Warhol, der wandelnde Widerspruch

Der holländische Zeichner Typex erzählt in seiner Graphic Novel «Andy» eine Geschichte der Popkultur – und schafft damit selbst ein Stück Pop Art. 

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Sein Manager schimpft: «Der Song ist grässlich, und das weisst du auch. Du kommst nicht mal als Künstler vor, nur als Barmann.» Andy Warhol ist da anderer Ansicht: «Das ist ein grossartiger Song. Und ich bin auch nur ein käufliches Gesicht, ein Produkt.» Die beiläufige Szene im Comic «Andy» zielt auf die Essenz dieser Jahrhundertfigur, ihren Konsumwert. Es geht um das Musikvideo «Hello Again» der US-Band The Cars. Warhol spielt darin nicht nur den Barkeeper (von dem man kaum mehr sieht als die charakteristische Perücke), er ist auch Co-Regisseur des Clips. Das war 1984, Warhol war 56-jährig, und es sollte eine der letzten Neuerfindungen dieses manischen Neuerfinders in eigener Sache sein. Drei Jahre später war er tot.

Was von Warhol blieb, ist eine Kunstrichtung, die sich aus Bildern der Massenkultur speist und Produkte zu Ikonen erhob: die Pop Art. Ein Mix aus Glorifizierung, leuchtenden Farben und Ironie. Fragt sich bloss, wie man als Comiczeichner einer Figur beikommen soll, die mit ihrem comicartigen Werk die Nachkriegszeit prägte.

Der Holländer Typex (alias Raymond Koot) geht Warhols Leben und Werk in «Andy. A Factual Fairytale» chronologisch an. Als Erstes sehen wir den kleinen Andy, wie er – ermuntert von zum Leben erweckten Comicfiguren und seiner Lieblingsschauspielerin Shirley Temple – durch den Spiegel steigt. Ein Traumprolog. Und ein Eintrittsticket in die Welt der Helden. Danach folgen wir einem schüchternen jungen Maler, der Comics abzeichnet und damit erste Erfolge feiert, aber deprimiert ist, als er Ähnliches bei Roy Lichtenstein entdeckt. Dann legt der ursprüngliche Werbegrafiker Warhol erst richtig los. Mit seinen berühmten Suppendosen-Siebdrucken, mit den ikonischen Porträts von Marilyn Monroe oder Elvis Presley.

Vielfalt der Stile 

Mit diesen Stars wird er selbst zum Star, in seinem Factory-Atelier schart er Künstler, Selbstdarsteller und Drogenfreaks um sich. Die enge Beziehung zur Mutter (mit der Warhol noch als Erwachsener zusammenwohnt) wird im Comic ebenso thematisiert wie die zunächst verschämt ausgelebte Homosexualität. Es folgen der Mordversuch von Valerie Solanas (vor blutrotem Hintergrund), die immer ungezügelteren Partys, die immer grössere Vereinsamung, schliesslich der Tod im Spital. Andy Warhol stirbt 1987 nach einer Routineoperation an der Gallenblase.

Das alles ist auch für Nachgeborene ein Erlebnis, da sich Typex’ Graphic Novel von vergleichbaren Biografien deutlich abhebt. Das beginnt beim Stil. Jedes der zehn Kapitel ist dem jeweiligen Zeitabschnitt nachempfunden, was bedeutet, dass der Held sich im Comic fortlaufend verändert. Auf skizzenhafte Kapitel, teils in Schwarzweiss gezeichnet, folgen knallbunte Welten und umgekehrt. Allein die opulenten Splashpanels mit ihren zeitlich versetzten Mehrfachzeichnungen wären eine eigene Studie wert. Und ist das Seitenraster von 3×3 Bildern pro Seite mal zu eng, werden Gesichter einfach auf mehrere Panels verteilt.

Da wird ein Leben in unterschiedlichen Geschwindigkeiten sichtbar. Und es rauscht ein Stakkato der Berühmtheiten vorbei, wobei Typex die wichtigsten Exponenten mittels Sammelkärtchen zu Beginn jedes Kapitels präsentiert. Wir sehen Warhols Begegnungen mit Salvador Dalí, Blondie, Jean-Michel Basquiat oder Donald Trump. Hauptsächlich geht es in «Andy» jedochum Velvet Underground, jene Band, deren Debütalbum Warhol produzierte. Ein Highlight des Comics ist die Reise dieses drogenverseuchten Haufens ins damalige Hippiezentrum San Francisco: Hier die schwarzweissen Heroinfreaks aus New York, dort die bunten Blumenkinder von der Westküste.

«Mm-mmmh», «Äh… ja» 

Einen hohen Stellenwert geniesst in «Andy» auch Edie Sedg-wick, ein Model aus gutem Hause, das Warhol zur Muse erhob. Edie ist die Einzige, die das Geschehen kommentieren darf. Was Warhol von sich gibt, beschränkt sich dagegen auf «Mm-mmh», «Äh… ja» oder «Äh… nein». Der einflussreiche Förderer und Kurator Henry Geldzahler ist begeistert: «Sie sind der verdammte Oscar Wilde dieser Generation.»

In solch grotesken Momenten wird Andy Warhol fassbar. Als wandelnder Widerspruch. Als Voyeur. Als stummer Despot. Ein Lover bezeichnet ihn mal als «12-jähriges Schulmädchen, das seinen Willen durchsetzen will». Warhol schweigt. Später wird er sagen: «Wenn Fantasien wahr werden, stellt sich immer raus, dass andere sie leben und man selbst nicht reinpasst… Mit Fantasien bin ich fertig.» Er meint das in Bezug auf seine Homosexualität. Es ist der vielleicht traurigste Satz in dieser Graphic Novel, die einen Meister der Pop Art abbildet – und selbst ein Stück Pop Art geworden ist.

Typex: «Andy. A Factual Fairytale». Carlsen, Hamburg 2018.562 S., ca. 73 Fr. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.10.2018, 19:04 Uhr

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