturbetrieb eine Nische für sein Werk zu finden: 2017 schrieb er mit «Nina & Tom» ein Buch über eine extreme Liebe; der autofiktionale Roman wurde ein Erfolg.

Gleichzeitig signalisierten verschiedene Verlage Interesse, Kummers 30 Jahre umspannendes Wirken als Journalist in einer Gesamtausgabe aufleben zu lassen. Vielleicht sei dieses Interesse auch noch durch aktuelle Debatten über den «Handel mit Realität» verstärkt worden, vermutet Kummer.

Er entschied sich für einen kleinen Münchner Kunstverlag. Dort entstand in Zusammenarbeit mit dem Kurator Florian Waldvogel eine 540-seitige Werkausgabe, in der etwa die Hälfte seiner journalistischen Texte zusammengestellt sind aus den Jahren 1987-2016.

Reportagen aus dem ersten Golfkrieg, über die Hell’s Angels und von Hundekämpfen; Porträts von Michael Jackson, Richard Ford, Lady Gaga oder Dennis Hopper; fiktive Interviews mit Charles Bronson, David Hockney oder Bruce Willis. Erschienen sind sie im «Tempo», später unter anderem in der «Weltwoche», in der «Zeit» oder im «Magazin».

In den eingeschobenen Gesprächen mit Herausgeber Waldvogel bekennt Kummer, dass er eigentlich keine journalistischen Interessen gehabt habe. «Ich hatte einfach Lust am Leben. Ich verpackte aktuelle Themen zu Ideen, die für Redakteure wie aufregende Magazin-Storys erschienen.»

Kummer erlebte dieses erneute Wiederentdecken seines journalistischen Werks als hilfreich - auch in Bezug auf sein Schaffen als Schriftsteller. Es sei für ihn nochmals deutlich geworden, was diese Texte für die Printmedien auszeichneten: «In erster Linie sind sie ein mediales Experimentierfeld.»

Die Sammlung lege dar, «wie ich als Autodidakt und Aussenseiter aus Bern zu meiner Sprache gefunden habe und mich dabei zu einem besessenen Chronisten meiner Wirklichkeit verwandelte».

Und die Ausgabe zeigt auch: Tom Kummer hat zweifellos eine Spur hinterlassen im Journalismus. Je nach Blickwinkel ist es eine Spur der Verwüstung von Authentizität oder eine aufregende Spur, geprägt von Brüchen mit journalistischen Konventionen.

Tom Kummer: Reportagen & Porträts 1987-2016. Werkausgabe Part one. Che-Casino-Verlag, München 2020, 45.90 Franken.

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