Aufatmen in der Unterwasserwelt

Kinder von Migranten und Flüchtlingen haben mit dem Berner Schriftsteller Lukas Hartmann ein Märchen erfunden: «Die Abenteuer der Prinzessin Ivana» gibt es nun als Buch.

Die Welt auf dem Meeresgrund regte die Kinder zu besonders schönen Bildern an.

Die Welt auf dem Meeresgrund regte die Kinder zu besonders schönen Bildern an. Bild: zvg

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In höchster Not tauchen das Wolfdromedar und Prinzessin Ivana auf seinem Rücken unter. Der Dämon Inu hat die Gestalt eines Drachens angenommen und verfolgt sie über dem Meer. Schon stürzt er auf sie hinab, aber die Flüchtenden entkommen in die Tiefe. Mehr noch: Durch einen Felsspalt gelangen sie in eine Luftblase. «Und o Wunder! Dort ist kein Wasser mehr, sie können atmen und haben Boden unter den Füssen. Hoch über ihnen ist eine blaue Decke, die sich sachte bewegt. Das muss das Meer sein.» Bereits strömen Wesen herbei, die Menschen gleichen, aber Schuppenkleider tragen und statt Beinen Fischschwänze haben. Dieser Moment der höchsten Gefahr und die märchenhafte Rettung in der Unterwasserwelt finden sich im Buch «Die Abenteuer der Prinzessin Ivana».

Erfunden und illustriert haben die Geschichte der anfangs launischen Prinzessin, die entführt und von Löwen und Riesenspinnen bedroht wird, Wüsten durchquert und schliesslich auf dem Meeresboden eine neue Heimat findet, Kinder von Migranten und Flüchtlingen. Sie stammen aus Syrien und Jordanien, aus Kosovo, Somalia oder Eritrea; etliche von ihnen haben Gewalt und Flucht erlebt. Was jetzt als wunderschön gestaltetes Buch mit ausdrucksstarken Bildern vorliegt, nahm seinen Anfang im Sommer 2015. Meris Schüpbach, Gründerin der Kulturwerkstatt Kidswest, fragte den Berner Schriftsteller Lukas Hartmann an, ob er mit «ihren» Kindern eine Geschichte improvisieren wolle. Er sagte zu.

Einmal wöchentlich treffen sich Kinder zwischen 5 und 17 Jahren in einem Atelier in Bümpliz zum gemeinsamen Erleben und Gestalten. «Für mich», sagt die für ihre Arbeit bereits verschiedentlich ausgezeichnete Meris Schüpbach, «bedeutet Integration, dass alle Kinder gleiche Chancen in der Bildung und für ihre persönliche Entwicklung erhalten.»

Kein Happy End um jeden Preis

Die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern ist dabei eine Konstante in den Projekten von Kidswest; die Ideen stammen von den Kindern, für die Umsetzung werden jeweils Künstler eingeladen. Hartmann stellte sich als ein «Grossvater» vor, der Geschichten für Erwachsene und Kinder schreibe. Rasch merkte er, dass für die Kinder – die teils fliessend Deutsch sprachen, teils erst einige Brocken beherrschten – Erzählen bedeutet, das Geschehen zuerst szenisch wie auf einer Bühne darzustellen. So kristallisierten sich die Figuren der Prinzessin mit den blonden Haaren, des Mischwesens Wolfdromedar oder des Dämons Inu heraus, der jede Gestalt annehmen und seine Umgebung so täuschen kann.

Mitunter ging es laut und chaotisch zu und her, aber die Kinder kehrten immer wieder zur von ihnen ausgedachten Geschichte zurück. Hartmann fasste die Handlungselemente zusammen und schrieb zu Hause das erste Kapitel. «Immer deutlicher standen die Motive der Vertreibung, Flucht und Gefahr im Vordergrund», sagt Hartmann, «auch das Heimweh und zuletzt die Rettung, das Ankommen im Neuland.»

In der Unterwasserwelt kommt es, wie es kommen muss: König Leon der Dritte verliebt sich in das Menschenwesen. Sie ist nicht abgeneigt, will aber keinen Fischunterleib, sondern ihre Beine behalten. Das Angebot, von einem Zauberer einen Fischschwanz mit goldenen Schuppen zu bekommen, lehnt sie ab. «Die Kinder wollten alle ein Happy End, sie waren aber dagegen, dass die Prinzessin werden sollte wie alle anderen in der Unterwelt», sagt Lukas Hartmann. Eine Integration in die neue Umgebung also, aber keine Assimilation unter Verzicht auf alle Eigenheiten. Leon der Dritte lenkt schliesslich ein, seine Braut bleibt in der Unterwasserwelt und steht weiter auf zwei Beinen. Am Ende wurde das Hochzeitsfest ausgiebig mit einem Umzug im Atelierraum gefeiert.

Das Buch erscheint im Stämpfli-Verlag und kostet 29 Franken. Vernissage: 27. Oktober, 18.30 Uhr, Kulturhaus visavis, Gerechtigkeitsgasse 44, Bern. Apéro anschliessend im Chinderbuechlade. (Der Bund)

Erstellt: 11.10.2017, 06:59 Uhr

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