Auch im Winter seines Lebens gehen ihm die Gegner nicht aus

Es ist vollbracht: Der Berner Zahnarzt Philippe Daniel Ledermann legt den vierten und letzten Band seines autobiografischen Romans «Die Papiereltern» vor.

Philippe Daniel Ledermann, seine Frau Marina und Windhund Juri.

Philippe Daniel Ledermann, seine Frau Marina und Windhund Juri. Bild: Adrian Moser (Archivbild)

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Solvente ältere Herren, die ihr hart erarbeitetes Vermögen im Spätherbst und Frühwinter ihres Lebens noch so richtig zu geniessen gedenken, gönnen sich unter anderem einen luxuriösen Sportwagen. Im Alter von 70 Jahren hat sich auch Philippe Daniel Ledermann sein «Traumauto» gekauft: einen Maserati Quattroporte. Sonst aber ist es mit dem Ruhestand nicht weit her für den Mann, der mit seinem gütigen Ruhepol von Frau lange in einem wunderschönen Barockhaus am Nydeggstalden lebte: Immer wieder heisst es die Zähne zeigen, sich wehren gegen betrügerische Autohändler, gegen faule Pächter, die sein Jugendstilhotel herunterwirtschaften, oder dreiste Mieter, die sein Haus in Herzogenbuchsee kurzerhand in ein Bordell umfunktionieren. Oder er sinniert angesichts eines ihm flüchtig bekannten Berner Gynäkologen und Frauenmörder über das «angeborene Böse» im Menschen.

Wie David gegen Goliath

Der international bekannte Berner Zahnarzt machte sein Vermögen mit der sogenannten Ledermann-Implantatschraube, mit der er nicht nur die moderne Zahnmedizin revolutionierte und zahllosen verzweifelten «Esskrüppeln» helfen konnte, sondern sich auch den Neid und die Feindschaft des Universitäts-Establishments zuzog. Der kleine Landzahnarzt wurde zum «Ketzer», zur Zielscheibe von Anfeindungen, Verleumdungen und Intrigen. Ende der 1990er-Jahre begann Ledermann neben seiner Tätigkeit als Zahnarzt auch zu schreiben. Sein Leben war sein Stoff: Das Adoptivkind aus einer Verbindung zweier verheirateter Mitglieder des Genfer Patriziats wuchs als Sohn eines Kaminfegermeisters in Meiringen auf.

Wer die nun vollendete Autobiografie von Philippe Daniel Ledermann liest – in den Romanen heisst er Pascal D. Laubscher –, sieht sich unweigerlich konfrontiert mit grossen Fragen nach der Rolle von Schicksal und Zufall im Leben eines Menschen, nach den Anteilen von Vererbung und Umwelteinflüssen bei der Ausbildung der Persönlichkeit. Ledermann ist im Oberhasli in einer «gottgefügten Ordnung» aufgewachsen, wo die Kinder wie selbstverständlich in die Fussstapfen der Eltern traten. Er aber hat seinen eigenen Weg gesucht, andere Zukunftspläne geschmiedet. Die beiden ersten Bände «Frühling» und «Sommer» (2002 und 2003 erschienen) liessen in einer üppigen, an Jugendstilgemälde gemahnenden Sprache voller kraftvoller Bilder und einprägsamer Vergleiche Kindheit und Jugend im Oberhasli wiederaufleben und zeichneten die abgebrochene Mechanikerlehre, das Gymnasium sowie das Zahnmedizinstudium in Bern nach. Der 2011 erschienene dritte Teil der Tetralogie hatte dann den Charakter eines Schlüsselromans. Die Namen seiner Widersacher in der Universität und in den Standesorganisationen waren zwar Pseudonyme, sie lagen aber klanglich bewusst nahe am Original.

Sensibilität und Angriffsmodus

Im vierten Band stehen die Zeichen einerseits auf Abschied: Seit einer Operation an der Hand hat er kaum mehr Kraft an den Schwurfingern, er übergibt seine Praxis an einen Nachfolger. Sein «Müeti» und der geliebte Hund Juri sterben ebenso wie ehemalige Widersacher und Weggefährten. «Wer ist wohl der Nächste?», lautet die unausgesprochene Frage. Bei einer Begegnung mit der grossen Jugendliebe ist nichts mehr übrig von der Magie jener Tage. Andererseits ist der Kämpfer wieder gefragt: Laubscher erhält einen «eingeschriebenen Brief», in dem ihn eine ehemalige Patientin übelster Behandlungsmethoden bezichtigt. Schnell machen seine Feinde und Gegner von einst wieder mobil und wittern ihre Chance. Laubscher stellt eigene Nachforschungen an, dringt immer tiefer in die Krankengeschichte dieser Frau ein und enthüllt schliesslich ihr Geheimnis.

Nein, Weisheit ist es nicht, was dieser hochsensible und gleichzeitig bei Bedarf umgehend in den Angriffsmodus schaltende Mann ausstrahlt. Die Wege und Umwege seines Lebens, die Auseinandersetzungen und Tiefschläge, er nimmt sie als sein Schicksal an: «Er hätte gar nicht anders gekonnt.» Ledermanns Tetralogie ist vollendet, es ist farbiges Sittenbild und zugleich eindringliches Dokument eines selbstbestimmten Lebens.

Philippe Daniel Ledermann: Die Papiereltern. Winter. Autobiographischer Roman. Verlag Schweizer Literaturgesellschaft, 460 Seiten, 41.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 18.12.2015, 07:44 Uhr

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