Aufbrechen, um sich zu finden und zu verlieren im ewigen Eis

Als Gartenkolumnistin wurde sie zu einer Institution. Sabine Reber ist aber auch Schriftstellerin. Sie überzeugt als Lyrikerin.

«Im ewigen Eis jagen wir unsere Dämonen»: Sabine Reber war als literarische Polarforscherin auf Spitzbergen.

«Im ewigen Eis jagen wir unsere Dämonen»: Sabine Reber war als literarische Polarforscherin auf Spitzbergen.

(Bild: zvg/Stöh Grünig)

Nachdem das Mädchen in den Brunnen gefallen ist, schüttelt es nun Decken und Kissen für die alte Frau – und sie entfacht, von Heimweh geplagt, veritable Stürme; der Schnee fällt im Übermass auf die Welt. Einmal schneit es gar Kaninchen und Tauben; es kommt dieser entfesselten Goldmarie in Diensten von Frau Holle vor, «als wolle die ganze Arche Noah, eingeweisst, vom Himmel fallen». Am Ende beruhigt sie sich, und der Schnee fällt wieder mit fast zärtlicher Behutsamkeit auf die Welt: «Als weisses Papier lag die Landschaft vor ihr, und sie nickte zufrieden.»

Nein, blühende Gärten sucht man vergebens in diesem Buch, über die Landschaften legt sich meist das weisse Leintuch – oder man wird in arktische Gefilde mitgenommen, ins ewige Eis, wo der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist: «Dem Packeis entlang / Erkunden wir die Ränder / unserer Existenz».

In ihrem neuen Buch «Dreissig Worte für Schnee», das als reizvoller Hybrid sowohl Gedichte als auch Erzählungen und Stöh Grünigs Fotografien von kühler Schönheit versammelt, hat Sabine Reber das organische Material eingetauscht gegen Eiskristalle, Schneewechten, Sulz, Matsch oder Neuschnee.

Paare in der Eiszeit

In den vergangenen Jahren avancierte die 1970 in Biel geborene Reber zu einer national bekannten Gartenpublizistin; im «Bund» war sie bis im vergangenen Jahr auch über längere Zeit mit einer Kolumne vertreten, in der sie ihre Expeditionen in das eigene Reich aus Blumen, Pflanzen und Gemüse jenseits konventioneller Ratgeber-Rhetorik immer wieder in plastische Geschichten zu übersetzen wusste. Darob ging fast vergessen, dass Sabine Reber in den vergangenen 20 Jahren eine Reihe von Romanen («Im Garten der Wale») und Lyrikbänden («Ins Feld geworfen», 2011) veröffentlicht hat.

Was für eine eminent wortmächtige Lyrikerin sie ist, begabt mit einem Sensorium für Feinstoffliches im zwischenmenschlichen Bereich, beweist Reber in etlichen dieser Gedichte, die sich geografisch aus der Schweiz – dem Jungfraujoch und dem Jura – hinauf in den hohen Norden nach Spitzbergen bewegen. Oft ist die Rede von Beziehungen zwischen Mann und Frau, die sich überlebt haben, erkaltet und in einer Eiszeit gefangen sind. Aber dagegen stehen auch Momente des möglichen Glücks und einer fast trotzig behaupteten Hoffnung. Gerettet aus der «Lawine ihrer Zweifel» und an den Tag gehievt, wird sie von ihm an die Sonne gelegt: «Zum Trocknen / Sie in seinen Armen / Wiegte und wartete / Ob der Frost / Aus ihren Knochen / Weiche.»

In den eingeschobenen Erzählungen vermag Sabine Reber diese Dichte und Konzentration des Ausdrucks nicht ganz zu halten. In den Geschichten von vermeintlichen oder tatsächlichen Aufbrüchen kriselnder Paare in den hohen Norden oder von einer erotischen Begegnung in einer Eishöhle auf dem Jungfraujoch herrscht zuweilen eine leicht kitschige Tonlage. Von grosser Intensität ist indes die Erzählung «Eiger ist tot», in der es nicht um den mythischen Berg geht, sondern um einen roten Kater. Im Rückblick verkörpert das tote Tier für die Erzählerin das zerbrochene Familienglück, während die Tochter mit einer virtuellen Katze auf dem Handy spielt. Das Glück hat sich in die digitale Welt zurückgezogen.

Sabine Reber: Dreissig Worte für Schnee. Erzählungen und Gedichte. Elster-Verlag, Zürich 2017. 187 Seiten, 28.90 Fr.

Der Bund

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