Aus dem Leben zweier Fernmütiger

«Die Welt ist verkehrt, nicht wir!» Der Schriftsteller Wilfried Meichtry erzählt in seiner reich bebilderten Doppelbiografie vom unkonventionellen Paar Katharina von Arx und Freddy Drilhon.

Katharina und Freddy in Alpnach, März 1958.

Katharina und Freddy in Alpnach, März 1958. Bild: zvg

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Auf der allerletzten Etappe nimmt die Auto­stopperin ein gewisser Herr Knäusli mit. Kurz vor Zürich schlägt der ältere Herr der jungen Frau spontan eine Spritzfahrt nach Luzern vor. Katharina von Arx ist nicht auf den Mund gefallen, sie lehnt dankend ab und antwortet: «Wüssed Sie, Herr Knäusli, i chumme grad vome Sprützfährtli.»

Das war nicht gelogen und gleichzeitig eine ziemlich gewaltige Untertreibung. Acht Monate war die in Wien lebende 25-jährige Kunststudentin mit einigen Empfehlungsschreiben, aber nahezu ohne Geld rund um die Welt gereist, sie hatte als Gegenleistung für eine Gratisfahrkarte auf einer Schiffspassage nach Indien Leute porträtiert, landete einmal fast im Harem eines Mahara­dschas, sang im indischen Radio «Von Luzern uf Weggis zue», reiste weiter über Japan in die USA, wo sie als Ukulele spielende «Hitchhiking Swiss Miss» Auftritte in Fernseh­shows absolvierte.

Im «Buch «Nehmt mich bitte mit! Eine Weltreise per Anhalter» wird sie wenig später in witzig-pointierter Manier davon erzählen – auch davon, wie sie als allein reisende Frau fast pausenlos damit beschäftigt war, sich aufdringliche und ihren Schutz anbietende Männer vom Leib zu halten. Eine Feministin avant la lettre, die Antithese zum schwachen, schutzbedürftigen Heimchen am Herd; sie war in Wien kurze Zeit mit dem damals noch kaum bekannten Maler Friedrich Hundertwasser liiert und sagte einmal über einen verflossenen Liebhaber: «Meine Arbeit war für ihn so viel wie ­Sticken, kleine hübsche Handarbeiten, Beschäftigung für Damen.»

Sich lieben, ohne sich aufzugeben

Das Buch wird in der beschaulich-selbstgenügsamen Schweiz der 1950er-Jahre ein grosser Erfolg. Katharina von Arx, die ebenso selbstbewusste wie attraktive Tochter eines in Konkurs gegangenen Filz­fabrikanten aus Niedergösgen, lebt ihre Träume, sie reist stellvertretend für viele Landsleute – und erst noch in Hosen – um die Welt und erlebt Abenteuer auf traumhaften Südseeinseln. 1956 trifft sie den französischen Fotografen und Reporter Freddy Drilhon, der sie für die Illustrierte «Sie?+?Er» auf die Insel Tonga begleitet, wo eine Königin regiert.

Der bereits verheiratete, aus schwierigen Familienverhältnissen stammende Drilhon ist auch ein vom «Fernmut» ­Besessener – so eine Wortschöpfung von Katharina von Arx –, im Zweiten Weltkrieg wurde er, noch minderjährig, Matrose der Kriegsmarine und war später als Steuermann eines kleinen Handelsschiffs in der Südsee unterwegs. Traumatisiert von einer Kindheit, die überschattet war von einem zu Unrecht gegen ihn erhobenen Diebstahlsvorwurf, bemüht sich der sensible Freddy ein Leben lang um die Versöhnung mit den Eltern.

Drilhon und von Arx verlieben sich und wollen als je eigenständige Persönlichkeiten ihre Liebe leben, ohne ihre Identität zu verlieren. Im Geiste müssten sie Junggesellen bleiben, sagt Drilhon und schlägt auch vor, sich weiter zu siezen, um so den gegenseitigen Respekt zu bewahren. Zusammen brechen sie auf zu einer Expedition nach Neuguinea, wo sie auf (freundliche) Kannibalen stossen und wo auch das berühmte Coverbild der «Sie+Er» entsteht: das resolute weisse Fräulein ohne Berührungsängste und der «wilde» Häuptling Aiua, einander gut gelaunt anlächelnd.

Ein Freund hatte vor einigen Jahren den in Burgdorf lebenden Schriftsteller und versierten Biografen (Mani Matter, Iris und Peter von Roten) Wilfried Meichtry auf die damals schon über 80-jährige Katharina von Arx aufmerksam gemacht. Er gewann ihr Vertrauen, führte lange Gespräche mit ihr und bekam schliesslich Zugang zu einem Archiv, das seit Jahrzehnten auf dem Dachstock verstaubte: Dutzende Schachteln voller Manuskripte, Fotos, Tagebücher, Film- und Tonaufnahmen. Meichtry realisierte bald, was für einen Schatz er ­gehoben hatte.

«La grande Catherine», wie man sie in der Romandie respektvoll nannte, lebte seit Jahrzehnten in Romainmôtier. Zusammen mit Drilhon hatte sie auf der ­Suche nach einer «Arche» für die kleine ­Familie – 1958 war Tochter Frédérique auf die Welt gekommen – der Gemeinde für 48?000 Franken eine Ruine abgekauft, das ehemalige Priorhaus für wohlhabende Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela.

Um den Vertrag mit der Gemeinde unterzeichnen zu können, muss das Paar heiraten. In den ersten Nächten schlafen die beiden auf Luftmatratzen im baufälligen Gemäuer und wälzen euphorisch Pläne, wie sie das Schloss restaurieren und nutzen würden. «Dieses Abenteuer», notiert von Arx im Tagebuch, «erschien mir jetzt sehr viel reizvoller als jeder noch so versteckte Kannibalentopf in Neuguinea.» Sie macht es sich zur Lebensaufgabe, das baufällige Schloss zu restaurieren, sie schreibt Bücher («Mein Luftschloss auf Erden»), lehnt Kaufangebote ab und ist unermüdlich damit beschäftigt, Finanzquellen für die Unterhalts­arbeiten zu erschliessen.

Jetzt ein Buch, bald auch ein Film

Für Freddy Drilhon wird das nach einer anfänglichen Phase der Begeisterung immer mehr zur Belastung, er fühlt sich eingesperrt, sucht Zuflucht im Alkohol, droht mit Selbstmord und damit, das 800-jährige Herrschaftshaus anzuzünden. «Katharina», schreibt er einmal, «wo ist die Wahrheit in unserem Leben? In der ewigen Suche nach Geld?» Das Paar trennt sich, Freddy installiert sich in einem Cottage in Südengland. Die ­beiden bleiben freundschaftlich verbunden. Als sich Drilhons Gesundheit rapide verschlechtert, eilt Katharina zu ihm und nimmt vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben die klassische Hausfrauenrolle ein. Sie ist bei ihm, als er 50-jährig stirbt. Am Nachmittag steht er auf, geht in die Küche und will ihr Tee bringen: «Ich höre ihn fallen. Er liegt am Boden, haucht noch einmal, schaut mich an, dann nicht mehr.»

Wilfried Meichtry erzählt diese Doppelbiografie mit Emphase und Sinn für ­Dramaturgie: Bis sie sich 1956 erstmals in einem Genfer Büro begegnen, werden die Lebensläufe der beiden unter Verwendung zahlreicher Textstellen aus Briefen und Tagebüchern alternierend vorgestellt. Diesen packenden Stoff eines ungewöhnlichen Paars, dessen Leben voller Intensität und Tragik war, hat Meichtry nun auch als Drehbuch bearbeitet. Momentan ist er daran, erstmals Regie zu führen. Im semidokumentarischen Film mit dem Arbeitstitel «Katharina & Freddy» tritt die Berner Schauspielerin Sabine Timo­teo als Katharina von Arx in Erscheinung, der Belgier Christophe Sermet verkörpert Freddy Drilhon.

Katharina von Arx selber ist vor zwei Jahren gestorben, zu Hause in ihrem Reich in Romainmôtier, wie sie es sich gewünscht hatte. Nachdem ihre Tochter als Architektin nach Mexiko ausgewandert war, blieb sie allein zurück mit ihren Katzen in dem riesigen Haus. 1994 hatte die Migros «La maison du Prieur» als «Centre de retraite» für Kulturschaffende gekauft. Diese tatkräftige Romantikerin mit ausgeprägtem Realitätssinn hat, wie sie Meichtry einmal anvertraute, den Tod Freddys nie ganz überwunden.

Wilfried Meichtry: Die Welt ist verkehrt, nicht wir! Katharina von Arx und Freddy Drilhon. Nagel & Kimche, München 2015. 345 Seiten, zahlreiche Abbildungen, etwa 34 Franken. Lesung: nächsten Dienstag, 20 Uhr, Buchhandlung Thalia, Bern.

Katharina von Arx: Nehmt mich bitte mit. Eine Weltreise per Anhalter. Nachdruck der Originalausgabe 1956. Nagel & Kimche, München 2015. 267 Seiten, etwa 32 Franken (Der Bund)

Erstellt: 27.10.2015, 13:48 Uhr

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