Wir Sklaven der Zeit

François Loeb stellt in seinem neuen Buch Gedanken zum Phänomen Zeit an.

François Loeb hält in seinem neuen Buch Reflexionen zur Zeit fest.

François Loeb hält in seinem neuen Buch Reflexionen zur Zeit fest. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Jeder spürt sie und wird von ihr gegängelt, keiner kommt an ihr vorbei. Sie trägt uns, kann peinigen oder beglücken und manchmal auch Wunden heilen: die Zeit. Ausgestattet mit den Lebenserfahrungen eines reiferen Alters, hält François Loeb diesmal seine Reflexionen zur Zeit fest. Den Autor brauchen wir nicht vorzustellen, denn er hat einst als Warenhausinhaber und später auch als Schriftsteller längst seine «Gemeinde» gefunden. Aber es ist immer wieder erstaunlich, welche Wege seine Fantasie, seine Gedanken und seine Fabulierlust nehmen.

Nicht weniger verblüffend ist der reiche Niederschlag, den der Begriff «Zeit» in der deutschen Sprache hinterlassen hat. Die reinste Registerarie liesse sich singen. Von dieser Fülle lässt sich der Autor inspirieren, indem er aus dem Arsenal Komposita klaubt wie: Zeitpunkt, Auszeit, Zeitraffer, Zeittafel, Nullzeit, Zeitgeist und natürlich Zeitnot, um nur einige wenige zu nennen. Aber François Loeb findet darüber hinaus auch zu eigenen Prägungen wie etwa dem drolligen Zeiterling. Dieser hat in seiner Jugend Tage, Stunden, Wochen und Jahre nicht schnell genug verschlingen können; später aber, da er sich seiner Vergänglichkeit bewusst wurde, geht alles viel zu rasch vorbei, sodass «die Wochen ein Flatterschlag» sind. In einem anderen Beispiel dieser Kurztexte spricht der Autor von der Zeitpolizei, die zum Schutz des Rohstoffs Zeit eingesetzt worden ist. Diese drosselt schliesslich die Zeit so sehr, dass sieben Jahre einem Jahr gleichkommen. «Daraufhin kehrte auf der Welt erneut die gewünschte Ruhe ein, die für ein langes politisches Überleben notwendig ist.»

Absurde, traumartige, ja märchenhafte Zuspitzungen pointieren nicht selten diese Texte. Sie fallen am besten aus, wenn sie ihr Anliegen in Geschichten kleiden. Diese geben ihnen eine spielerische Note, ohne dass der Ernst der zugrunde liegenden Überlegungen verkümmern muss. Aber was wäre, wenn die Zeit ausfiele? «. . . ohne Zeit sind selbst zeitlose Denkmäler unsichtbar, ist doch der Ablauf von Zeit Voraussetzung für Geburt, Leben und Tod . . .» Für den Grossteil unseres Daseins aber sind wir den Zeiträubern ausgesetzt. Der Satz «Haben Sie eine Minute Zeit?» sollte jeden Zeitbesitzer «in höchste Alarmbereitschaft» versetzen, wie François Loeb warnt, denn da gerät man in die Fänge abgebrühter Zeitdiebe. Die übelsten Exemplare dieser Verbrecherbande lauern in den Telefonendlosschlaufen, wo sie uns zum nervtötenden Warten verdammen und die Aggressionen nähren.

Und hat man je daran gedacht, dass man von Zeitkäfern befallen werden könnte? Und zwar dann, wenn man dem Einerlei der Routinetage entrinnen möchte. Die Invasion beginnt übrigens ganz unverdächtig. Man sieht: François Loebs neues Buch verführt ebenso zum Schmunzeln wie zum Nachdenken. Aber keinesfalls sollte man mit ihm die Zeit totschlagen.

François Loeb: Zeitweichen. Allitera-Verlag, München 2017. 164 S., ca. 19.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 09.06.2017, 07:01 Uhr

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