Zeichen aus dem Zwischenreich

Unter den aufgetauchten Fundstücken aus dem Schweizerischen Literaturarchiv ist auch ein morbides Totenmännchen des Basler Schriftstellers Christoph Geiser.

Das Totenmännchen kam als Werbegeschenk einer pharmazeutischen Firma in die Arztfamilie Christoph Geisers.

Das Totenmännchen kam als Werbegeschenk einer pharmazeutischen Firma in die Arztfamilie Christoph Geisers.

(Bild: zvg)

«Als Vater vom Abendspaziergang […] heimkehrte und gute Nacht wünschen wollte, grinste ihm der Knochenmann entgegen, die Hand zum Gruss erhoben, auf einem Ast des verlöschenden Weihnachtsbaums sitzend.» Dieses Totenmännchen aus weichem Kunststoff ist mehr als eine skurril- makabre Idee zur Konturierung eines Familiengenrebildes. Es taucht literarisch in «Brachland», dem erfolgreichen frühen Roman Christoph Geisers, erstmals auf und ist bereits da mehrfach konnotiert. Als Zeichen für die innere Situation einer Familie, die von Gemeinschaftsverlust, Sprachlosigkeit und Gefühlsarmut gekennzeichnet ist, versinnbildlicht es die Dekadenz einer bestimmten Gesellschaftsschicht der 70er- und frühen 80er-Jahre, welche der Roman sorgfältig zergliedert. Als Handlungsgegenstand ist es Spielzeug, Weihnachtsbaumschmuck - ein Memento mori der zierlich-grausamen Art.

Das kleine, gerade mal 14 cm grosse Skelett mit ausbaubarem Innenleben kam als weihnächtliches Werbegeschenk einer pharmazeutischen Firma in die Basler Arztfamilie Christoph Geisers. Nicht nur dem Autor hat das Figürchen als Inspirationsquelle gedient: Auch seine Mutter, eine Kunstmalerin, griff immer wieder darauf zurück, das Totenmännchen gehörte zu ihrem engsten Motivkreis. Nach dem Tod der Mutter im Jahr 2003 wurde es dem Sohn vererbt und hängt seither an der Lampe in dessen Mansarde, bis es dereinst zum Archiv Geiser im Schweizerischen Literaturarchiv stossen wird.

Nach über drei Jahrzehnten der scheinbaren Ruhe feiert das Totenmännchen literarische Auferstehung in einem Kurzroman, der im Laufe der letzten fünf Jahre entstanden ist - im Juli lag er dem Literaturarchiv als Typoskript vor. «Schöne Bescherung» schliesst thematisch an «Brachland» an. Der Tod der Mutter kurz nach dem Weihnachtsfest steht ziemlich am Anfang des Textes, wo das Skelett dieses Sterben vorwegnimmt: «. . .sie tänzeln, sind zierlich, sind weisslich wie Räuchlein, flüchtig, zwischen dem Glimmern & Glitzern von Kugeln & Engelshaar, sind winkende Knöchelchen im Tanngeäst, so zierlich!, so flüchtig!, so verweht, vom Flämmchen verzehrt . . .» Und nachdem eine der letzten Vertreterinnen der Elterngeneration gestorben ist, stellt sich die Frage, was nun mit dem Leben zu geschehen habe.

Der Protagonist, ein Dichter a. D., von Beruf Erbe, durchläuft auf der Suche nach Leben und Lebenssinn diverse Stationen und Phasen und stösst dabei in verschiedensten Formen auf den Tod und dessen Vorboten. Die Fäden, die sich vom Knochenmännchen aus spannen, sind vielschichtig. Es breitet sich ein sozial, ökonomisch, politisch, historisch und kulturell gewobener Bezugsteppich aus: Da begegnen die Leser den Untoten der Reha-Klinik am See, die sich verzweifelt um Lebenserhaltung bemühen und den Tod ausblenden. Sie existieren in einem Zwischenreich, lebend, aber nicht mehr lebendig, doppelt in den Fängen der Pharmaindustrie: als Aktionäre sowie letztendlich als Opfer ihrer medikamentösen Verführungen.

Der Fitness-Club wiederum ist als Gegenstück des verzweifelten Lebenshungers, des Ankämpfens gegen Zerfall und Tod etabliert. Und in direkter Assoziation mit dem an der Lampe hängenden Knochenmännchen begegnet man unvermittelt Saddam Hussein - «mit gemischten Gefühlen». Eine andere Figur unterbricht schliesslich diesen totentanzartigen Reigen. Im Louvre trifft der Protagonist auf den mit einer Papyrusrolle ausgestatteten ägyptischen Schreiber, den scribe accroupi, der den professionellen Erben aus dem Jenseits zum poetischen Handwerk und somit zum Sinn zurückweist. Auf die initiale Frage «Was soll uns die Welt?» antworten also zwei Figuren. Sie stehen für diametral entgegengesetzte existenzielle Sichtweisen.

Greifbar und doch äusserst befremdend verbindet dieses fragile Kuriosum zwei zeitlich weit auseinanderliegende Texte und verweist dabei beispielhaft auf den komplexen Literarisierungsprozess Christoph Geisers.

Der Bund

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