Wörter, die ihn «gwunderig» machten

Ein Deutscher kommt der Liebe wegen in die Schweiz. Das emotionale Band zu einer Bernerin entfachte bei Wulf von Kries auch eine Passion für die hiesige Mundart. Das Ergebnis ist ein ziemlich persönliches Lexikon.

Eintauchen ins Meer des Berndeutschen: Der Westfale Wulf von Kries hat ein Lexikon verfasst, das sich vorab an in der Schweiz lebende Landsleute richtet.

Eintauchen ins Meer des Berndeutschen: Der Westfale Wulf von Kries hat ein Lexikon verfasst, das sich vorab an in der Schweiz lebende Landsleute richtet. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Sooli». Der aus Deutschland zugezogene Herr in reifen Jahren kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Selbst ein kommuner Einsilber liess sich in der Schweizer Mundart noch verkleinern.

Der Diminutiv treibt im Berndeutschen eben die tollsten Blüten. Aus «so» wird «sooli», um sich alsbald noch gemütvoller hinaufzuschwingen zu einem «soseli», ehe es mit «soseliso» die Klimax erreicht.

Für Wulf von Kries ist dies das reinste Hörvergnügen, ein «säuselndes Ohrenschmäuschen». Auch der Besuch bei der Zahnärztin in Bern eröffnete ungewohnte Einsichten – nicht unbedingt in die eigene Mundhöhle, sondern in die Feinheiten der Sprache.

Um die Qualität ihrer Schleifarbeit zu überprüfen, bat sie den Patienten, seine Zähne, bitte schön, «ganz fyn» zusammenzubeissen. Feinheiten sind es eben, die das zarte «fyn» vom vorzüglich schmeckenden «fein» unterscheiden.

Der 74-jährige gebürtige Westfale war als promovierter Jurist auf Raumfahrtrecht spezialisiert. Vor zwölf Jahren landete er sozusagen, von Amors Pfeilen getroffen, in Zollikofen bei Bern. Die Frage «Verstehen Sie Mundart, oder soll ich Hochdeutsch sprechen?», bekam er zu Beginn häufig zu hören.

Anfangs war er durchaus froh, wenn die Berner Gesprächspartner in die Schriftsprache wechselten. Mittlerweile ist dies jedoch nicht mehr angezeigt, denn Wulf von Kries versteht nun fast alles und hat sogar, wie er in der Einleitung zu seinem kleinen Lexikon notiert, eine «kleine Passion» für die Mundart entwickelt.

Einfach immer «lugg» bleiben

Mit seinem Lexikon will er die Leserinnen und Leser mit etymologischen und kleinen kulturgeschichtlichen Exkursen – etwa zum Stichwort «Loube, löibele» – an Wörter heranführen, sodass er oder sie innehält ob des Wohlklangs und den Begriff in seinen passiven oder gar aktiven Wortschatz übernimmt.

Das Buch hat er vorab für sich selbst geschrieben, kann sich jedoch auch gut vorstellen, dass seine deutschen Landsleute in der Schweiz davon profitieren und über die Kenntnis von sprachlichen Besonderheiten vielleicht gar ein tieferes Verständnis für die hiesigen Sitten und Mentalität aufbringen.

Aufnahme in sein Lexikon fanden «Stolpersteine», die ihn neugierig machten oder ihn zu Beginn über deren Bedeutungsgehalt rätseln liessen. «Äuä» war so ein vokalgesättigtes Allerweltswort, mit dessen Gebrauch die Berner, so die Beobachtung von Wulf von Kries, ihr ausgeglichenes und besänftigendes Wesen aufs Schönste lautlich dokumentierten. Einerseits stehe es für einen Ausruf der Verwunderung, könne aber auch als freundlich geäusserte Ablehnung verstanden werden.

Auch die Wortgruppe «lugg, lugge» fasziniert den Sprachbeobachter. Für nicht alemannische Ohren klinge dies ­zunächst höchst fremdartig, obgleich «lugg» und «locker» die gleiche mittelhochdeutsche Wurzel aufwiesen. Die Konsequenzen sind beträchtlich: Während der Deutsche in der Lage sei, das Erdreich zu lockern, muss der Schweizer im Schweisse seines Angesichts «ume­stäche» oder «häckerle».

«Bys gly» kann sehr lange dauern

Mittlerweile hat Wulf von Kries auch bei Verabredungen keine Probleme mehr. Denn er weiss jetzt, dass «Bis gly» nicht einfach so, wie der gesunde Menschenverstand durchaus vermuten liesse, «bis gleich» bedeutet, sondern eben nur «bis bald» – was zeitlich zwischen mehreren Stunden und mehreren Monaten schwanken kann.

Ob der Autor dieses vergnüglichen, bewusst subjektiv gehaltenen Lexikons wohl einmal sehr, sehr lange auf seine Berner Gattin warten musste?

Wulf von Kries: Luege. Lose. Lauere. Schweizerdeutsche Stolpersteine. 
Ein Lexikon der besonderen Art. 
Zytglogge-Verlag, Oberhofen 2014. 
120 Seiten, etwa 28 Franken.

(Der Bund)

Erstellt: 05.02.2015, 07:35 Uhr

Wulf von Kries. (Bild: zvg)

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...