Viel frisches Geld für die Schweizer Literatur

Dem Bundesamt für Kultur stehen 800'000 Franken für neue Bücherpreise zur Verfügung. Und das Amt weiss schon, wie sie verteilt werden sollen. Der Schweizer Buchpreis wird dabei nicht berücksichtigt.

Bild: Felix Schaad

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Heute wird der Schweizer Buchpreis auf der Buch Basel zum vierten Mal verliehen. Eine junge Auszeichnung, die vom Basler Veranstalter und dem Schweizerischen Verleger- und Buchhändlerverband (SBVV) gemeinsam vergeben wird und die sich in kurzer Zeit Aufmerksamkeit und Anerkennung erarbeitet hat, wie dies keinem Literaturpreis der Schweiz je gelungen war. Das schlägt sich auch in den Auflagen der bisherigen Sieger Rolf Lappert, Ilma Rakusa und Melinda Nadj Abonji nieder.

Als der Schweizer Buchpreis 2008 geschaffen wurde (auf Initiative von Egon Ammann), war das der Versuch, ein Vakuum zu füllen. Denn in der Schweiz rollt der Franken zwar unentwegt von Kommunen und Kantonen zu fleissigen Autoren, in Form von Werkjahren und Arbeitsstipendien. Aber eine grosse, repräsentative literarische Auszeichnung fehlte der Schweiz.

Langweiliger Proporz

Der Grosse Schillerpreis der gleichnamigen Stiftung, alle vier bis sechs Jahre verliehen, also etwas Seltenes, das etwas Strahlendes sein müsste? Ein Witz, wenn es nicht so traurig wäre. Man frage einmal einen literarisch gebildeten Schweizer, wer ihn die letzten Male erhalten hat. 2010: Philippe Jaccottet. Wunderbar. 2005: Erika Burkart. Gut. 2000: Grytzko Mascioni – ein Tessiner, von dem bis heute kein einziges Werk ins Deutsche übersetzt worden ist, was alles über die Ausstrahlungskraft des Preises aussagt.

Den Gekürten, wenn man ihn denn schon so überragend findet, auch bekannt zu machen: Darum haben sich Jury und Stifterkreis nie geschert. Ausserdem sorgt die streng nach Proporz zusammengestellte Preisjury dafür, dass in schöner Regelmässigkeit alle Landessprachen drankommen.

Ein gemeinsames Problem

Damit sind die beiden Gründe benannt, weshalb der Grosse Schillerpreis erfolglos blieb und der Schweizer Buchpreis reüssierte. Dieser beschränkt sich auf eine Sprachregion – wenn auch die bei weitem grösste –, und er steckt beachtliche Anstrengungen in die Vermarktung des Preisbuches (sowie, nicht zu vergessen, der vier anderen Finalisten, die im Auswahlprozess übrig geblieben waren).

Schillerpreis und Schweizer Buchpreis haben ein gemeinsames Problem, es ist das aller privaten Kulturinitiativen: das Geld. Deshalb haben sie genau verfolgt, was sich im Zuge von Kulturfördergesetz und Kulturbotschaft abgezeichnet hat: eine neue Literaturpreisinitiative des Bundes. 800'000 Franken jährlich liegen dafür bereit, eine stolze Summe, für die gleich mehrere grosse Preise vergeben werden können. Genau das hat das Bundesamt für Kultur (BAK) vor.

Die Hälfte für Preisgelder

In einem Szenario, das dem TA vorliegt, werden ein nationaler Literaturpreis, ein Übersetzerpreis, ein Preis für ein Lebenswerk, ein «Prix Courage» für eine verdiente Person im Literaturbetrieb, dazu weitere Auszeichnungen für Lyrik und Kinderbuch angekündigt. Franziska Burkhardt, Leiterin der Abteilung Kulturschaffen und federführende Architektin des neuen Literaturpreisgebäudes, bekräftigt im Gespräch die feste Absicht, mindestens 50 Prozent der vorgesehenen Gelder direkt in Preissummen umzusetzen.

Mit den bestehenden Preisen, heisst es in der Kulturbotschaft, solle möglichst zusammengearbeitet werden. Das BAK hat in den vergangenen Monaten viele Gespräche geführt und danach sein Preisszenario formuliert. Dieses wurde, so Franziska Burkhardt, von allen Interessierten gut aufgenommen – mit Ausnahme des SBVV. Dessen Geschäftsführer Dani Landolf hatte «schon bei den Gesprächen das Gefühl, gegen eine Wand zu reden».

Denn anders als der Schillerpreis, der in einem Lebenswerkpreis auf- und untergehen kann, hat das BAK für den Schweizer Buchpreis keine Verwendung. Als nationales Amt (es gehört zum EDI Didier Burkhalters) muss das BAK alle Landessprachen berücksichtigen, ein neuer nationaler Literaturpreis muss gewissermassen viersprachig sein. Der Schweizer Buchpreis, so Franziska Burkhardt, ist eben nur ein Deutschschweizer Buchpreis.

Mehrsprachige Jury

Ein eidgenössischer Preis, der alle Landessprachen berücksichtigt oder auch gegeneinander antreten lässt – der braucht eine Jury mit Juroren, die Deutsch, Französisch, Italienisch (und streng genommen auch Rätoromanisch) so gut beherrschen, dass sie literarische Werke lesen, würdigen und miteinander vergleichen können. Schwierig, wenn nicht unmöglich, sogar in der Schweiz, wo es sicher mehr bi- und trilinguale Leser gibt als anderswo in Europa.

Franziska Burkhardt indes ist überzeugt, dass es genügend derartig befähigte Juroren gibt. Mit ihnen – die Jury soll bereits in den nächsten Monaten berufen werden – will sie das Preiskonzept im Detail ausarbeiten, die genaue Verteilung der Preissummen, das Verfahren und den Zeitplan. Im Dezember 2012 soll die erste Nominationsliste fertig sein. Sie könnte zehn Namen umfassen, aus allen Landesteilen. Der erste Träger des neuen eidgenössischen Literaturpreises würde bei den Solothurner Literaturtagen gekürt – also erst im Mai 2013.

Buchpreis aussen vor

Der Schweizer Buchpreis bleibt bei all diesen Plänen aussen vor. «Das Projekt wird nicht bestehende Literaturpreise unterstützen», heisst es im Papier des BAK. Wird der privat finanzierte Schweizer Buchpreis im immer härteren Kampf um Sponsorengelder und angesichts der finanziell übermächtigen Konkurrenz aus öffentlichen Kassen untergehen? Und trüge das BAK in seiner klaren Ausgrenzungspolitik nicht Schuld daran, einer erfolgreichen Privatinitiative den Garaus gemacht zu haben? Franziska Burkhardt, dieser toughen und energischen Mittvierzigerin, ist die Frage sichtlich unangenehm, weil sie ihre Berechtigung sieht. Aber als BAK-Vertreterin kann und will sie von der Viersprachigkeit nicht abrücken.

Auch das vom SBVV erarbeitete Kompromissmodell kommt für sie nicht infrage. Dieses sieht vor, den Schweizer Buchpreis zu erhalten, künftig mit BAK-Geldern zu finanzieren und ihn unter ein eidgenössisches Dach zu stellen, neben einen noch zu schaffenden entsprechenden «Prix Suisse du Livre» und einen «Prezzo Svizzero del Libro». Über ihnen würde, dem gesamtschweizerischen Gedanken verpflichtet, ein Preis für das Lebenswerk schweben.

Das Modell wirkt plausibel. Warum das BAK es ablehnt, will nicht recht einleuchten. Allenfalls vermuten (und aus Zwischentönen im Gespräch heraushören) kann man, dass dem BAK das starke Interesse der Träger des Schweizer Buchpreises nicht behagt, das gekrönte Buch auch gut zu verkaufen. Für Dirk Vaihinger, Verleger und SBVV-Vizepräsident, ist dies ganz klar der Grund, weshalb das BAK den Schweizer Buchpreis nicht unterstützt: «Der Preis scheint mit dem schmutzigen Vorgang des Marketings verunreinigt.» In dieser Ablehnung erweise sich das BAK aber als realitätsblind. Denn der Sinn von Literaturpreisen könne nur sein, guten Büchern ein breites Publikum zu verschaffen – anstatt bloss ihren Autoren mehr Geld.

Der Autor war 2008 bis 2010 Mitglied der Jury des Schweizer Buchpreises.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2011, 08:37 Uhr

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