Anzeige gegen Bichsel

Der Künstler Andreas Müller wirft Peter Bichsel Rassismus vor. Müller habe den Schriftsteller komplett missverstanden, kontern die Herausgeber von Bichsel. Der seinerseits versucht zu beschwichtigen.

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Heute hat die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich einen eingeschriebenen Brief von Andreas Müller erhalten. Müller ist ein bekannter Roman- und Comicautor (letztes Werk: «Albert Anker reloaded»). Müller wirft Bichsel in seinem Schreiben vor, die Rassismus-Strafnorm Art. 261bis zu verletzen. Der Zürcher bezieht sich auf die Zitatesammlung «Das ist schnell gesagt» (2011, siehe Bild), eine Auswahl von Sätzen aus dem erzählerischen und essayistischen Werk des vielleicht renommiertesten Schweizer Gegenwartsautors. Müller beschuldigt Bichsel in seinem Brief, der DerBund.ch/Newsnet vorliegt, mit «Pauschalisierungen» «das grosse Deutschen-Bashing, das zurzeit in der Schweiz grassiert», zu befördern. Bichsel beteilige sich so an der «Untergrabung des sozialen Friedens». Müller konstatiert «tiefstes Stammtischniveau» und fragt rhetorisch: «Würde man in den beigelegten Texten das Wort Deutsche durch den Begriff Juden ersetzen, müsste man dann Bichsels Aussagen nicht als Antisemitismus bezeichnen?»

Müllers Anzeige wird allerdings kaum Erfolg beschieden sein, handelt es sich doch um literarische Zitate, die zudem aus ihrem Kontext gerissen wurden. So wirr Müllers Argumentation, so gering sind auch seine Erfolgsaussichten. Das sieht der Anzeiger selber ein: «Die Justiz hat schon ganz andere Sachen passieren lassen.» Auf die Vermutungen, es gehe ihm nicht um die Sache, sondern um Eigenwerbung oder gar eine Demontage des Anti-Rassismus-Gesetzes, antwortet Müller dezidiert: «Ich meine es ernst!»

Bichsel mit Verständnis

Severin Perrig, mit Beat Mazenauer Herausgeber von «Das ist schnell gesagt», erklärte gegenüber DerBund.ch/Newsnet, Müller habe Bichsel komplett missverstanden. «Bichsel ist ohne Deutschland nicht denkbar», sagt der Germanist. Deutschland sei für Bichsel eine Heimat – aus diesem Heimatgefühl heraus äussere er seine Kritik. «Bichsel hat mehr deutsche als Schweizer Leser», sagt der Hamburger weiter, um dann noch anzufügen: «Natürlich sind seine Aussagen ironisch gebrochen!» Müllers Anzeige könne er sich nur mit Frustration erklären.

Peter Bichsel selber, eben zurück aus den Ferien und über den Fall noch nicht informiert, bezeichnet die Anzeige gestern auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet als «absoluten Blödsinn». Es handle sich doch um Zitate aus seinem Werk, nicht um seine Meinung als Privatperson, sagte Bichsel. Angst vor Müllers Anzeige habe er folglich nicht. Weder er noch die Herausgeber seien deutschfeindlich gesinnt. Allerdings habe er auch Verständnis für Müllers Einwand, so präzisierte Bichsel heute: «Ich habe das Büchlein erst heute richtig durchgelesen und bin etwas erschrocken. Die Häufung der negativen Zitate ist in der Tat unglücklich.» In einer neuen Auflage müsse eine Umverteilung der Sätze vorgenommen werden.

lsch

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