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Berlin-Zombies, die Liebe und der Tod

Ronja von Rönne wurde quasi über Nacht berühmt - mit einem provokanten Text über den Feminismus. Nun hat sie ihren ersten Roman geschrieben.

Smartes Debüt mit scharfsinnigen Sätzen: Autorin Ronja von Rönne.
Smartes Debüt mit scharfsinnigen Sätzen: Autorin Ronja von Rönne.

«Warum mich der Feminismus anekelt», hatte die 24 Jahre alte Autorin in der «Welt» dargelegt - und einen Shitstorm im Netz losgetreten. Auch beim Bachmann-Preis, zu dem von Ronja von Rönne eingeladen wurde, galt der streitbaren jungen Schriftstellerin («Ich bin keine Feministin. Ich bin Egoistin.») die Aufmerksamkeit.

Jetzt hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. «Wir kommen» ist klassische Popliteratur: junge Leute und die Liebe, ein bisschen Sex, ein paar Drogen, Erinnerungen an die Schulzeit und über allem Depression und die Sinnfrage. Die Sprache ist toll, der Plot dagegen nicht herausragend.

Das Leben von Protagonistin Nora und ihren drei Freunden Jonas, Leonie und Karl - beziehungsweise ihren drei Sexpartnern, denn Nora lebt in einer polyamourösen Beziehung - ist im Grunde wie das von allen anderen, die im Leben nie grössere Probleme hatten als sich selbst. Eigentlich könnte alles okay sein - und natürlich ist es das nicht.

Verdrängter Verlust

Nora scheint wirkliche Probleme zu haben. Ihre Jugendfreundin Maja ist gestorben, was Nora nicht so recht wahrhaben will. Erinnerungen an die Vergangenheit brechen aber immer wieder durch, allein schon deswegen, weil sie sich in einer Therapie mit ihrem Leben auseinandersetzt und auf Rat ihres Therapeuten ein Tagebuch über ihren Alltag (und ihre Panikattacken) schreiben soll.

Neben den Alltag von Nora stellt von Rönne deren Vergangenheit und Freundschaft zu Maja. Über jene Passagen meint von Rönne: «Ich habe sie vor allem geschrieben, um nicht noch ein Berlin-Buch zu schreiben oder eines über frustrierte Beziehungen.» Genau das ist aber - die Geschichte um Maja hin oder her - das Tragende des Romans.

Von Rönne beschreibt das Leben junger Menschen in der Stadt, die mehr oder weniger anspruchsvolle Kreativberufe haben, ihr eigentlich bürgerliches Dasein auf Partys mit Orgien und Koks brechen («Kokain gehört in eine Ära als Falco «Ganz Wien» sang und ich noch tot war»), sich nach nie endender Liebe sehnen, in der Freizeit auch irgendwas mit Flüchtlingen machen, keine toten Tiere essen oder eben gerade doch und im Grunde so stinklangweilig sind wie das, was sie nicht sein wollen.

Scharfsinnige Sätze machen kein gutes Buch

Von Rönne besticht mit ihren Beobachtungen, ihrem lakonischen Witz. Wenn sie über einen Fahrkartenkontrolleur schreibt «Er sah ein bisschen aus, als macht er sich nicht einmal die Mühe, seinen Curry King aufzuwärmen» ist alles gesagt. Wenn es heisst «Die Frau sah so aus wie jemand, der gern brunchen geht und seinen Laptop «Schlepptop» nennt. Ihr Freund stand daneben und sah aus wie jemand, der Wortspiele wie «Schlepptop» lustig findet», rollt man innerlich genauso mit den Augen wie die Protagonistin. «Wir kommen» ist ein smartes Debüt mit scharfsinnigen Sätzen. Viele schöne Sätze machen allerdings noch keinen richtig guten Roman.

SDA

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