Wenn eine Frau beim Sex zuschaut

Schriftstellerin Nora Bossong hat ein Jahr lang im Rotlichtmilieu recherchiert. Sie beschreibt das Treiben ohne moralische Besserwisserei.

Faszinierend und abstossend: Autorin Nora Bossong untersuchte das horizontale Gewerbe. Foto: Alamy

Faszinierend und abstossend: Autorin Nora Bossong untersuchte das horizontale Gewerbe. Foto: Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von Berlin nach Hamburg, von Dortmund nach Köln und von Frankfurt nach Zürich. Die deutsche Schriftstellerin Nora Bossong schaut sich in diesen Städten nicht das an, was man sonst so besucht, wenn man unterwegs ist: das Brandenburger Tor, die Elbphilharmonie oder sonstige Touristenattraktionen. Nein, sie sucht, begleitet von einem Bekannten oder Freund, die sogenannt verruchten Orte auf – Sexsalons, Swingerclubs und den Strassenstrich.

Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, will bei ihrer Recherche herausfinden, was käuflichen Sex ausmacht: Handelt es sich dabei um etwas, über das wir zu Recht die Nase rümpfen, oder geht es um eine Sehnsucht, welche uns die bürgerliche Erziehung wegerzogen hat? Wieso gibt es eigentlich keine Bordelle für Frauen? Liegt es daran, dass diese weniger Lust auf unpersönlichen Sex haben, oder daran, wie Bossongs Begleiter Viktor meint, dass Frauen jederzeit und gratis sexuelle Abenteuer haben können, wenn sie nur wollen («Sie müssen nur abends in eine Kneipe gehen»)? Schliesslich stellt die Autorin die Frage, ob Prostitution immer Ausbeutung bedeutet, oder ob es Frauen gibt, die sich freiwillig anbieten.

Beleibte Männer in Reih und Glied

«Rotlicht» besticht auf seinen 240 Seiten durch einen Blick und einen Ton, die unerwartet sind für dieses Thema. Die Autorin urteilt nicht über die Orte, sondern besucht und beschreibt sie in einer nüchternen, aber höchst anschaulichen Sprache. So hat die selbst gezimmerte Bar in einem Swingerclub, an der Männer ihre Hüften knapp mit Frottiertüchern bedecken, den erotischen Charme eines Baumarktes – was insofern seine Richtigkeit hat, als sich die beiden Gebäude im Industriegebiet befinden. Die Autorin steht aber auch nahe dabei, wenn es zu Rudelsex oder Gang-Bangs kommt und sich die beleibten Männer – sozusagen in Reih und Glied stehend – ihre Erektionen vor der Penetration mit den ihnen fremden Frauen selbst massieren.

Nora Bossong widersteht der Aufforderung, selbst mitzutun – obwohl sie sich für einen Moment vorstellen kann, in den Rausch der Orgie einzutauchen. «Wie auf einem zu dunklen Gemälde kommt mir das vor, mittelalterlich, ausufernd, eine ungeschickte Kopie von Hieronymus Boschs ‹Garten der Lüste›. Das Gemälde bewegt sich, genau vor mir heben und senken sich die Körper wild ineinander, und ich, ich könnte jederzeit mitmachen, wenn ich nur wollte. Aber vielleicht ist Wollen hier gar nicht mehr so sehr gefragt. Zum ersten Mal während meiner Recherche spüre ich einen wirklichen Sog der Faszination, eine erregende Abscheu angesichts dessen, was sich mir darbietet – was sich uns allen darbietet, wenn wir nur wollen. Wie um den Bann zu brechen, schüttele ich den Kopf und ziehe mich schnell aus dem Matratzenlager zurück.»

Wie stark ist unsere Sexualität geprägt von einer Gesellschaft, die von pornografischen Imperativen dominiert wird?

Von der detailgenauen Beschreibung dieser ambivalenten Situation geht Nora Bossong gekonnt zur Reflexion über, die mehr ist als graue Theorie: «Reine, egoistische Sexualitäten stossen ineinander, suchen die identitätslosen Sekunden des Orgasmus, die plötzlichen Tiefen in der Zeit. Sex um des Sex willen, bereinigt von allem anderen.» Als sie den Swingerclub in Kreuzberg verlässt, fragt sie sich, ob der Mann an ihrer Seite es wirklich ehrlich meint, wenn er sagt, dass Gruppenbumsen ihn kaltlasse.

«Rotlicht» ist reflexiv, aber auch selbstreflexiv. Was heisst es, so fragt die junge Schriftstellerin, dass es eine Frau ist, die die Männerorte aufsucht und damit eine Verkehrung der Machtverhältnisse zumindest andeutet? Denn bei der Prostitution geht es letzten Endes um Macht und Unterwerfung: «Offensichtlich gibt manchen die Verletzung fremder Würde einen enormen Kick. Sie spüren Macht über andere und leben sie aus.» Nora Bossong dringt in einen Bereich ein, in dem Männer das Geld – und das Sagen – haben wie sonst meist auch, aber dies in einer ungebremsten Radikalität. «Das Recht auf Sex bedeutet offensichtlich für Männer etwas anderes als für Frauen, deren Recht in der Praxis anscheinend vor allem darin besteht, sich an Männer verkaufen zu dürfen.» Die Fremde nimmt an dem Ritual des Gebens und Nehmens indirekt teil, indem sie zwei ungarische Prostituierte dafür bezahlt, dass sie ihre Geschichten aus dem Milieu erzählen (ein guter Zuhälter ist für die beiden einer, der sie nicht schlägt!).

Nahes Begleitstöhnen

Immer wieder ist Bossong angeekelt, geschockt oder abgestossen von den Zuständen, die sie im Rotlichtmilieu vorfindet. Auch wenn das dauernde Kopulieren und das Begleitstöhnen ihr mitunter viel zu nah kommen, gibt sie die Recherche nicht auf und versucht, mutig, aber mit Respekt auch in Verliese hinabzusteigen, in denen es einem schon beim Lesen mulmig wird. Aus dem Dunkel dringen von allen Seiten Stimmen an ihr Ohr, sich doch auch lustvoll hinzugeben. Dabei blitzt die Nähe zwischen Erotik und Gewalt immer wieder auf, und die Frau in dieser unterirdischen Männerparallelwelt spürt, dass sich hier alles nur um eines dreht, ums «Abspritzen in die Dunkelheit». Erst dann, als die Grenzen zwischen Männer- und Frauenkörpern ineinanderzufliessen drohen im Kellergewölbe, weiss Nora Bossong, dass auch ihr heterosexueller Begleiter lieber nach oben strebt.

Nur in der Tantra-Praxis findet die Autorin eine «stimmige Antwort darauf, wie Sexualität auch in einem Kaufprozess ihre Würde bewahren kann». Ihre Masseurin ist überzeugt davon, dass – wenn Frauen so aufwachsen würden, dass Erotik etwas Selbstverständliches ist, das man auch kaufen kann – der gesamte Markt dafür ein anderer wäre. Dies bestätigt auch Edi Stöckli in Zürich. «Filme für Frauen würden eine andere Auseinandersetzung mit dem Thema Erotik erfordern. Eine, die ich als Mann nicht kenne und nicht verstehe», gibt der «Pornokönig der Schweiz» zu, der sich selbst als 68er sieht, dessen Kampf den Autoritäten galt – auch im Bereich der Erotik. Und so stellt sich der Rechercheurin eine Frage, die uns alle beschäftigen sollte: Wie stark ist unsere Sexualität geprägt und bestimmt von einer Gesellschaft, die durch und durch von pornografischen Imperativen dominiert wird? «Die Eurythmie der Geilheit» zeigt sich etwa daran, dass in Deutschland ein Achtel aller Websiteaufrufe Pornografisches zum Inhalt hat. Wer das Buch liest, weiss wieso.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2017, 19:18 Uhr

Hanser-Verlag, München 2017.
240 S., ca. 24 Fr.

Die Autorin liest am Mittwoch, 5. Juli, um 20 Uhr im Alten Botanischen Garten Zürich.

Artikel zum Thema

«Entweder wir treffen uns jetzt zum Sex – oder ich bin weg»

Interview In «Fucking Good» schreibt Nina Wagner über Tinder-Dates und sexuelle Experimente. Uns erklärt sie das Suchtpotenzial von Dating-Apps und warum es ihr selbst zu viel wurde. Mehr...

Die Langstrasse als offizieller Strich?

Seit zweieinhalb Jahren gilt in Zürich ein neues Prostitutionsgesetz. Die Linke hält die Regeln für zu streng und will sie lockern. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Hammerschlag für die Kunst: 15 Asylsuchende aus Afghanistan, Eritrea und Sri Lanka arbeiten im Kunstsilo in Emmen für die Ausstellung «Ich bin hier». (21. September 2017)
(Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey) Mehr...