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Web-Pionier Jaron Lanier will uns vor Social Media retten. Seine Warnungen sind dringlich.

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Er schreibt, wie er aussieht. Verwegen, wild, jenseits der Konvention – und ein wenig verpeilt. Ein Bestseller-Sachbuch, das ähnlich chaotisch gegliedert ist wie «Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst», muss man erst mal finden. Jaron Lanier blendet aus und ein, nimmt vorweg und schaltet zurück, resümiert Kapitel auf halber Strecke. Dazu kommen erratische Querverweise und Lesetipps, eigentliche Lesebefehle («Das bezieht sich auf das Drama ‹Geschlossene Gesellschaft› von Jean-Paul Sartre; sieh es dir an!»). Lanier schrieb offenbar unter Zeitdruck, musste noch den Skandal um Cambridge Analytica einbauen. Die Firma ist ein Beispiel für die Theorie, die im Zentrum von Laniers Buchs steht: Die «Bummer»-Theorie.

Der kalifornische Computerphilosoph erweist sich einmal mehr als Meister der Namensgebung. «Digitalen Maoismus» nannte Lanier die Verklärung der Schwarmintelligenz im Web, als «Sirenen-Server» bezeichnete er die globalen Digital-Unternehmen, die Aufmerksamkeit und Geld ansaugen. Und nun eben: «Bummer». «Bummer» bedeutet so viel wie «grobe Enttäuschung», Lanier nutzt die Anfangsbuchstaben des Worts: «Behaviours of Users Modified, and Made into an Empire for Rent.» Facebook, Twitter, Instagram: Das sind für Lanier also Systeme, die das Verhalten ihrer Nutzer verändern und von Kunden gemietet werden können. Die Kunden sind Werbefirmen, die Produkte verkaufen wollen, oder Unternehmen mit politischen Absichten wie eben Cambridge Analytica. Die Nutzer sind wir alle. Lanier zeigt, was eine Bummer-Maschine wie Facebook antreibt: Vor allem negative Emotionen. Warum? Weil sie leicht zu wecken sind und heftige Diskussionen garantieren. «Arschloch-Kommunikation» nennt das Lanier.

«Wofür sollten sie sonst bezahlen?»

Es ist nun nicht so, dass das Mark Zuckerberg gefallen muss, er ist ja nicht Darth Vader. Doch wenn die Nutzer mäkeln und nörgeln, motzen und brüllen, dann brummt seine Plattform erst so richtig. Und je mehr Beiträge usw. entstehen, desto attraktiver wird Zuckerbergs Maschine für die Kunden. Also werden Algorithmen eingesetzt, die drastische Äusserungen herausfiltern und befördern. Ob die Nutzer auf Facebook deshalb verrohen, kann den Kunden egal sein: Sie interessiert in erster Linie die Frage, ob die Bummer-Maschine erfolgreich manipulieren kann. Lanier: «Denn wofür sollten sie sonst bezahlen? Wie könnte Facebook denn sonst erklären, dass es zig Milliarden Dollar einnimmt – wofür?»

Facebook führte Experimente mit traurigen Beiträgen durch, und siehe da: Wer ständig traurige Beiträge zu lesen bekam, begann, selber traurigere Beiträge zu schreiben. Für Facebook war die Studie Gold wert, denn sie zeigte, dass die Manipulationsmaschine funktionierte. Ein anderes bedrückendes Beispiel gibt Lanier mit «Black Lives Matter», der afroamerikanischen Bewegung gegen Polizeigewalt. Auch deren Facebook-Beiträge wurden selektioniert: Polarisierende Beiträge wurden beworben, leise beiseitegelassen. Facebook schlug Kapital aus der Wut, russische Agenten nutzten sie politisch. Sie stachelten die Wut weiter an und lenkten sie mit Fake-Accounts und Bots gegen Hillary Clinton. Ziel war dabei nicht, Afroamerikaner für Trump zu begeistern – das wäre zu aufwendig gewesen –, sondern sie so zynisch zu stimmen, dass sie nicht wählen gingen.

Mit vifem Stil

Lanier, der sich vom Cyberspace einst ein Utopia erhoffte, reagiert auf die jüngsten Entwicklungen im Web zornig wie ein Pastor der 1920er, der seine erste Radiowerbung hört. Am Ende jedes Kapitels fordert Lanier die Leserin ultimativ auf («Du, ja du»), alle Social-Media-Accounts aufzulösen, damit den schädlichen Bummer-Maschinen endlich der Lebenssaft ausgehe. Was Lanier nicht beachtet: Dass das Geschäftsmodell der Nutzermanipulation weiterbestehen dürfte, selbst wenn Facebook und Co. weg wären – auf Suchmaschinen etwa oder Videoportalen. Die neusten Datenschutzverordnungen und Zuckerberg-Entschuldigungen konnte Lanier bei aller Eile nicht mehr berücksichtigen, auch als Internet-Autor ist er an die Bedingungen des Buchdrucks gebunden.

Lanier erzählt in vifem, teils saloppem Stil, der den düsteren Stoff unterhaltsam lesen lässt. Neu sind seine Inhalt jedoch meist nicht. Lanier stützt sich stark auf Recherchen der «New York Times» und des «Guardian». Seltener als in früheren Texten kann er eigenes Wissen und seine langjährige Branchenerfahrung ausspielen. Originell wird Lanier dann, wenn er über Technologien en détail nachdenkt, zum Beispiel über die Zukunft des Audio-Podcasts. Im Web der Video- und Textschnipsel gilt dieses Medium als letztes Refugium der Reflexion. Das könnte sich bald ändern, wie Lanier zeigt, auch dieses scheinbar unknackbare Medium könnte bald fragmentiert werden: Mittels Stimmenimitation, eingestreuter Werbung, per Stichwort arrangierten Ton-Collagen.

Selbstmythisierung

Ansonsten wiederholt Lanier seine Kritik an der Gratiskultur im Web, die er in seinem letzten Buch «Wem gehört die Zukunft?» ausführlich beschrieben hat. Erneut stimmt Lanier das Klagelied des reuigen Pioniers an, dem die Konstruktionsfehler des Webs leidtun – was natürlich Teil der Selbstmythisierung ist. Die Glaubwürdigkeit des Kritikers Lanier basiert auf den Meriten des Pioniers und Praktikers. Der 58-Jährige gehörte zu jenen Cyber-Hippies, die sich bereits in den 1980ern mit «Virtual Reality» beschäftigten und die diesen Begriff mit als Erste benutzten, er arbeitete für Atari und an einem «Datenhandschuh».

Die ältlichen Passagen in seinem Buch erinnern daran, dass man anstelle der Bekenntnisliteratur, die derzeit um die IT-Giganten der Bay Area herum blüht, lieber mal etwas von den raffinierten Mazedoniern lesen würde, die mit Fake News im US-Wahlkampf einen Haufen Geld gescheffelt haben. Oder von den Russen, die die Bummer-Maschinen clever genutzt und den Westen übertölpelt haben. Oder einen echten Insider-Bericht, etwa über die streng geschützten Algorithmen von Google und Co. Das Web, warnt Lanier, stehe wegen der zerstörerischen Bummer-Maschinen am Wendepunkt. Das gilt auch für Lanier als Autor. Sein nächstes Buch enthält hoffentlich weniger alte News und etablierte Kritik, dafür frischere Gedanken.

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst. Übersetzt von Martin Bayer und Karsten Petersen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 180 Seiten, zirka 20 Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2018, 17:43 Uhr

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