Wenn das Denken ins Torkeln gerät

Ein Text wie ein wanderndes Mikroskop: Andri Beyelers «Mondscheiner».

Beim Werk des Schaffhauser Buchautor Andri Beyeler muss man sich zunächst «einhören».

Beim Werk des Schaffhauser Buchautor Andri Beyeler muss man sich zunächst «einhören».

(Bild: Beat Schweizer)

Regula Fuchs

Gar nicht so einfach zu sagen, was das überhaupt für eine Art Text ist. Rein typografisch gesehen könnte «Mondscheiner» ein Theaterstück sein. Drei Stimmen gibt es nämlich, «Der Andere», «Er» und «Die Eine», deren Repliken in vertikalen Kolonnen gedruckt sind, linksbündig, mittig, rechtsbündig.

Wobei, gesprochen wird hier nichts. «Mondscheiner» ist eher ein Kopftheater aus Gedankenströmen, in dem Andri ­Beyeler die Stimmen wie in einer Partitur nebeneinandersetzt. Eine Partitur, die nicht nur mit Rhythmus, Refrains und wiederkehrenden Motiven spielt, sondern die einen ganz eigenen Sound hat, in den man sich erst ein wenig einlesen muss – oder besser: einhören. Denn bald erscheint beim Lesen das Schaffhauserische, in dem Beyeler schreibt, als mentales Klangbild. «ich hock dihei / hock i ide Chuchi / am Fänschter hock i, / und sind doh nid, / doh sind doch / Schritt uf de Schtäge / sind doch doh / sind eimol meh / d Schritt vom Nochber.» Es ist aber nicht nur ein Klangbild, das hier erscheint, es sind auch die Silhouetten der drei Figuren, die Beyeler allmählich aus dem lyrischen Flow auftauchen lässt. Da ist also «Der Andere», der zu Hause in seiner Einsamkeit hockt, auf die Schritte des Nachbarn lauscht und aufschreckt, weil ihm in den Sinn kommt, dass er ja jemanden treffen wollte, ein «Du». Also ab in die Beiz.

Mehr Ahnung als Gewissheit

Dorthin will auch «Er», der als Erstes gleich aufs Perron stürzt, auf den «Latz». Er ist einer, der zurückkehrt, man weiss nicht wohin, um am Ende doch in der Beiz zu landen. Dort, wo auch «Die Eine» ist, die Kellnerin, die zwischen den Tischen hin- und herrennt und zwischen den Blicken der Gäste: «immer lueget eine vo irgendwohär lueget / immer irgendeini und wünscht sich, ich würd luege».

So bringt der 1976 geborene Schaffhauser, der schon lange in Bern lebt, die drei Gedankenströme am selben Ort zusammen, im Spunten, wo viele hocken «we beschtellt». Und Beyeler lässt das Denken seiner Figuren kreisen, es gelangt vom Banalen zum Zentralen oder streift wie ein versonnener Blick durch den Raum, an jenen vorbei, die an der Bar in ihre Gläser stieren, oder an jenen, die Jasskarten auf den Tisch klopfen und Sprüche dazu. Zeitweise scheint es, als sei dieser Text ein über seinen Gegenstand wanderndes Mikroskop, das die Details übergenau werden lässt, während das Ganze mehr Ahnung als Gewissheit ist.

Die andere oder doch die Richtige

Auf jeden Fall sind die drei Personen, deren Gedanken wir hier lesend lauschen, im Leben Gestrandete, in Warteschlaufen Gefangene, an Ort Tretende, «ab de Schtrecki cho / und uf de Schtrecki blibe». Oder sitzt sie da doch, jene, auf die «Der Andere» die ganze Zeit wartet? Nein, es ist eine andere. Aber im Nachhinein wars vielleicht doch die Richtige. Wer weiss das schon.

Überhaupt, mit der Wahrnehmung ist es so eine Sache, vor allem, wenn es vielleicht ein paar «Bächer Tunkels» zu viel gewesen sind. Da beginnt dann auch das Denken zu torkeln. Schliesslich, so sagt es jedenfalls das Nachwort, bezeichnet «Moonshiner» die amerikanischen Schnapsbrenner, die während der Prohibition im Schutz des Mondlichts ihrem Geschäft nachgingen. Trotzdem ist «Mondscheiner» keine typische Schweizer Beizenliteratur, zu kunstvoll arrangiert ist diese Sprache, für deren Lektüre man seine Sinne einigermassen beisammen haben muss.

Am besten stellt man sich «Mondscheiner» als Song vor, den man mehr als einmal hören kann – und der sein Geheimnis doch nie ganz preisgibt. Und damit grosse Literatur ist.

Andri Beyeler: Mondscheiner. Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2018. 175 Seiten, etwa 23 Franken.

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